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RTL sucht die Supershoweröffnung — und findet sie beim ESC

12 Mai 13
12. Mai 2013

Es ist für eine so strunzunkreative Produktionsfirma wie die Grundy Light Entertainment vermutlich nicht leicht, sich für das groß gemeinte Finale von „Deutschland sucht den Superstar“ einen halbwegs orginell wirkenden Sendungsauftakt einfallen zu lassen. Und natürlich lässt sich jeder Macher bei der Arbeit von bereits Dagewesenem beeinflussen. Ich war dann aber trotzdem überrascht, als ich gestern gesehen habe, was die RTL-Leute sich bei der Show gestern zum Vorbild genommen haben — und in welchem Maße sie sich davon haben inspirieren lassen.

Wenn Sie bitte mal schauen und staunen mögen:

(Natürlich ist der DSDS-Beginn auch und erst recht 13 Jahre später nicht halb so cool wie das Opening des Eurovision Song Contest 2000 in Stockholm. Ich wär aber auch gern beim DSDS-Autorenbriefing dabei gewesen… „Und dann sollte der Off-Sprecher irgendetwas sagen, dass die Leute wissen, dass die Show jetzt beginnt.“ — „Da fällt mir schon was ein.“ — „Hauptsache, das Saalpublikum weiß, dass es dann sofort ausrasten muss.“ — „Läuft.“)

Perlen für die Pannenshows: Monty Arnold und das Wunder von „Upps!“

23 Feb 13
23. Februar 2013


Wir sehen eine sehr alte, sehr bucklige Frau, die mühsam eine Bowling-Kugel auf die Bahn hievt, die unwahrscheinlicherweise alle Pins abräumt, und der Sprecher sagt aus dem Off: „Oma Crackle ist die einzige, die Miss Marple in mehreren sportlichen Disziplinen bedient hat. 1907 im Fechten, 1910 im Handfeuerwaffenschießen der Damen und 1911 im Salatcatchen.“


Wir sehen ein Mädchen, das wild in einer Hüpfburg herumgeschleudert wird, und der Sprecher sagt aus dem Off: „Das ‚Fabelhafte Flatterinchen‘ erzählt die Geschichte einer kleinen Obstmotte, die sich in ein Fachgeschäft für Fliegengitter verirrt hat. Dieses geniale Werk gehört auf jeden Gabentisch.“


Wir sehen eine Kutsche mit einer Hochzeitsgesellschaft, die umkippt, als das Pferd durchgeht, und der Sprecher sagt aus dem Off: „Nach dem Vorbild von Krystle und Blake Carrington aus dem ‚Denver Clan‘, die dreimal geheiratet haben, ohne je geschieden worden zu sein, erlebt der Tennisprofi Craig Jackson einen nicht enden wollenden Honeymoon mit seiner Dauerfreundin Loreen.“

Monty Arnold hat aus der Text-Bild-Schere eine Kunstform gemacht. Seit siebeneinhalb Jahren schreibt und spricht er die Kommentare zu den Pannenclipshows auf RTL und Super-RTL. Heute Nacht beginnt auf RTL eine Staffel mit zehn neuen Folgen. Zeit für eine Würdigung.

Beginnen wir vor vierzig Jahren, in einer Zeit, als es in Deutschland nur drei Programme gab und das ZDF freitags am Vorabend in ganz eigener Weise das Wochenende einläutete: mit Schwarz-Weiß– und Stummfilm-Klassikern von Pat & Patachon und Laurel & Hardy, die neu arrangiert auf ein fernsehfreundliches 25-Minuten-Format gebracht wurden.

Ab 1973 liefen hier unter dem Namen „Väter der Klamotte“ amerikanische Slapstickfilmschnipsel aus den 1930er Jahren, die mit großer Lust an der Albernheit in ironischem, leicht parfürmierten Ton von dem Kabarettisten Hanns Dieter Hüsch kommentiert wurden. Der Witz bestand nicht selten in der Diskrepanz zwischen dem Originalmaterial und dem, was Hüsch und die ZDF-Leute daraus machten.

Die Filme fingen typischerweise mit Sätzen an wie:

Unser heutiger Bericht nimmt seinen Anfang in den Geschäftsräumen eines gut gehenden Unternehmens der Immobilienbranche. Hier bekleidet Charly Chase derzeit den verantwortungsvollen Posten eines dritten Hauptbuchhalters.

Oder auch:

Nach diesem für alle recht rühmlichen Ausgang sind wir nun bei Multi-Millionär Franz-Erich Kleingeld, dessen einzige Tochter, die liebreizende Heidemarie, bereits fest dem begüterten Baron Pomadius von Blankenese versprochen ist.

