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Eine Haltung mit Anstand? Das kann für RTL nur ein Missverständnis sein

17 Okt 13
17. Oktober 2013

Es war der Versuch, bei einem Sender wie RTL so etwas wie Anstand zu beweisen. Er ist umfassend gescheitert.


Foto: RTL

Es geht, zugegebenermaßen, scheinbar um nicht viel: den „Deutschen Comedypreis“ bloß, eine Auszeichnung, die Jahr für Jahr in Erinnerung ruft, wie klein die fernsehaffine Humorindustrie in Deutschland ist. (Mario Barth wurde sieben Jahre in Folge ausgezeichnet; Olaf Schubert war in diesem Jahr in einer bezeichnenden Doppelfunktion als Vorsitzender der Jury und Gewinner in der Kategorie „bester Komiker“ beteiligt — das Personal ist knapp.)

Nun gewannen aber gestern in der Kategorie „beste Moderation“ auch Sonja Zietlow und Daniel Hartwich: für die RTL-Dschungelshow „Ich bin ein Star — holt mich hier raus“. Das war einerseits nicht ganz unverdient, andererseits aber unglücklich, denn es war der erste Jahrgang ohne den verstorbenen Dirk Bach. Man konnte das, mit bösem Willen, so interpretieren, als hätte es geholfen, dass Bach nicht dabei war. Die Auszeichnung war mindestens ungeschickt.

Zietlow und Hartwich empfanden das offenbar auch so und kamen nicht zur Preisverleihung. Sie schickten stattdessen eine bemerkenswerte Videobotschaft mit folgendem Wortlaut:

Zietlow: Pünktlich zum ersten Todestag von Dirk Bach bekommen wir für den Dschungel also den allerallerallersten Preis überhaupt. Und zwar für die erste Staffel ohne Dirk Bach. Was für ein beschissenes Timing! Seit exakt zehn Jahren machen wir jetzt „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“. Für diese zehn Jahre würde ich jeden Preis der Welt mit Kusshand annehmen. Aber nicht für die erste Ausgabe ohne meinen Dickie.

Hartwich: Für Sonja und Dirk kommt dieser Preis ein Jahr zu spät. Für Sonja und mich kommt er ein Jahr zu früh. Ich kann keinen Preis annehmen, den mein Vorgänger verdient gehabt hätte. Ich hab mich nur ins gemachte Nest gesetzt. Und dann gewinnen wir auch noch in der Kategorie „Beste Moderation“. Aber von den vier Menschen, die für diese Moderationen zuständig sind, sind zwei gar nicht nominiert: Nämlich unsere beiden Autoren Jens Oliver Haas und Micky Beisenherz.

Zietlow: Es fühlt sich nicht richtig an. Nicht die richtige Kategorie, nicht die richtigen Nominierten und nicht der richtige Zeitpunkt. Und deshalb bitten wir um Verständnis, dass wir heute nicht mit euch feiern können.

Hartwich: Vielleicht nächstes Jahr. Vielleicht bekommt die Show dann endlich ihren ersten Preis. Ausgezeichnet… ist sie ja sowieso schon.

In dieser Form schaffte es das Statement aber nicht in die Preisverleihung. RTL schnitt die ersten drei Sätze von Zietlow und die letzten drei von Hartwich weg.

Es blieb, immerhin, eine klare Haltung, die viel positive Resonanz auslöste.

Auf seiner Internetseite ließ RTL zwar die darin enthaltene Kritik weg, berichtete aber:

Große Gefühle beim Comedypreis 2013: Sonja Zietlow und Daniel Hartwich wurden in der Kategorie „Beste Moderation“ für „Ich bin ein Star — Holt mich hier raus!“ ausgezeichnet. Die beiden Moderatoren waren bei der Preisverleihung in Köln nicht anwesend, verkündeten aber via Video-Botschaft, dass sie den Preis ein Jahr nach dem Tod von Dirk Bach nicht annehmen. Aus Respekt für „Dicki“ und weil es sich „komisch anfühle“, wie Zietlow in ihrer emotionalen Botschaft verkündete.

Hier könnte die Geschichte enden.

