RTL sucht die Supershoweröffnung — und findet sie beim ESC

Es ist für eine so strun­zunkrea­tive Pro­duk­ti­ons­firma wie die Grundy Light Enter­tain­ment ver­mut­lich nicht leicht, sich für das groß gemeinte Finale von »Deutsch­land sucht den Super­star« einen halb­wegs orgi­nell wir­ken­den Sen­dungs­auf­takt ein­fal­len zu las­sen. Und natür­lich lässt sich jeder Macher bei der Arbeit von bereits Dage­we­se­nem beein­flus­sen. Ich war dann aber trotz­dem über­rascht, als ich ges­tern gese­hen habe, was die RTL-Leute sich bei der Show ges­tern zum Vor­bild genom­men haben — und in wel­chem Maße sie sich davon haben inspi­rie­ren lassen.

Wenn Sie bitte mal schauen und stau­nen mögen:

(Natür­lich ist der DSDS-Beginn auch und erst recht 13 Jahre spä­ter nicht halb so cool wie das Opening des Euro­vi­sion Song Con­test 2000 in Stock­holm. Ich wär aber auch gern beim DSDS-Autorenbriefing dabei gewe­sen… »Und dann sollte der Off-Sprecher irgend­et­was sagen, dass die Leute wis­sen, dass die Show jetzt beginnt.« — »Da fällt mir schon was ein.« — »Haupt­sa­che, das Saal­pu­bli­kum weiß, dass es dann sofort aus­ras­ten muss.« — »Läuft.«)

Die schlechten Menschen von »Deutschland sucht den Superstar«

Bei »Deutsch­land sucht den Super­star« gibt es drei Grup­pen von Men­schen, deren Ver­hal­ten ich nicht verstehe.

Die erste sind die Leute, die das gucken. Sie­ben­ein­halb Mil­lio­nen haben die erste Folge der neuen Staf­fel gese­hen — obwohl die Sen­dung so bere­chen­bar, for­mel­haft und aus­ge­walzt ist wie kaum eine andere.

Das zweite sind die Leute, die da hin­ge­hen. Zig­tau­send Kan­di­da­ten hat­ten sich wie­der bewor­ben — obwohl sie wis­sen könn­ten, dass sie nur Roh­ma­te­rial für eine Maschi­ne­rie sind, die bes­ten­falls ver­spricht, nach einem absur­den Auf­wand und vie­len Demü­ti­gun­gen, eine ein­zige erfolg­rei­che Sin­gle zu produzieren.

Das dritte sind die Leute, die das produzieren.

Über die ers­ten bei­den Grup­pen ist aus­dau­ernd dis­ku­tiert wor­den. Über die Anzie­hungs­kraft der Show auf das Publi­kum und noch viel mehr über die Frage, ob man die Men­schen, die dort mit­ma­chen, vor sich selbst schüt­zen müsste. Einige der Kan­di­da­ten, über die sich RTL aus­führ­lich lus­tig macht, wir­ken geis­tig behin­dert. Aber ers­tens ist das kein kla­res Kri­te­rium und zwei­tens keine Ant­wort auf die Frage, wie man mit ihnen umge­hen müsste. Diese Leute dür­fen, mut­maß­lich, wäh­len, Geld aus­ge­ben, hei­ra­ten, ihr Leben selbst bestim­men. Womög­lich haben sie auch das Recht, sich vor der Nation zu Dep­pen zu machen.

Es ist wie beim alten Dilemma vom Zwer­gen­weit­wurf: Ver­stößt eine sol­che Ver­an­stal­tung gegen die Men­schen­würde oder gehört zu die­ser Men­schen­würde, im Gegen­teil, auch das Recht eines Zwer­gen, sich aus freien Stü­cken zum Objekt eines sol­chen Spek­ta­kels zu machen?

Min­des­tens so inter­es­sant finde ich aber eine andere Frage: Was sind das für Men­schen, die mit Zwer­gen wer­fen wollen?