Hüsch und seine Off-Texte waren stilprägend für die Art, wie Monty Arnold seine „Upps“-Kommentare anlegt: „Ich bin natürlich ein großer Hanns-Dieter-Hüsch-Jünger“, sagt er. „Der Mann ist von den vielen Vorbildern, die ich habe, das größte und wichtigste. Ich verehre ihn hündisch. Ich formuliere die Frage zwar nicht aus, aber eigentlich steht sie für mich immer über der Arbeit an ‚Upps‘: ‚Was hätte Hüsch jetzt gesagt?‘“

Schon Mitte der neunziger Jahre hatte Monty Arnold, der damals als Synchronsprecher arbeitete und als Komiker auftrat, kurzzeitig eine Pannenshow mit ähnlichem Konzept betextet: „Smile“ auf RTL 2. 2005 kam vermutlich deshalb die Produktionsfirma Straßenfeger auf ihn, als es darum ging, für Super-RTL aus dem riesigen Fundus, den Mitgesellschafter Disney von Amateuraufnahmen hinfallender Kinder, verunglückender Heinis und sich vergaloppierender Tiere hat, eine Clipshow zu machen. Die Quoten der ersten Sendungen von „Upps! Die Pannenshow“ auf Super-RTL war so sensationell, dass die große Schwester RTL das sofort haben wollte. Dank der direkten Verbindung zu Disney konnte es sich das kleine Super-RTL aber erlauben, die Show nicht abzugeben, sondern zu sagen: „Ihr könnt ja auch eine machen.“

Und so gab es ab Ende 2005 zwei Aufträge für Monty Arnold — und zwei Pannenshows: eine, die die Quoten in der Primetime von Super-RTL explodieren ließ, und eine, die auf RTL zwischen zwei Teilen von „Deutschland sucht den Superstar“ lief und dort die absurd große Zahl von bis zu sechs Millionen Zuschauer erreichte.

Natürlich weiß niemand, welchen Anteil Monty Arnolds sprachverliebte Texte an diesem Erfolg haben und ob nicht die meisten Menschen genauso glücklich gewesen wären, einfach schnell zu Musik geschnittene Bilder von aufditschenden Heiopeis, unterlegt mit lustigen Onk-, Huiiii-, Öttel– und Dengel-Geräuschen zu sehen. Andererseits half der Erfolg, dass Arnold relativ unbehelligt von Bedenkenträgern und Witznichtverstehern mit seiner speziellen Art des Humors weiter machen konnte.

Sein Glück ganz am Anfang war, dass diese Clip-Show, wie er sagt, „ein sehr kleines, unwichtiges Thema in dieser ganzen Senderstruktur“ war. Das ermöglichte es ihm, seinen Humor durchzusetzen — vor allem, weil er klare Vorstellungen hatte, wie das werden sollte, die Auftraggeber aber nicht. „Von Kleinigkeiten abgesehen haben die mich machen lassen und ich musste denen nicht meine Witze erklären — was ja auch gar nicht gegangen wäre: Wenn man es könnte, wäre es nicht mehr komisch. Das blieb bis heute so, dass ich keine Scheren im Kopf habe, sondern fröhlich vor mich hinarbeite.“

Monty Arnold geht durch die Welt und macht sich Notizen. Schreibt sich lustige Namen auf, die ihm irgendwo begegnen, Buchanfänge, die ihm einfallen, Plots für irgendwelche Geschichten. „Ganz stolz bin ich auf meine Katzennamen“, sagt er. „Ich hab bestimmt 60 Katzennamen erfunden, die dann bei ‚Upps‘ manchmal auftauchen, Pusseliese und Schnurrinate und Milbertine …“

Seine selbstgemachten Notizbücher hat er „Notary Sojac“ genannt, und so nennt er auch heute die entsprechenden Archive auf seinem Computer. „Notary Socac“ ist ein eigentlich sinnloser Begriff, der immer wieder in den „Gasoline Alley“-Comicstrips auftauchte. Aber gelesen hat er hauptsächlich andere: „Die Marvel-Comics waren abgesehen von Hüsch meine wichtigste kulturelle Prägung“, sagt Monty Arnold, „auch was die Liebe zur Sprache angeht.“

Manchmal sitzt er bei der Arbeit vor einem „Upps“-Clip, den er betexten soll, und sagt sich: „Es gab mal beim ‚Hulk‘ eine Situation, wie war denn noch die Formulierung“, geht an den Schrank mit der großen Marvel-Comic-Sammlung, die er seinem großen Bruder mal abgeluchst und dann vervollständigt hat, und findet binnen 80 Sekunden (er sagt wirklich „binnen“) das richtige Heft.