Aber offenbar war das noch zuviel kritische Haltung für RTL. Und so mussten die beiden Moderatoren plötzlich in einer neuen Erklärung ihre Haltung revidieren. Nun verlautbarten sie:

„Der Comedypreis für die beste Moderation ist das Ergebnis einer Teamleistung — den können und wollen wir deshalb gar nicht ablehnen. Den Zeitpunkt für die Nominierung finden wir nicht glücklich, aber die Auszeichnung ehrt uns. Wir wollten nur erklären, warum wir kurz nach Dickies erstem Todestag keinen Preis entgegennehmen und feiern können, den wir für die erste Staffel ohne ihn bekommen.“

Dass das im klaren Widerspruch zur Videoerklärung der beiden steht — und sogar zur früheren eigenen Darstellung auf der Seite von RTL — verschweigt der Bohlen-Sender. In einer Pressemitteilung schrieb er, die Videobotschaft von Zietlow und Hartwich sei „missverständlich so interpretiert“ worden, „dass sie den Preis abgelehnt hätten“.

RTL hat auch seine Berichterstattung auf rtl.de nachträglich geändert. Nun steht da nicht mehr, dass Zietlow und Hartwich den Preis nicht annahmen, sondern dass es „Verwirrung um die vermeintlich abgelehnte Ehrung“ gegeben habe. Nach der entsprechenden vermeintlichen Richtigstellung heißt es jetzt im Text:

Zuvor hatte es so ausgesehen, als wollten sie die Auszeichnung gar nicht annehmen. Die beiden waren in der Kategorie „Beste Moderation“ für „Ich bin ein Star — Holt mich hier raus!“ ausgezeichnet worden.

Die beiden Moderatoren waren bei der Preisverleihung in Köln nicht anwesend, hatten sich aber in einer Videobotschaft zu Wort gemeldet. Darin drückten sie sich allerdings so unklar aus, dass sie die Gäste im Saal ratlos zurückließen. Sie würden sich „komisch“ fühlen, weil Dirk Bach den Preis nicht bekommen hatte. „Der Preis kommt für mich zehn Jahre zu spät“, so Zietlow.

(Nein.)

Aus RTL-Sicht ist damit vermutlich alles wieder in Butter: Natürlich haben die tollen RTL-Moderatoren den schönen RTL-Comedypreis für die feine RTL-Sendung angenommen, sie wollten halt nur aus Pietät oderwiedasheißt nicht feiern kommen. Die eigene Berichterstattung wurde entsprechend geschönt.

Nur die Moderatoren, die eigentlich Haltung bewiesen hatten, stehen nun da wie Idioten, die nicht wissen, was sie wollen, und sich nicht einmal klar ausdrücken können.

Nachtrag, 18:55 Uhr. Als wäre die Sache nicht verworren genug, hat Sonja Zietlow nun gegenüber DWDL folgendes Statement abgegeben, das man schwerlich als „Erklärung“ bezeichnen kann:

„Eine Auszeichnung ist für mich wie ein Lob! Das hat man bekommen und Punkt. Ob man sich des Lobes für würdig hält und wie man damit umgeht, das steht auf einem anderen Blatt. Ich bin nicht wegen Terminschwierigkeiten nicht zur Verleihung des Comedypreises gegangen, sondern weil ich der Meinung bin, dass ich eine Auszeichnung zu genau diesem Zeitpunkt, in genau dieser Kategorie nicht verdient habe. Jedenfalls nicht NUR Daniel und ich.

Mit dieser Haltung wollte ich keineswegs respektlos gegenüber dem Preis, den Veranstaltern und der Jury erscheinen, nein, ich wollte meine höchste Anerkennung denjenigen zollen, die seit 10 Jahren für eine außergewöhnliche, mit Herzblut und Liebe gemachte Sendung stehen. Allen voran einem Mann, der zu Lebzeiten genau diesen Preis mehr als verdient hat: Dirk Bach! Aber wir haben diesen Preis nun mal genau JETZT bekommen, das Lob wurde ausgesprochen und ist angekommen. Und ich weiß auch schon genau, was ich damit machen werde…“

Gottschalk und Jauch wiederholen komplette Hängepartie

13 Sep 13
13. September 2013

Es war der unbestrittene Höhepunkt der neuen RTL-Show „Die 2 — Gottschalk und Jauch gegen alle“: Wie Günther Jauch eine gefühlte Ewigkeit an stilisierten Hubschrauberkufen hing, während Thomas Gottschalk Quizfragen beantwortete. Jauch machte einen großen Bohei darum, wie wenig ihm diese Aufgabe liege und dass er sowas seit 30 Jahren, seit der legendären Show „Rätselflug“, nicht mehr gemacht habe.