Auf »Deutsch­land sucht den Super­star« bezo­gen, ist das natür­lich die­je­nige der ein­gangs genann­ten Grup­pen, deren Ver­hal­ten ober­fläch­lich am ein­fachs­ten zu erklä­ren ist: Leute arbei­ten für »Deutsch­land sucht den Super­star«, weil sie damit Geld ver­die­nen. Sie tun nur ihren Job.

Und doch ver­stehe ich diese Gruppe am wenigs­ten. Ich kann die Scha­den­freude beim Gucken nach­voll­zie­hen, ich kann die Selbst­täu­schung der Kan­di­da­ten erah­nen, aber ich weiß nicht, wie ver­kom­men man sein muss, um die Liebe einer tod­kran­ken Frau zu ihrem Sohn, der sie rund um die Uhr pflegt, als Mit­tel zu benut­zen, um seine öffent­li­che Demü­ti­gung zu maximieren.

Der drei­ßig­jäh­rige Ste­fan hat nichts von einem Super­star, er hat nicht ein­mal etwas von einem RTL-»Superstar«. Er kann nicht sin­gen; er ist, wenn er es vor der Jury ver­sucht, eine lächer­li­che Figur. Ande­rer­seits bringt er eine unge­wöhn­lich tra­gi­sche Lebens­ge­schichte mit sich.

Das ist eine unge­wöhn­li­che Kom­bi­na­tion von zwei Eigen­schaf­ten, die RTL für seine Show braucht, sonst aber streng trennt: Eigent­lich sind es die Gewin­ner, die die per­sön­li­chen Schick­sale mit­brin­gen und dadurch noch bewun­derns­wer­ter wirken.

Ste­fan erzählt Die­ter Boh­len und den zwei Jury­sta­tis­ten von sei­ner Liebe zur Musik und von sei­nem har­ten Leben. Nach­dem er gesun­gen hat, bemü­hen sich die drei, ihm unge­wöhn­lich scho­nend bei­zu­brin­gen, dass er nicht in die nächste Runde kommt. Jedem Zuschauer ist klar, dass das milde Urteil nicht die wahre Leis­tung wider­spie­gelt, son­den raus­schließ­lich Zei­chen des Respekts ist vor dem per­sön­li­chen Schick­sal des Kan­di­da­ten. Selbst Die­ter Boh­len schafft es, eine mensch­li­che Seite von sich zu zeigen.

Kurz.

Dann ist der Kan­di­dat gegan­gen und Boh­len sagt zu der Frau neben sich: »Hätte er die kranke Mut­ter nicht, hätte ich ihn fer­tig gemacht.«

Das war den Zuschau­ern schon klar. Aber dass Boh­len es aus­spricht und dass RTL es aus­strahlt, gibt dem gan­zen eine andere Dimen­sion. Boh­len schafft es, gleich­zei­tig zu beto­nen, dass er zu Mit­leid fähig ist, und seine Mit­leids­lo­sig­keit zu demons­trie­ren, indem er dem Kan­di­da­ten und der Welt auf die­sem Weg trotz­dem noch mit­teilt, dass er rich­tig scheiße war — nur damit da keine Miss­ver­ständ­nisse bleiben.

Wäh­rend des Auf­trit­tes des Kan­di­da­ten hatte die Pro­duk­tion ihre eigene Skru­pel­lo­sig­keit bewie­sen. Wäh­rend er die letz­ten Zwei­fel, ob er wirk­lich so schlecht ist, weg­sang, schnitt sie noch ein­mal die Aus­sa­gen sei­ner Mut­ter dazwi­schen, die sich wünschte, dass DSDS für ihn ein »Sprung­brett« sein könnte, »weg von sei­ner kran­ken Mut­ter«. Mit bil­ligs­tem Gei­gen­kitsch und ver­dun­kel­ten Zeit­lu­pen­auf­nah­men hat­ten RTL und die Pro­duk­ti­ons­firma Grundy die Geschichte der tod­kran­ken Frau, die im Roll­stuhl sitzt und einen Sau­er­stoff­schlauch trägt, vor­her in Szene gesetzt — rei­ner Zynis­mus, wie sich herausstellte.