Etwa eine Woche braucht er für eine Stunde Clip-Rohmaterial. Er macht es sich gemütlich in seiner Wohnung in Hamburg, lässt alte symphonische Filmmusik laufen und schaut, dass er noch parallel irgendetwas zu tun hat, Zeitungsausschnitte einpflegen, sowas, womit er sich immer ein paar Minuten beschäftigen kann, um zwischendurch Abstand zu bekommen. Meistens wird dann eine Assoziation aus dem Hinterkopf nach vorne gereicht. Oder es tritt eine blöde Katze auf, dann guckt er in seinen Katzenordner.

Er reichert sein Beschreibungen und Nichtbeschreibungen mit Namen wie „Herkulette Pfennigfort“ an, gibt den Clips eine absurde Konkretheit oder eine übertriebene Überhöhung. Zu einem Kind, das mit einem quer gehaltenen Besen gegen den Türrahmen brettert, formuliert er: „Einmal mehr scheitert ein frühbegabtes Kind an der Enge seiner Verhältnisse. Frau Familienministerin, Sie dürfen nicht länger schweigen!“ Und wenn verwackelte Bilder von einem Mann zu sehen sind, dessen Versuch, eine Wand hochzuklettern, unglücklicherweise nicht im Wasserbecken endet, sondern auf dem Rand daneben, sagt er: „Merzig-Wadern hat jetzt ein eigenes Wellness-Sanatorium. Die zuvor in diesen Räumen untergebrachte Stuntmen-Erziehungsanstalt musste wegen zahlreicher Krankmeldungen geschlossen werden.“

Zum Homevideo von einem Mann, dessen Ruderboot bei der Rückkehr ans Ufer auf traurigste Art absäuft, lautet der Text: „Was den Schulkindern stets verschwiegen wird, ist, dass Odysseus nicht von Anfang an nicht der verwegene Mittelmeersegler war, als den ihn die Geschichtsbücher heute hinstellen.“

Und natürlich könnte schon jedes Kind, das die „Was passiert dann“-Bilder aus der „Sesamstraße“-kennt, vorhersagen, was sich hier gleich ereignen wird:

Umso schöner, wenn es währenddessen aus dem Off heißt: „Vergeblich versucht Rangi in dem Erpel, den er auf dem Erlangener Comic-Salon bei einer Tombola gewonnen hat, den Geist von Donald Duck zu erblicken.“

Wenn sie gelingen, geben Monty Arnolds Kommentare der kleinen schmutzigen Filmparade, die sich an unsere niederen Humorinstinkte richtet, einen doppelten Boden, weil ihre Albernheit auf ganz anderer Ebene stattfindet.

„Ich bin gar nicht so sehr der Schadenfreudetyp“, sagt Monty Arnold. Er mag lieber den Witz, der im Moment entsteht, wenn man plötzlich etwas begreift. In diesem Sinne versteht er auch seine Texte, die oft als Bildunterschriften oder Erklärtexte daherkommen, wenn er den Jargon einer Reportage oder einer Abhandlung imitiert.

„Das hat Hüsch ja auch gemacht, wenn er die ‚Väter der Klamotte‘-Sendungen so anfangen ließ: ‚Unser heutiger Bericht schildert in anschaulicher Weise die schlimmen Folgen des Alkoholkonsums.‘ Es sind fast immer Parodien auf Sachtexte.“

Handwerklich sei sein Vorgehen und das von Hüsch das gleiche: ohne den O-Ton zu nutzen oder zur Verfügung zu haben, aus dem Material machen zu können. (Hüsch dachte sich Namen wie Therese Jubelhose aus für die Amerikanerinnen, die zum Beispiel mit Stan Laurel auftraten.) „Mit dem riesigen Unterschied, den ich nicht laut genug betonen kann, dass die Dinge, die Hüsch zu vertonen hatte, Kostbarkeiten waren. Er hatte es mit den edlen Rittern aus dem Dinosaurierreich der Kino-Slapstick-Kunst zu tun.“

Welche Qualitäten ein Clip haben muss, um sich für einen schönen „Upps“-Moment zu eignen, kann er nicht so genau sagen. „Oft ist es natürlich identisches Hingefalle und Ausgerutsche. Es kommt vor, dass Sachen unheimlich langweilig sind, aber vor dem Hintergrund, dass man sie betexten darf, Potenzial mitbringen.“