Tatsächlich ist es erst drei Jahre her. Seine Produktionsfirma i&u wiederholte für das neue vermeintliche Show-Event einfach nochmal das Spiel, mit dem sie Jauch 2010 bei der „Großen Geburtstagsshow“ zum 60. Geburtstag der ARD schon einmal, öh, überrascht hatte.

Jaja, das habe ich am Dienstag schon aufgeschrieben.

Aber man muss es gesehen haben, in welchem Maß sich die Szenen von damals und heute gleichen: die Musik und die Soundeffekte, die vermeintlich spontanen Kommentare von Gottschalk, das ganze Geplänkel zwischen den beiden — und der behauptete Widerwille von Jauch, sich einer Übung auszusetzen, die ihm angeblich gar nicht liegt.

Sehen und staunen Sie:

Jauchs Produktionsfirma lässt ihn wieder hängen

10 Sep 13
10. September 2013

Blicken wir noch einmal zurück, auf dieses große Show-Event mit Günther Jauch und Thomas Gottschalk, und lassen uns von sueddeutsche.de einen der Höhepunkte schildern:

Deutlich größeres Kino war dagegen eine Stunt-Einlage in bester Schlag den Raab–Manier. Nur dass hier Jauch gegen sich selbst antreten musste: In Erinnerung an eine im Rückblick haarsträubende Himmelfahrtsmission aus seiner früherem SDR-Sendung Rätselflug musste sich der heute 55-Jährige wie seinerzeit an die Kufen eines Helikopters hängen. In der Abenteuer-Gameshow galt es für Jauch damals, mit Hubschrauber-Hilfe einen „Schatz“ hoch oben auf dem Loreley-Felsen zu bergen. Der tollkühne Twen verhinderte dabei 14 Sekunden lang mit bloßen Händen den eigenen Absturz. Diesmal bekam Jauch einen Sicherheitsgurt umgeschnallt („Ich habe zuhause versprochen, dass ich so etwas nicht mehr mache“) und wiederholte die Klammerübung verbissen. Fazit: Jauch hielt heute 69 Sekunden durch — die ARD ist ihm jede Kraftanstrengung wert.

Kollege Gottschalk war jedenfalls sehr angetan und zelebrierte den Moment, in dem er Jauch den von ihm während des Turn-Kunststücks verwahrten Ehering zurückgab: „Nimm diesen Ring zum Zeichen meiner Hochachtung“, scherzte der ZDF-Mann.

Hm? Die ARD? Der ZDF-Mann?

Ach so, das ist gar nicht die Kritik der RTL-Sendung „Die 2 — Gottschalk & Jauch gegen alle“ von gestern Abend. Das ist die Kritik der Sendung „60 Jahre ARD — Die Geburtstagsshow“ vom April 2010.

Die ganze Nummer mit dem Rätselflug–Remake gestern in der Sendung war eine Wiederholung. Das Getue Jauchs, mit dem er sich gegen die Übung sträubte, wie er einen Absturz nach zehn Sekunden prognostizierte und jammerte, sowas seit über 30 Jahren nicht mehr gemacht zu haben — alles Show.

Seine Produktionsfirma i&u, die die Sendung produziert, hat ihm sicherheitshalber einfach noch einmal das Spiel geschenkt, in dem er schon vor dreieinhalb Jahren gut aussah. Auch die Show damals war eine i&u-Produktion.

Ideen sind eher nicht deren Stärke. Recyceln, das können sie.