Wäh­rend Ste­fan seine Talent­lo­sig­keit zeigte, zeigte RTL noch ein­mal, wie seine Mut­ter schwärmte: »Ste­fan ist der neue Super­star. Und er hat das Talent.«

Diese Dis­kre­panz zwi­schen der Liebe und Hoff­nung einer Mut­ter und der Rea­li­tät wäre dem Zuschauer auch so schmerz­haft bewusst gewor­den, aber die Pro­du­zen­ten von »Deutsch­land sucht den Super­star« gin­gen auf Num­mer sicher und schnit­ten das direkt inein­an­der. Sie benutz­ten Ste­fan und sei­nen miss­ra­te­nen Auf­tritt, um seine kranke Mut­ter zu ver­höh­nen. Und sie nutz­ten die kranke Mut­ter und ihren ver­klär­ten Blick auf ihren Sohn, um Ste­fan zu verhöhnen.

Ganz unab­hän­gig davon, wie der Kan­di­dat das fand, der anschei­nend dank­bar war, dass er über­haupt teil­neh­men durfte: Das muss man erst ein­mal tun wollen.

Das ist die Frage, die ich mehr als jede andere stelle, wenn ich »Deutsch­land sucht den Super­star« gucke: Was sind das für Men­schen, die an einer solch ver­kom­me­nen Insze­nie­rung mit­wir­ken? Tom Sän­ger, der Unter­hal­tungs­chef von RTL, hat ein­mal gesagt: »Wir sind sehr dar­auf bedacht, die Akteure nicht zu beschä­di­gen.« Ich weiß nicht, ob das Zynis­mus ist. Oder ob man, wenn man lange genug in die­sem Umfeld gear­bei­tet hat, abstumpft. Oder ob es doch ein­fach schlechte Men­schen sind, die dort arbeiten.

(Den Auf­tritt kann man sich bei Clip­fish ansehen.)

»Der Verlierer steht für immer im Schatten«: Das Weltbild von DSDS

Elf Minu­ten sind im Fern­se­hen eine lange Zeit. Elf Minu­ten sind eine halbe Sitcom-Episode. Oder, geschätzt, alle poli­ti­schen Bei­träge aus einer gan­zen Woche »RTL aktu­ell« zusam­men genom­men. Oder auch nur: ein ein­zi­ger Mono­log von Mode­ra­tor Marco Schreyl in der Ent­schei­dungs­en­dung von »Deutsch­land sucht den Super­star« (DSDS).

Um 0.04 Uhr am Sonn­tag­mor­gen bekam Schreyl den Umschlag, in dem das Ergeb­nis der Abstim­mung über die bei­den dies­jäh­ri­gen Fina­lis­ten stand. Um 0.15 Uhr ver­riet er den Sie­ger. Die Zeit dazwi­schen füllte der Sen­der, wäh­rend die bei­den Kan­di­da­ten mit hän­gen­den Köp­fen auf der Bühne stan­den und von der Kamera umkreist wur­den, mit sphä­ri­scher Musik und einer Rede, die offen­bar den Sinn hatte, den Zweit­plat­zier­ten in den Selbst­mord zu trei­ben. Als rea­lis­ti­sche Alter­na­tive würde sich eigent­lich nur ein Amok­lauf noch im Stu­dio anbieten.

Die künst­li­che Ver­grö­ße­rung der Fall­höhe gehört von Anfang an zum Kon­zept von DSDS und steckt schon im Namen: Einen »Super­star« hat »Deutsch­land« in sie­ben Jah­ren noch nicht gefun­den; am nächs­ten dran ist ver­mut­lich Mark Med­lock, der gerade zum Nach­fol­ger von Jür­gen Drews auf­ge­baut wird. Aber in ihrem Ver­such, der natür­li­chen Abstump­fung des Publi­kums und Abnut­zung der Super­la­tive ent­ge­gen­zu­wir­ken, und die Schraube immer noch wei­ter anzu­zie­hen, sto­ßen die Auto­ren der Sen­dung inzwi­schen an Gren­zen. Oder genauer: Sie über­schrei­ten sie.