Monty Arnold sagt, er habe von Anfang an, schon als Kind, beim Fernsehen immer das Bewusstsein gehabt, dass da im Hintergrund gearbeitet wird. „Ich habe das Fernsehen nie mit dieser Unbefangenheit betrachtet, die man Kindern immer unterstellt. Ich finde das aber auch gut so — umso mehr hatte ich davon.“

Sein Bruder zeigte ihm einmal in einem Poplexikon ein Foto von Hüsch, „mit seinen schrecklichen langen Haaren, diesen weißen Koteletten und der Kassenbrille. Er sah entsetzlich aus, ich habe ihn sofort geliebt.“

Er hat ihn später auch getroffen, saß zu Füßen seines „Großen Meisters“ und hat drei Auftritte mit ihm bei dessen Kabarettreihe mit Gästen im Saarländischen Rundfunk gehabt.

Von der Bühne hat er sich vor Jahren verabschiedet. Heute arbeitet er als Sprecher, synchronisiert Computerspiele oder spricht Radiowerbung. Er unterrichtet Geschichte an Musicalschulen und arbeitet als Auftragsschreiber, für Events, Aufführungen, andere Komiker, auch mal einen Songtext.

Er hätte nichts dagegen gehabt, wenn sich aus „Upps“ noch eine andere Autorenarbeit ergeben hätte, Drehbücher oder seriöse Kommentare. Aber dafür ist das als öffentliche Bewerbung womöglich nicht geeignet. Hat „Upps“ seinen Ruf gemehrt? „Hat es nicht.“

Arnold sagt: „Obwohl ich die Sendung liebe und ich es immer noch schön finde, mich in dieser Weise produzieren zu können: Es ist natürlich nichts, womit man vor irgendjemandem prahlen kann. Es ist halt eine Clip-Show, das rangiert in der Publikumswahrnehmung ganz unten.“

Für ihn ist es auch deshalb ein Vergnügen, in diese „in mancher Hinsicht etwas undankbare Ecke hineinzuarbeiten“, weil er dem RTL-Publikum manches „unter die Weste jubeln“ kann: „Ich sage halt in ihrem Wohnzimmer ‚Jacques Offenbach‘ und keiner hindert mich dran, das finde ich toll.“

Und manchmal reicht es völlig, bloß Schnipsel um Schnipsel vom beim Tanzen stürzenden Menschen aneinanderzureihen, und ihnen die Sätze voranzustellen: „Der berühmte Choreograph Echnaton Pusswalder wäre heute 125 Jahre alt geworden. Überall, landauf, landab, wird sein Andenken in Ehren gehalten.“

  • Upps! Die Superpannenshow, zehn neue Folgen mit Monty Arnold (und ohne Andrea Göpel und Oliver Beerhenke) ab heute Nacht 0.40 Uhr, RTL

Dschungeltexter Jens Oliver Haas: „Ein Jahr Pause wäre jetzt gut für das Format“

28 Jan 13
28. Januar 2013


Georgina, Olivia Jones. Fotos: RTL

Am vergangenen Wochenende lief das Finale von „Ich bin ein Star — holt mich hier raus“. Jens Oliver Haas, der seit der ersten Staffel die Moderationstexte für die Dschungelshow schreibt, ist schon auf dem Rückflug nach Hause. Unterwegs hat er mir noch einige Fragen per E-Mail beantwortet.

Im Rückblick: War 2013 ein guter Jahrgang?

Es war ein wunderbarer Jahrgang. Die Hanglage der Kandidaten hat sich ausgezahlt — aber trotzdem fehlte mir das Gefälle. Um im Bild zu bleiben: Es war mir zu ausgewogen. Da fehlte das intellektuelle Gefälle und der clash of cultures, wie wir es zum Beispiel bei meinen persönlichen Lieblingsstaffeln zwischen Rainer Langhans und Sarah Knappik oder zwischen Ingrid van Bergen und Giulia Siegel hatten. Da hatte ich mir speziell von Helmut Berger, Arno Funke und Olivia Jones mehr erwartet. Aber Helmut hat uns verlassen, bevor er zu sich kam, Arno hat sich als sehr farblos erwiesen und Olivia war einfach zu sehr damit beschäftig Olivia zu sein, um den Oliver mal punkten zu lassen.

Die Zahl der echten Prominenten schien in diesem Jahr besonders klein zu sein. Die Viert– oder Fünftplatzierten von DSDS, „Germanys Next Topmodel“, „Der Bachelor“… Anscheinend tat das dem Interesse an der Show und ihrer Unterhaltsamkeit aber gar kein Abbruch. Hat Dich das überrascht? Braucht die Show gar keine echten Stars, um zu funktionieren?