RTL sucht die Supershoweröffnung — und findet sie beim ESC

12 Mai 13
12. Mai 2013

Es ist für eine so strunzunkreative Produktionsfirma wie die Grundy Light Entertainment vermutlich nicht leicht, sich für das groß gemeinte Finale von „Deutschland sucht den Superstar“ einen halbwegs orginell wirkenden Sendungsauftakt einfallen zu lassen. Und natürlich lässt sich jeder Macher bei der Arbeit von bereits Dagewesenem beeinflussen. Ich war dann aber trotzdem überrascht, als ich gestern gesehen habe, was die RTL-Leute sich bei der Show gestern zum Vorbild genommen haben — und in welchem Maße sie sich davon haben inspirieren lassen.

Wenn Sie bitte mal schauen und staunen mögen:

(Natürlich ist der DSDS-Beginn auch und erst recht 13 Jahre später nicht halb so cool wie das Opening des Eurovision Song Contest 2000 in Stockholm. Ich wär aber auch gern beim DSDS-Autorenbriefing dabei gewesen… „Und dann sollte der Off-Sprecher irgendetwas sagen, dass die Leute wissen, dass die Show jetzt beginnt.“ — „Da fällt mir schon was ein.“ — „Hauptsache, das Saalpublikum weiß, dass es dann sofort ausrasten muss.“ — „Läuft.“)

Perlen für die Pannenshows: Monty Arnold und das Wunder von „Upps!“

23 Feb 13
23. Februar 2013


Wir sehen eine sehr alte, sehr bucklige Frau, die mühsam eine Bowling-Kugel auf die Bahn hievt, die unwahrscheinlicherweise alle Pins abräumt, und der Sprecher sagt aus dem Off: „Oma Crackle ist die einzige, die Miss Marple in mehreren sportlichen Disziplinen bedient hat. 1907 im Fechten, 1910 im Handfeuerwaffenschießen der Damen und 1911 im Salatcatchen.“


Wir sehen ein Mädchen, das wild in einer Hüpfburg herumgeschleudert wird, und der Sprecher sagt aus dem Off: „Das ‚Fabelhafte Flatterinchen‘ erzählt die Geschichte einer kleinen Obstmotte, die sich in ein Fachgeschäft für Fliegengitter verirrt hat. Dieses geniale Werk gehört auf jeden Gabentisch.“


Wir sehen eine Kutsche mit einer Hochzeitsgesellschaft, die umkippt, als das Pferd durchgeht, und der Sprecher sagt aus dem Off: „Nach dem Vorbild von Krystle und Blake Carrington aus dem ‚Denver Clan‘, die dreimal geheiratet haben, ohne je geschieden worden zu sein, erlebt der Tennisprofi Craig Jackson einen nicht enden wollenden Honeymoon mit seiner Dauerfreundin Loreen.“

Monty Arnold hat aus der Text-Bild-Schere eine Kunstform gemacht. Seit siebeneinhalb Jahren schreibt und spricht er die Kommentare zu den Pannenclipshows auf RTL und Super-RTL. Heute Nacht beginnt auf RTL eine Staffel mit zehn neuen Folgen. Zeit für eine Würdigung.

Beginnen wir vor vierzig Jahren, in einer Zeit, als es in Deutschland nur drei Programme gab und das ZDF freitags am Vorabend in ganz eigener Weise das Wochenende einläutete: mit Schwarz-Weiß– und Stummfilm-Klassikern von Pat & Patachon und Laurel & Hardy, die neu arrangiert auf ein fernsehfreundliches 25-Minuten-Format gebracht wurden.

Ab 1973 liefen hier unter dem Namen „Väter der Klamotte“ amerikanische Slapstickfilmschnipsel aus den 1930er Jahren, die mit großer Lust an der Albernheit in ironischem, leicht parfürmierten Ton von dem Kabarettisten Hanns Dieter Hüsch kommentiert wurden. Der Witz bestand nicht selten in der Diskrepanz zwischen dem Originalmaterial und dem, was Hüsch und die ZDF-Leute daraus machten.