Der elf­mi­nü­tige Mono­log, den Marco Schreyl am Sams­tag vor­las, ist ein Beleg dafür, wie sehr bei RTL längst die Siche­run­gen durch­ge­brannt sind. Was jemand da Marco Schreyl auf die Mode­ra­ti­ons­kar­ten geschrie­ben hat, ist nicht nur erschüt­ternd in sei­ner Zeit­schin­de­rei, es ist nicht nur bekannt, falsch, dumm oder albern (all das ist es auch). Es fei­ert sei­nen eige­nen Sadis­mus, einen bru­ta­len Aus­le­se­pro­zess, einen men­schen­ver­ach­ten­den Sozi­al­dar­wi­nis­mus, auf eine Art, die man kaum anders als faschis­toid nen­nen kann. Und die beson­ders zynisch wirkt, wenn man berück­sich­tigt, wie sehr diese Sen­dung und ihre Phi­lo­so­phie von jun­gen Zuschau­ern und feuille­to­nis­ti­schen Ver­tei­di­gern als lehr– und hilf­rei­ches Anschau­ungs­ma­te­rial dafür gese­hen wird, wie unsere Gesell­schaft funk­tio­niert und was man tun muss, um in ihr etwas zu werden.

Wir doku­men­tie­ren den Abschluss­mo­no­log von »Deutsch­land sucht den Super­star« 2010 ungekürzt:

Und das also ist es: Das Ergeb­nis von Ihnen. Das Ergeb­nis der Zuschauer.

Deutsch­land hat ent­schie­den. Das Ergeb­nis im Finale von Deutsch­land sucht den Super­star 2010. Was für ein dra­ma­ti­scher, ein­zig­ar­ti­ger Abend. Mehr­zad Mara­shi und Meno­win Fröh­lich. Gleich ist eure Schlacht geschlagen.

Und ihr habt sie mit abso­lu­tem Ein­satz aus­ge­foch­ten, und zwar beide.

Und: Ihr habt uns ein traum­haf­tes Finale geschenkt. Ihr seid beide ziem­lich harte Jungs und ihr kämpft hart. Und das ist gut so. Alles andere wäre eine Schande.

Die­ses Duell heute ist per­sön­lich. Jeder von euch ist für den ande­ren der Geg­ner, den ihr am meis­ten fürch­tet. Ihr steht auf die­ser Bühne so nah bei­ein­an­der und seid euch doch so fern.

Kaum zu glau­ben, aber es ist noch gar nicht so lange her, da wart ihr Freunde. Beim Recall in der Kari­bik. Sogar noch in der ers­ten Motto-Show. Aber aus Freun­den sind Feinde gewor­den. Mit dem abso­lu­ten Wil­len, den ande­ren zu besiegen.

Wer weiß, wenn ihr keine Kan­di­da­ten bei DSDS wärt, aus euch hät­ten rich­tig gute Kum­pels wer­den kön­nen. Statt­des­sen wur­det ihr knall­harte Riva­len. Und das musste so sein, wenn zwei große Talente wir ihr auf­ein­an­der tref­fen, zwei so starke Per­sön­lich­kei­ten, und vor allem: Wenn es so unglaub­lich viel zu gewin­nen gibt.

(Pause.)

Zwei gran­diose Sän­ger, die mit jeder Faser ihres Kör­pers kämp­fen, die die­sen Titel drin­gen­der wol­len als alles andere auf die­ser Welt. Für Aus­nah­me­ta­lente wie euch wurde DSDS erfun­den. Ihr seid beide echte Per­for­mer, also genau das, was wir hier gesucht haben. Ihr singt und tanzt und geht aus euch her­aus. An euch wer­den sich die künf­ti­gen Kan­di­da­ten mes­sen müs­sen. Ihr zwei habt die Latte ver­dammt hoch gelegt.

(Pause.)