Ich glaube, es gibt keine falschen Kandidaten — es gibt nur falsche Mischungen. Im letzten Jahr hatten wir zum Beispiel ausgezeichnete Kandidaten — jeder für sich war ein Knaller. Aber in der Masse hatten wir einfach zu viele Camper, die schlecht oder gar nicht Deutsch sprachen. Der Dschungel lebt zum größten Teil nicht von den Prüfungen und Schatzsuchen, sondern von dem, was zwischen den Kandidaten passiert und sich entwickelt. Und das beginnt, entwickelt sich und endet immer in Dialogen.

Ansonsten ist es ein Trugschluss, dass man Kandidaten kategorisieren kann. Es gab relativ unbekannte Kandidaten wie zum Beispiel Nico Schwanz, die im Format hervorragend funktioniert haben. Es gab andere wie Rocco Stark, die nur für das Format funktioniert haben — hier durch die Liebesgeschichte mit Kim Debkoswki oder seine Halbbrüder. Und es gibt Kandidaten wie Arno Funke, die nur für ein paar gute Wortspiele zum Auftakt gut sind und dann in aller Stille verpuffen. Da jetzt eine Erkenntnis draus ziehen zu wollen, die sich auf den nächsten unbekannten Aspiranten anwenden lässt, ist sinnlos.


Helmut Berger, Olivia Jones

Die Quote war hervorragend. Während fast alle anderen langjährigen RTL-Shows gerade (zugegeben: auf hohem Niveau) absacken, hat der Dschungel Rekorde gefeiert. Woran liegt das? Hat da der Name Helmut Berger gezogen?

Der Dschungel hat sich seinen Event-Charakter bewahrt. Zum einen, weil er einfach zu teuer ist, um ihn im Stile der Casting-Shows so oft zu duplizieren, bis sich das Genre erschöpft hat. Zum zweiten, weil es ihn — abgesehen vom medialen Vorgewitter — wirklich nur in 16 Tagen im Jahr gibt. Und zum dritten, weil es immer mal wieder eine Auszeit gab, die wieder großen Appetit auf die Show gemacht hat. So ungern ich das auch sage — jetzt wäre mal wieder ein Jahr Pause gut für das Format.

Und die Frage nach Helmut Berger beantwortet sich aus sich selbst heraus: Die Rekord-Quoten kamen erst, als Helmut schon gegangen war. Der Dschungel weckt nach wie vor das Gefühl: Wenn ich jetzt diese zwei Wochen nicht regelmäßig zuschaue… dann verpasse ich was. Dieser Eventcharakter, verbunden mit der Tatsache, dass wir innerhalb von 60 Minuten fast das gesamte Spektrum der aktuellen Fernsehunterhaltung abdecken, macht den Dschungel immer wieder so interessant.

Was ist ein „guter“ Kandidat für „Ich bin ein Star…“? Worauf kommt es an?

Ein gewisser Leidensdruck ist schon von Vorteil. Und er sollte kein zu großer und kontrollierter Medienprofi sein. Ein verzerrtes Selbstbild und eine damit verbundene Fallhöhe sind auch ganz hilfreich. Kleinere Störungsbilder werden gerne genommen, sollten aber nicht krankhaft oder akut sein. Ansonsten gilt wie bei allem: Nenn mir den Namen und ich sage dir, ob und warum ich ihn für einen guten Kandidaten halte. Es kann zwei Promis mit identischer Vita geben, von denen einer ein Traumkandidat und der zweite ein Totalausfall ist.

In früheren Staffeln gab es Anzeichen, dass sich das Prinzip langsam abgenutzt haben könnte, dass zum Beispiel die Kandidaten sich zu kalkuliert verhalten oder auch das Prinzip der ganzen Show sich abnutzt. Wie erklärst Du, dass das stattdessen immer noch funktioniert?

Das Prinzip der Show ist die Überraschung. Wenn ein Star gar nicht so ist, wie wir oder er selbst es gedacht haben. Wenn sich einer ganz anders entwickelt, als geplant, gehofft oder befürchtet. Das zuzulassen und zu begleiten ist die Show. Je mehr man glaubt, das im Griff zu haben oder im Griff haben zu müssen, desto weniger Spielraum gibt man der Sendung, sich selbst immer wieder neu zu erfinden.

Der Übergang von Dirk Bach zu Daniel Hartwich — wie wichtig war es, das in der ersten Folge richtig zu inszenieren? War womöglich die Neugier auf Hartwich auch ein Grund für die Leute einzuschalten?