Die Filme fingen typischerweise mit Sätzen an wie:

Unser heutiger Bericht nimmt seinen Anfang in den Geschäftsräumen eines gut gehenden Unternehmens der Immobilienbranche. Hier bekleidet Charly Chase derzeit den verantwortungsvollen Posten eines dritten Hauptbuchhalters.

Oder auch:

Nach diesem für alle recht rühmlichen Ausgang sind wir nun bei Multi-Millionär Franz-Erich Kleingeld, dessen einzige Tochter, die liebreizende Heidemarie, bereits fest dem begüterten Baron Pomadius von Blankenese versprochen ist.

Hüsch und seine Off-Texte waren stilprägend für die Art, wie Monty Arnold seine „Upps“-Kommentare anlegt: „Ich bin natürlich ein großer Hanns-Dieter-Hüsch-Jünger“, sagt er. „Der Mann ist von den vielen Vorbildern, die ich habe, das größte und wichtigste. Ich verehre ihn hündisch. Ich formuliere die Frage zwar nicht aus, aber eigentlich steht sie für mich immer über der Arbeit an ‚Upps‘: ‚Was hätte Hüsch jetzt gesagt?‘“

Schon Mitte der neunziger Jahre hatte Monty Arnold, der damals als Synchronsprecher arbeitete und als Komiker auftrat, kurzzeitig eine Pannenshow mit ähnlichem Konzept betextet: „Smile“ auf RTL 2. 2005 kam vermutlich deshalb die Produktionsfirma Straßenfeger auf ihn, als es darum ging, für Super-RTL aus dem riesigen Fundus, den Mitgesellschafter Disney von Amateuraufnahmen hinfallender Kinder, verunglückender Heinis und sich vergaloppierender Tiere hat, eine Clipshow zu machen. Die Quoten der ersten Sendungen von „Upps! Die Pannenshow“ auf Super-RTL war so sensationell, dass die große Schwester RTL das sofort haben wollte. Dank der direkten Verbindung zu Disney konnte es sich das kleine Super-RTL aber erlauben, die Show nicht abzugeben, sondern zu sagen: „Ihr könnt ja auch eine machen.“

Und so gab es ab Ende 2005 zwei Aufträge für Monty Arnold — und zwei Pannenshows: eine, die die Quoten in der Primetime von Super-RTL explodieren ließ, und eine, die auf RTL zwischen zwei Teilen von „Deutschland sucht den Superstar“ lief und dort die absurd große Zahl von bis zu sechs Millionen Zuschauer erreichte.

Natürlich weiß niemand, welchen Anteil Monty Arnolds sprachverliebte Texte an diesem Erfolg haben und ob nicht die meisten Menschen genauso glücklich gewesen wären, einfach schnell zu Musik geschnittene Bilder von aufditschenden Heiopeis, unterlegt mit lustigen Onk-, Huiiii-, Öttel– und Dengel-Geräuschen zu sehen. Andererseits half der Erfolg, dass Arnold relativ unbehelligt von Bedenkenträgern und Witznichtverstehern mit seiner speziellen Art des Humors weiter machen konnte.

Sein Glück ganz am Anfang war, dass diese Clip-Show, wie er sagt, „ein sehr kleines, unwichtiges Thema in dieser ganzen Senderstruktur“ war. Das ermöglichte es ihm, seinen Humor durchzusetzen — vor allem, weil er klare Vorstellungen hatte, wie das werden sollte, die Auftraggeber aber nicht. „Von Kleinigkeiten abgesehen haben die mich machen lassen und ich musste denen nicht meine Witze erklären — was ja auch gar nicht gegangen wäre: Wenn man es könnte, wäre es nicht mehr komisch. Das blieb bis heute so, dass ich keine Scheren im Kopf habe, sondern fröhlich vor mich hinarbeite.“

Monty Arnold geht durch die Welt und macht sich Notizen. Schreibt sich lustige Namen auf, die ihm irgendwo begegnen, Buchanfänge, die ihm einfallen, Plots für irgendwelche Geschichten. „Ganz stolz bin ich auf meine Katzennamen“, sagt er. „Ich hab bestimmt 60 Katzennamen erfunden, die dann bei ‚Upps‘ manchmal auftauchen, Pusseliese und Schnurrinate und Milbertine …“