Die­ser Abend wird für einen von euch ein völ­li­ger Neu­an­fang im Leben sein. Für den Sie­ger die­ses Wett­kampfs tut sich eine neue Welt aus. Er wird das, wovon Mil­lio­nen träu­men. Er — wird ein Star. Bei DSDS gibt es nicht ein­fach einen net­ten Haupt­ge­winn. Hier gibt es ein kom­plett neues Leben. Ein Leben XXL. Ein Leben in der Kate­go­rie fünf Sterne plus.

(Pause.)

Für einen von euch wird die­ses Mär­chen jetzt wahr. Ihr lebt beide bis­lang in eher beschei­de­nen Ver­hält­nis­sen. Jetzt aber wird sich das ändern. Einer von euch wird jetzt der neue Super­star. Bekommt einen Plat­ten­ver­trag. Wird berühmt. Ver­dient locker Hun­dert­tau­sende Euro. Kann sei­ner Fami­lie ein sor­gen­freies Leben bie­ten und als Vater sei­nen Kin­dern eine gute Zukunft ermöglichen.

Wenn sich der Sie­ger die­ses Kamp­fes nicht dumm anstellt, wird er für lange Zeit aus­ge­sorgt haben. Der Sie­ger bei DSDS bekommt: all das! Der Ver­lie­rer: nichts! Der Sie­ger steht im Licht. Der Ver­lie­rer steht für immer in sei­nem Schat­ten. Und das ist ein Schick­sal, mit dem sich der Ver­lie­rer wahr­schein­lich nie­mals ver­söh­nen wird.

Ihr habt beide heute Abend gezeigt, dass ihr ver­stan­den habt, um was es hier geht. Und dass es euch ernst ist. Dass ihr bereit seid, bis zur völ­li­gen Erschöp­fung zu kämp­fen; dass euch die Musik — dass euch eure Kunst! — hei­lig ist. Und: Dass ihr euer Publi­kum aus tiefs­tem Her­zen verehrt.

(25 Sekun­den Pause)

Das sind die Fina­lis­ten 2010. Das sind Mehr­zad Mara­shi und Meno­win Fröhlich.

(Pause.)

Mehr­zad Mara­shi. 29 Jahre alt. Die­ser Abend ist deine defi­ni­tiv letzte Chance, dass aus dei­nem Traum von der Musik noch was wird. Seit 16 Jah­ren kämpfst und ackerst du, um dich als Sän­ger zu eta­blie­ren. Nichts hat funk­tio­niert. Pleite, und ohne Zukunft. Als du zum Cas­ting gekom­men bist, warst du ganz unten. Aber von die­sem Tag an ging’s für dich unauf­halt­sam auf­wärts. Mehr­zad, du hast die Jury wie­der und wie­der begeis­tert. Du hast zuver­läs­sig Top-Leistungen abge­lie­fert. Zuver­läs­sig. Und. Top. Aus dem Mund eines Pro­fis wie Die­ter gibt es auf die­ser Welt für einen Sän­ger kein grö­ße­res Kom­pli­ment. Du bist an die Spitze durch­mar­schiert und hast ganz neben­bei noch dein gan­zes Leben umge­krem­pelt. Hast einen Sohn bekom­men. Bist Vater gewor­den. Hast Dei­ner Denise einen Hei­rats­an­trag gemacht. Und jetzt hast du noch einen zwei­ten gro­ßen Antrag gemacht. Du hast Deutsch­land um sein Ja-Wort gebe­ten. Das Ja-Wort zum Super­star. Und jetzt war­test du auf die Ant­wort: Lie­bes­er­klä­rung oder Laufpass.

Mehr­zad, noch ein­mal tief durch­at­men, in weni­gen Augen­bli­cken wirst du’s wissen.

Meno­win Fröh­lich, DSDS 2010 war die große zweite Chance, die du dir vom Leben gewünscht hast. Dein Weg hier bei uns war alles andere als gerade. Dein ers­ter Anlauf bei DSDS hat hin­ter Git­tern geen­det. Aber du hast nicht auf­ge­ge­ben, bist nicht abge­rutscht, du hast an dei­nen Traum fest­ge­hal­ten. Hast an dir gear­bei­tet. Und hast einen zwei­ten Anlauf gemacht. Dass du ein sehr gro­ßes Talent hast, das haben wir alle schon vor vier Jah­ren gese­hen. Dies­mal haben wir erkannt: Der ist sogar noch bes­ser. Der hat etwas, das nur ganz wenige haben. Soul im Blut. Musik in jeder Pore. Mit dem hat es der liebe Gott mal rich­tig gut gemeint. Zumin­dest, was die Musik angeht.