Ich weiß bis heute nicht, ob wir es wirklich richtig inszeniert haben. Wir — also Autoren, Sonja und RTL – haben uns selbst vorgenommen, die erste Sendung erst vor Ort und mit den Eindrücken vor Ort zu bauen. Letztlich ist uns das nicht gelungen, weil Fernsehen halt doch von Planern gemacht wird und zu viele technische und organisatorische Dinge im Vorfeld entschieden werden mussten. Ich selbst wollte in der ersten Sendung viel mehr die bekannten und mit Dirk verbundenen Strukturen brechen und vielleicht sogar ganz beerdigen. Nicht nur, um Dirk zu ehren, sondern um der Sendung und Daniel Platz für eine Neuanfang zu schaffen. Das war das eine Extrem, das andere war der Vorschlag, einfach wie gewohnt weiter zu machen.

Am Ende wurde es ein Kompromiss, mit dem ich nicht glücklich war — ich hätte zumindest in der ersten Sendung den Begrüssungs-Schrei auf der Brücke weg gelassen und das Studio auf einem anderen Weg als gewohnt betreten. Aber vielleicht war es gerade dieses Ritual, dass als Signal funktioniert hat. Letztlich ist modernes Fernsehen ja immer die Kunst, den Kompromiss zu finden, der am besten funktioniert.

Überhaupt: Daniel Hartwich. Der wahre Gewinner dieser Staffel?

Der Gewinner ist die Sendung. Sie hat bewiesen, dass sie die Summe von ganz vielen richtigen Entscheidungen und ganz vielen guten Fernsehmachern in den richtigen Positionen ist. Daniel hat sich da so nahtlos eingegliedert, dass wir alle Lügen strafen konnten, die uns den totalen Absturz prophezeit haben. Das soll aber auf keinen Fall die Leistung von Daniel schmälern — sich so in ein dermassen komplexes und gut funktionierendes System einzupassen, zeugt von höchster Professionalität und Teamgeist. Das ist etwas, das vielen nicht bewusst ist: Die Leistung der Moderatoren, die ja gerne mal für die Geschichte als bessere Textableser dargestellt werden, ist sensationell! Was die in der Kürze der Zeit und mit der Masse an Text leisten — ich kenne in Deutschland keine Handvoll Moderatoren, denen ich das in der Perfektion zutraue.

Dazu muss man sich nur mal die Reunion-Show anschauen: Diese Sendung haben wir drei Stunden nach dem Finale aufgezeichnet — mit Texten und Fragen, die wir ihnen 20 Minuten vorher frisch aus dem Drucker noch zugesteckt haben. Ohne Probe, ohne Ablauf, ohne viele der MAZen überhaupt gesehen zu haben, haben die beiden eine perfekte Show hingelegt, die viele ausgeschlafen und mit vier Tagen Vorlauf nicht halb so gut gestemmt hätten.


Sonja Zietlow, Daniel Hartwich, Joey Heindle.

Hatte irgendjemand von Euch Joey und Claudelle auf dem Zettel als Favoriten fürs Finale?

Ich habe am dritten Tag bei der Teamwette meine fünf Dollar auf Claudelle gesetzt. Und den Jackpot für Joey teilen sich auch ein paar Kollegen — der geht nicht an einen einzigen.

Was war das mit den ganzen persönlichen Familiendramen und Schicksalsgeschichten, die die Kandidaten da preisgegeben haben im Camp? Spielt bei Eurem Umgang damit auch eine Rolle, inwiefern ihr die für wahr oder für inszeniert haltet? Oder ist die unausgesprochene Spielregel: Alles, was da gesagt wird, darf auch als Material und ggf. Vorlage für Witze verwendet werden?

Das ist wieder etwas, das man nur am jeweiligen Beispiel erläutern kann. Einen Witz, den ich über Gundis Zambo machen kann, die ein Buch über ihre Bulimie geschrieben hat, kann ich nicht über ein ausgemergeltes Model machen, das vehement abstreitet, eine Essstörung zu haben. Ich glaube, wir haben oft bewiesen, dass wir bei allem Brachialhumor auch sensibel mit sensiblen Themen umgehen können. Das Blöde ist, dass ich das nicht beweisen kann, weil es genau die ungesagten Dinge, die ungesendeten Szenen und die ungemachten Witze sind, die das belegen.

Vielleicht nur soviel: An dem Format arbeitet ein fantastisches Team, das viel mehr von den Stars weiß und erfährt, als es jemals einsetzen würde. Und die fast schon inflationäre Zahl an Beichten war mir in der Masse und Inszenierung zu viel und zu aufgesetzt. Man muss das Format nicht schon zum siebten Mal machen, um mit relativ sicherem Gespür zu wissen, wann die Kameras in den Köpfen der Camper präsent sind und wann nicht. Und wenn ich mir sicher bin, dass ein Star das Format benutzt, dann darf das Format auch ihn benutzen.