Seine selbstgemachten Notizbücher hat er „Notary Sojac“ genannt, und so nennt er auch heute die entsprechenden Archive auf seinem Computer. „Notary Socac“ ist ein eigentlich sinnloser Begriff, der immer wieder in den „Gasoline Alley“-Comicstrips auftauchte. Aber gelesen hat er hauptsächlich andere: „Die Marvel-Comics waren abgesehen von Hüsch meine wichtigste kulturelle Prägung“, sagt Monty Arnold, „auch was die Liebe zur Sprache angeht.“

Manchmal sitzt er bei der Arbeit vor einem „Upps“-Clip, den er betexten soll, und sagt sich: „Es gab mal beim ‚Hulk‘ eine Situation, wie war denn noch die Formulierung“, geht an den Schrank mit der großen Marvel-Comic-Sammlung, die er seinem großen Bruder mal abgeluchst und dann vervollständigt hat, und findet binnen 80 Sekunden (er sagt wirklich „binnen“) das richtige Heft.

Etwa eine Woche braucht er für eine Stunde Clip-Rohmaterial. Er macht es sich gemütlich in seiner Wohnung in Hamburg, lässt alte symphonische Filmmusik laufen und schaut, dass er noch parallel irgendetwas zu tun hat, Zeitungsausschnitte einpflegen, sowas, womit er sich immer ein paar Minuten beschäftigen kann, um zwischendurch Abstand zu bekommen. Meistens wird dann eine Assoziation aus dem Hinterkopf nach vorne gereicht. Oder es tritt eine blöde Katze auf, dann guckt er in seinen Katzenordner.

Er reichert sein Beschreibungen und Nichtbeschreibungen mit Namen wie „Herkulette Pfennigfort“ an, gibt den Clips eine absurde Konkretheit oder eine übertriebene Überhöhung. Zu einem Kind, das mit einem quer gehaltenen Besen gegen den Türrahmen brettert, formuliert er: „Einmal mehr scheitert ein frühbegabtes Kind an der Enge seiner Verhältnisse. Frau Familienministerin, Sie dürfen nicht länger schweigen!“ Und wenn verwackelte Bilder von einem Mann zu sehen sind, dessen Versuch, eine Wand hochzuklettern, unglücklicherweise nicht im Wasserbecken endet, sondern auf dem Rand daneben, sagt er: „Merzig-Wadern hat jetzt ein eigenes Wellness-Sanatorium. Die zuvor in diesen Räumen untergebrachte Stuntmen-Erziehungsanstalt musste wegen zahlreicher Krankmeldungen geschlossen werden.“

Zum Homevideo von einem Mann, dessen Ruderboot bei der Rückkehr ans Ufer auf traurigste Art absäuft, lautet der Text: „Was den Schulkindern stets verschwiegen wird, ist, dass Odysseus nicht von Anfang an nicht der verwegene Mittelmeersegler war, als den ihn die Geschichtsbücher heute hinstellen.“

Und natürlich könnte schon jedes Kind, das die „Was passiert dann“-Bilder aus der „Sesamstraße“-kennt, vorhersagen, was sich hier gleich ereignen wird:

Umso schöner, wenn es währenddessen aus dem Off heißt: „Vergeblich versucht Rangi in dem Erpel, den er auf dem Erlangener Comic-Salon bei einer Tombola gewonnen hat, den Geist von Donald Duck zu erblicken.“

Wenn sie gelingen, geben Monty Arnolds Kommentare der kleinen schmutzigen Filmparade, die sich an unsere niederen Humorinstinkte richtet, einen doppelten Boden, weil ihre Albernheit auf ganz anderer Ebene stattfindet.

„Ich bin gar nicht so sehr der Schadenfreudetyp“, sagt Monty Arnold. Er mag lieber den Witz, der im Moment entsteht, wenn man plötzlich etwas begreift. In diesem Sinne versteht er auch seine Texte, die oft als Bildunterschriften oder Erklärtexte daherkommen, wenn er den Jargon einer Reportage oder einer Abhandlung imitiert.