Dein Leben war bis­her eine extreme Ach­ter­bahn­fahrt. Es gab schwere Kon­flikte mit dem Gesetz; du warst auf der Flucht, hast wäh­rend all dem drei Kin­der gezeugt. Zu dei­ner Mut­ter jah­re­lang kei­nen Kon­takt, manch einer würde sagen: Der packt das nicht. Aber du hast es gepackt. Bis hier­her ins Finale. Und du hast dich mit dei­ner Mut­ter aus­ge­söhnt. Klei­nes Wun­der. Und jetzt das nächste Wun­der: Wird aus dem ehe­ma­li­gen Häft­ling der Super­star 2010?

(Pause.)

Deutsch­land hat ent­schie­den! Das sind sie, die Fina­lis­ten von DSDS 2010. Mehr­zad Mara­shi und Meno­win Fröh­lich. Und die große Frage in Deutsch­land, wer wird Super­star 2010? Wes­sen Name wer­den wir uns mer­ken. Wel­chen Namen wer­den wir ver­ges­sen? Wer fei­ert heute den größ­ten Tri­umph sei­nes Lebens?

(Pause.)

Mit 56,4 Pro­zent aller Anrufer.

(20 Sekun­den Pause.)

Super­star 2010.

(Pause.)

Ist Mehr­zad Marashi!

Soweit also Marco Schreyl. Und das hier ist in die­ser Sekunde Meno­win Fröhlich:

Der Sie­ger steht im Licht. Der Ver­lie­rer steht für immer in sei­nem Schat­ten. Und das ist ein Schick­sal, mit dem sich der Ver­lie­rer wahr­schein­lich nie­mals ver­söh­nen wird.

Zwerge

Als sich die UN-Menschenrechtskommission 2002 mit dem kom­mer­zi­el­len Zwer­gen­weit­wurf beschäf­tigte, ging es for­mal nicht um die Frage, ob diese Pra­xis gegen die Men­schen­würde ver­stößt. Im Gegen­teil: Es ging darum, ob durch ein Ver­bot des Zwer­gen­weit­wurfs in Frank­reich kleine Men­schen dis­kri­mi­niert wer­den. Geklagt hatte einer klei­ner Stunt­man, der sich pro­fes­sio­nell in Bars und Clubs als Wurf­ge­schoss anbot und sich durch das Gesetz ent­mün­digt sah: Als ob kleine Men­schen nicht selbst ent­schei­den könn­ten, was sie mit sich machen lassen.

Das würde RTL gefal­len. Ist es nicht auch ein Men­schen­recht, sich von dem Schla­ger– und Fäka­li­en­pro­du­zen­ten Die­ter Boh­len vor einem Mil­lio­nen­pu­bli­kum demü­ti­gen las­sen zu dür­fen? Es wird ja nie­mand gezwun­gen, sich bei »Deutsch­land sucht den Super­star« zu bewer­ben oder den damit ver­bun­de­nen Ver­trag zu unter­schrei­ben, der es den Fern­seh­leu­ten erlaubt, unge­fähr alles mit den Auf­nah­men anzu­stel­len. Und nach all den Jah­ren könnte man wis­sen, wie in die­ser Show mit Men­schen und ihren Schwä­chen umge­gan­gen wird.