Patrick Nuo, Iris Klein.

Hattest Du ein persönliches Moderationshighlight in diesem Jahr?

Ja! Mal wieder die Zusammenarbeit mit Micky Beisenherz. Die Moderations-Bücher entstehen innerhalb von vier Stunden, in denen wir noch Sitzungen haben und ständig zwischen Büro und den Schnittplätzen pendeln, um die parallel entstehenden MAZen zu sichten. Nebenbei wird dann gerne noch mal der Ablauf geändert, eine MAZ gekippt und ich synchronisiere noch Dr. Bob. Dazu kommen Gespräche mit Story-Producern, Show-Producern, Regisseur und die ständige inhaltliche Abstimmung mit [RTL-Redakteur] Markus Küttner. Ach ja… und ein täglicher Teaser und eine Dschungelprüfung müssen auch noch geschrieben werden. In der letzten Stunde des Schreibens sind dann auch schon die Moderatoren vor Ort und werden, wo es geht, auch noch in den Prozess mit eingebunden. Kurzum: Es ist unmöglich — und deshalb geht es nur mit Micky Beisenherz. Weil wir tatsächlich 18 bis 20 Stunden täglich fast symbiotisch aufeinander hängen und nur die Sendung leben. Teile der Show entstehen so immer schon auf der Fahrt zum Camp oder in den zwei Stunden, die wir uns täglich für Sport und zwei Bier im Pool abknappsen. Und das iPhone ist in Notiz-Funktion immer dabei.

Ihr nutzt Selbstironie in den Moderationen inzwischen fast wie eine Teflonschicht, an der jede Kritik gar nicht mehr haften bleibt. Das betrifft zum Beispiel die — berechtigten, oder nicht? — Zweifel an den Temperaturen bei Euch da unten und dem Grund für Helmut Bergers vorzeitigen Auszug. Dadurch, dass ihr Jörg Kachelmanns Vorwürfe in ironischer Form zum Thema gemacht habt, habt ihr sie lächerlich gemacht. Ganz anderes Beispiel: Wenn Daniel sich über die freizügige Kleidung von Sonja lustig macht und sie sich spielerisch darauf einlässt, macht sie das in gewisser Weise immun gegen Kritik daran. Wie erlebst Du die Macht und Möglichkeiten von Selbstironie in einem solchen Format? Was sind die Grenzen? Und warum wird das sonst so selten eingesetzt?

Wir haben die Selbstironie ja nicht als Waffe entwickelt sondern nur als Werkzeug entdeckt. Ein Werkzeug, das für jeden frei zugänglich ist — aber nur in Australien darf ich es in der Form auch benutzen. Und ganz ehrlich: Wie anders als mit Ironie soll ich mit Menschen umgehen, die mir aufgrund von Wetterdaten sagen wollen, wie warm es bei mir ist. Komischerweise hat keiner der Journalisten vor Ort jemals die aktuellen Temperaturen mal gemessen oder durchgegeben. Selbst die Kollegen vor Ort haben aus den Daten aus der Heimat zitiert oder irgendwelche „Fachleute“ vor Ort zitiert.

Die traurige Wahrheit ist: In dem Talkessel, in dem das Camp liegt, war es im Schatten viel heißer, als die Wetterwarte Murwillumbah gemessen hat. Und leider befinden sich weite Teile des Camps und der Trial-Area nicht im Schatten. Die Temperaturen, denen die Stars und auch die Moderatoren ausgesetzt waren, liegen sogar noch weit über den Werten, die uns keiner geglaubt hat. Und Kritik perlt tatsächlich an uns ab, weil sie teilweise so hanebüchen und verlogen ist, das es nicht wert ist, sich damit ernsthaft auseinander zu setzen. Nur als Beispiel: Seit acht Jahren schreiben die sogenannten „Journalisten“ einen Bericht von Frontal 21 ab, der massive Fehler und Unsauberkeiten enthält. Aber es ist einfacher, als sich mal selbst schlau zu machen. Ich kann den Quatsch von Dschungelgeräuschen vom Band, Nebelmaschinen und der angeblichen Bananenplantage nicht mehr hören. Man kann übrigens während des Sommer offizielle Führungen buchen und sich das Camp und alles anschauen. Aber das würde ja so viele der schönen Skandal-Geschichten kaputt machen.

Mit der Kritik an sich gehe ich viel entspannter um, seitdem das Spektrum von Trash bis Nietzsche, von Müll bis Kunst und von Gladiatoren– bis Tagesschau-Vergleichen geht.