„Das hat Hüsch ja auch gemacht, wenn er die ‚Väter der Klamotte‘-Sendungen so anfangen ließ: ‚Unser heutiger Bericht schildert in anschaulicher Weise die schlimmen Folgen des Alkoholkonsums.‘ Es sind fast immer Parodien auf Sachtexte.“

Handwerklich sei sein Vorgehen und das von Hüsch das gleiche: ohne den O-Ton zu nutzen oder zur Verfügung zu haben, aus dem Material machen zu können. (Hüsch dachte sich Namen wie Therese Jubelhose aus für die Amerikanerinnen, die zum Beispiel mit Stan Laurel auftraten.) „Mit dem riesigen Unterschied, den ich nicht laut genug betonen kann, dass die Dinge, die Hüsch zu vertonen hatte, Kostbarkeiten waren. Er hatte es mit den edlen Rittern aus dem Dinosaurierreich der Kino-Slapstick-Kunst zu tun.“

Welche Qualitäten ein Clip haben muss, um sich für einen schönen „Upps“-Moment zu eignen, kann er nicht so genau sagen. „Oft ist es natürlich identisches Hingefalle und Ausgerutsche. Es kommt vor, dass Sachen unheimlich langweilig sind, aber vor dem Hintergrund, dass man sie betexten darf, Potenzial mitbringen.“

Monty Arnold sagt, er habe von Anfang an, schon als Kind, beim Fernsehen immer das Bewusstsein gehabt, dass da im Hintergrund gearbeitet wird. „Ich habe das Fernsehen nie mit dieser Unbefangenheit betrachtet, die man Kindern immer unterstellt. Ich finde das aber auch gut so — umso mehr hatte ich davon.“

Sein Bruder zeigte ihm einmal in einem Poplexikon ein Foto von Hüsch, „mit seinen schrecklichen langen Haaren, diesen weißen Koteletten und der Kassenbrille. Er sah entsetzlich aus, ich habe ihn sofort geliebt.“

Er hat ihn später auch getroffen, saß zu Füßen seines „Großen Meisters“ und hat drei Auftritte mit ihm bei dessen Kabarettreihe mit Gästen im Saarländischen Rundfunk gehabt.

Von der Bühne hat er sich vor Jahren verabschiedet. Heute arbeitet er als Sprecher, synchronisiert Computerspiele oder spricht Radiowerbung. Er unterrichtet Geschichte an Musicalschulen und arbeitet als Auftragsschreiber, für Events, Aufführungen, andere Komiker, auch mal einen Songtext.

Er hätte nichts dagegen gehabt, wenn sich aus „Upps“ noch eine andere Autorenarbeit ergeben hätte, Drehbücher oder seriöse Kommentare. Aber dafür ist das als öffentliche Bewerbung womöglich nicht geeignet. Hat „Upps“ seinen Ruf gemehrt? „Hat es nicht.“

Arnold sagt: „Obwohl ich die Sendung liebe und ich es immer noch schön finde, mich in dieser Weise produzieren zu können: Es ist natürlich nichts, womit man vor irgendjemandem prahlen kann. Es ist halt eine Clip-Show, das rangiert in der Publikumswahrnehmung ganz unten.“

Für ihn ist es auch deshalb ein Vergnügen, in diese „in mancher Hinsicht etwas undankbare Ecke hineinzuarbeiten“, weil er dem RTL-Publikum manches „unter die Weste jubeln“ kann: „Ich sage halt in ihrem Wohnzimmer ‚Jacques Offenbach‘ und keiner hindert mich dran, das finde ich toll.“

Und manchmal reicht es völlig, bloß Schnipsel um Schnipsel vom beim Tanzen stürzenden Menschen aneinanderzureihen, und ihnen die Sätze voranzustellen: „Der berühmte Choreograph Echnaton Pusswalder wäre heute 125 Jahre alt geworden. Überall, landauf, landab, wird sein Andenken in Ehren gehalten.“

  • Upps! Die Superpannenshow, zehn neue Folgen mit Monty Arnold (und ohne Andrea Göpel und Oliver Beerhenke) ab heute Nacht 0.40 Uhr, RTL