Aber zum Zwer­gen­wer­fen gehö­ren zwei: Einer, der sich wer­fen lässt. Und einer, der wer­fen will. Das muss man auch erst ein­mal wol­len: Einen ver­stör­ten jun­gen Kan­di­da­ten vor der Kamera Lie­ge­stütze machen las­sen, damit man hin­ter­her Sex-Geräusche dar­un­ter legen und sein Schwär­men für Juro­rin Nina Eichin­ger ver­al­bern kann. Auf jedem Miss­ge­schick, jeden kör­per­li­chen Makel eines Bewer­bers her­um­rei­ten und seine Selbst­über­schät­zung, seine Nai­vi­tät, seine Erfolgs­sucht aus­nut­zen. Einen Die­ter Boh­len mit sei­nem aso­zia­len Ver­hal­ten zum bewun­der­ten Vor­bild aufbauen.

Die Dis­kus­sion um »DSDS« wird von RTL erfolg­reich auf die Frage redu­ziert, ob man so mit Men­schen umge­hen darf. Ver­drängt wird dadurch die Frage, ob man so mit Men­schen umge­hen muss. Ob für die Mit­ar­bei­ter des Sen­ders und der sich selbst für beson­ders ver­ant­wor­tungs­voll hal­ten­den Pro­duk­ti­ons­firma Grundy nicht auch Gren­zen gel­ten könn­ten, die durch eigene Ver­ant­wor­tung bestimmt und nicht durch Gesetze vor­ge­ge­ben sind. Bezeich­nen­der­weise wird die »Es wird ja nie­mand gezwungen«-Formel nie auf die Fern­seh­ma­cher ange­wandt: Es wird ja nie­mand gezwun­gen, jeman­den bloß­zu­stel­len, nur weil der sich bloß­stel­len lässt.

Die Uno hat die Beschwerde des klei­nen Stunt­man übri­gens abgelehnt.

Der Urin-Fleck & Frau Schäferkordts Busen

Da ist also einem Kan­di­da­ten bei »Deutsch­land sucht den Super­star« ein Miss­ge­schick pas­siert. Als er vor der Jury stand, hatte er einen Urin-Fleck auf der Hose. Die­ter Boh­len zeigte mit dem Fin­ger auf ihn und machte sich lus­tig, dass er sich »in die Hose gepisst« hätte. RTL bear­bei­tete die Szene so nach, dass die pein­li­che Situa­tion noch pein­li­cher wirkte und die Bloß­stel­lung des 18-Jährigen maxi­mal war, und ver­wen­dete dafür auch Sätze Boh­lens, die auf einen ganz ande­ren Kan­di­da­ten gemünzt waren. Das haus­ei­gene Video­por­tal »Clip­fish« zeigte den Aus­schnitt unter dem vol­len Namen des Möchtegern-Superstars und der Beschrei­bung als »Pipi-Kandidat« (inzwi­schen geändert).

Der Sen­der meint nicht, dass er den Kan­di­da­ten hätte schüt­zen müs­sen und die Szene weg­las­sen sol­len. »Wir zei­gen, was beim Cas­ting pas­siert. Wenn sich ein Kan­di­dat mit nas­ser Hose vor die Jury stellt, darf er sich nicht wun­dern, wenn er dar­auf ange­spro­chen wird«, zitiert der Bran­chen­dienst »Mee­dia« RTL-Sprecherin Anke Eick­meyer. »Wir sind jetzt in der sieb­ten Staf­fel von DSDS. Wer sich bewirbt, sollte wis­sen, wie die Sen­dung abläuft.«

· · ·

Vor gut zwei Jah­ren ist RTL-Geschäftsführerin Anke Schä­fer­kordt ein Miss­ge­schick pas­siert. Nichts, was auch nur annä­hernd so pein­lich gewe­sen wäre, aber sie hatte sich als Gast­ge­be­rin des Deut­schen Fern­seh­prei­ses 2007 ein Kleid aus­ge­sucht, das ihrem Dekol­leté eine ver­mut­lich eher nicht beab­sich­tigte Form gab, was auf­fiel, wenn die Kame­ras sie wie­der ein­mal im Publi­kum ein­fin­gen. Ich habe mir die Über­tra­gung der Sen­dung auf RTL ange­se­hen und live dar­über geb­loggt, und als eine Kom­men­ta­to­rin auf den unglück­lich gepress­ten Busen hin­wies, griff ich das auf und band zur Illus­tra­tion auch einen Screen­shot von der Szene ein, nichts Dra­ma­ti­sches, wie gesagt, nur eine etwas unvor­teil­hafte Situation.

Chris­tian Kör­ner, der Pres­se­spre­cher des Sen­ders, war dar­über nicht glück­lich. Er rief mich an, bat freund­lich darum, das Bild zu ent­fer­nen, betonte aber, dass es auch juris­ti­sche Fol­gen haben könne, wenn ich es nicht täte. Ich erfüllte sei­nen Wunsch und ersetzte den Screen­shot durch einen ent­spre­chen­den Hin­weis.

Als ich in der ver­gan­ge­nen Woche las, warum RTL es für rich­tig hält, das Miss­ge­schick eines Kan­di­da­ten groß aus­zu­stel­len, habe ich meine Ent­schei­dung bereut.

Wusste Frau Schä­fer­kordt damals etwa nicht, dass der »Deut­sche Fern­seh­preis« im Fern­se­hen aus­ge­strahlt wird? Gilt für Frau Schä­fer­kordt nicht: Wenn sich jemand mit einem unglück­lich sit­zen­den Kleid bei einer eige­nen öffent­li­chen Ver­an­stal­tung zeigt, darf sie sich nicht wun­dern, wenn andere Leute das kom­men­tie­ren? Aus wel­chem Grund muss man Frau Schä­fer­kordt mit einer sehr viel harm­lo­se­ren Panne schüt­zen (»vor sich selbst«, wie es immer so schön heißt), einen jun­gen »DSDS«-Kandidaten aber nicht? Wie kann jemand, der eine Sen­dung wie »DSDS« ver­ant­wor­tet, einen beson­de­ren Schutz vor öffent­li­cher Zuschau­er­stel­lung für sich in Anspruch nehmen?

Das fragte ich mich. Und die Pres­se­leute von RTL.

Chris­tian Kör­ner ant­wor­tete mir, er finde den Zusam­men­hang »kon­stru­iert«. Ihm sei schlei­er­haft, warum ich »ein­zelne Casting-Auftritte einer Sen­dung mit der Gar­de­robe der Geschäfts­füh­re­rin der Sendergruppe/des Sen­ders in unmit­tel­bare Ver­bin­dung« bringe. Es sei — auch juris­tisch — ein Unter­schied, ob man zu einem TV-Casting gehe, »das wenig über­ra­schend auch im TV gezeigt wird«, oder »ein Gast von vie­len einer Ver­an­stal­tung im Publi­kum, dem viel­leicht mal was ver­rutscht«. Er fügte hinzu: »Auch die Empö­rung kann ich nur bedingt nach­voll­zie­hen, weil Sie — anders als andere — vor­zugs­weise davon aus­ge­hen, dass die Men­schen, die zB zu einem Cas­ting kom­men, vor sich selbst und der Welt geschützt wer­den müssen.«

Nun wies ich dar­auf hin, dass Frau Schä­fer­kordt kei­nes­wegs Gast, son­dern Gast­ge­be­rin war, und fügte hinzu, dass ich — anders als er mir unter­stellte — gar nicht wisse, ob die Men­schen vor sich selbst und der Welt geschützt wer­den müs­sen. Ich fragte mich nur, warum Frau Schä­fer­kordt nicht selbst aus­hal­ten muss, was sie ande­ren zumutet.

Es kam dar­auf keine wirk­li­che Ant­wort. Nur, dass die Geschäfts­füh­re­rin ja »in der Regel nicht per­sön­lich die Sen­dung schnei­det«. Und ich doch machen solle, was ich wolle, denn: »Empö­rung rund um DSDS kommt sicher nicht nur in Ihrer Redak­tion oder Ihrem Blog gut an — und der Bei­fall ist Ihnen sicher.«

Aber meine Frage ist unbe­ant­wor­tet: Warum stel­len die RTL-Leute andere Men­schen auf eine Art und Weise bloß, die sie bei sich selbst schon in viel harm­lo­se­rer Form uner­träg­lich finden?

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