Und die Frage, warum wir unsere gutfunktionierende Selbstironie und den speziellen Dschungelhumor nicht in den deutschen TV-Alltag hinüber retten können… das ist ein langes Gespräch für sich. Da gibt es ganz viel Hindernisse und leider keine Lösung.

„Es ist manchmal so schlicht, wie man’s unterstellt“

20 Nov 12
20. November 2012

Ich habe jetzt herausgefunden, warum ich schlecht über Markus Lanz schreibe: Weil er vor fünf Jahren die Anfrage, einen Gastbeitrag für BILDblog zu schreiben, abgelehnt hat.

Ich hatte das längst vergessen. Lanz nicht. Und so kam es, als er kurz vor seiner ersten „Wetten, dass“-Sendung beim österreichischen Radiosender Ö3 zu Gast war, zu folgendem Dialog:

Claudia Stöckl: Jetzt hast du auch schon in einem „Focus“-Interview gesagt: Eigentlich spürst du schon lange, seit du in der Fernsehbranche bist, man bekommt Dresche. Die Kritik ist hart. Das merkst du jetzt, glaub ich, besonders. Es gibt Leute, die sagen, sie trauen dir das nicht zu. Und da gibt es ja diesen „Spiegel“-Redakteur, den Stefan Niggemeier, der einen ganz bösen Blog über dich geschrieben hat. Zum Beispiel hat er geschrieben: „Es sind ja nicht nur diese Posen, das Finger-an-den-Mund-legen, der Dackelblick, dieses sich Spreizen, die Witzelsucht, die konsequente Unterforderung des Zuschauers, die persönlichen Zudringlichkeiten, die Phrasen, die Wichtigtuerei, das ganze streberhafte Gehabe.“ Ja, also, er hat’s ganz böse über dich geurteilt.

Lanz: Das war ein Pamphlet!

Stöckl: Kann man dich vergiften so? Im Sinne: Trifft dich dieses Gift?

Lanz: Ich beschäftige mich, ehrlich gesagt, nicht damit, aber speziell in seinem Fall habe ich eine Vermutung, diesem Menschen mal wirklich auch das Gewicht zu geben, das er eigentlich in meinem Leben nicht hat. Der hat vor vielen Jahren mich mal angefragt, ob ich an seinem Anti-„Bild“-Zeitungs-Blog mitwirken möchte. Ich hab damals zu ihm gesagt, ich mache das nicht. Ich habe kein Interesse daran, in irgendeiner Form gegen die „Bild“-Zeitung zu hetzen, genauso wenig wie ich ein Interesse daran habe, mich mit der „Bild“-Zeitung gemein zu machen. Ich hab mein journalistisches Handwerk gelernt und versuche immer, so ne gewisse Distanz zu wahren. Und als ich das so gelesen hab, hatte ich schon das Gefühl: Da sind noch ein paar alte Rechnungen offen. Es ist manchmal so schlicht, wie man’s unterstellt.

Ich habe, als ein Kommentator mir diese Stelle vorhielt, natürlich erst alles abgestritten: Lanz, am BILDblog mitwirken, wie lächerlich ist das denn?

Dann fiel mir ein, worauf er sich beziehen könnte. Ende 2007 haben wir viele bekannte und weniger bekannte Persönlichkeiten gefragt, ob sie für uns einen Gastbeitrag schreiben, als „BILDblogger für einen Tag“ für unsere damalige Adventsaktion. Darunter war auch Markus Lanz (oder „Mario Lanz“, wie es auf einer Liste mit über 50 Namen von Wunsch-Teilnehmern steht), damals noch Moderator des RTL-Sprengstoffmagazins „Explosiv“.

Ich habe sogar die Mail wiedergefunden, die ich damals an den RTL-Pressesprecher geschickt hatte:

Von: Stefan Niggemeier [mailto:stefan.niggemeier@bildblog.de]
Gesendet: Donnerstag, 29. November 2007 16:02
An: Körner, Christian [RTL Television]
Betreff: Anfrage für Markus Lanz / BILDblogger für einen Tag

Lieber Herr Körner,

darf ich Sie mal als Boten missbrauchen? Könnten Sie für mich die folgende Anfrage an Markus Lanz weiterleiten? Das wäre supernett!

Vielen Dank,
schöne Grüße
Stefan Niggemeier

Lieber Herr Lanz,

wir brauchen Sie. Für unsere große, natürlich 24-teilige Adventsaktion „BILDblogger für einen Tag“.

Unser Weihnachtswunsch ist es, im Advent jeden Tag einen anderen Gastautor zu präsentieren, der uns einen BILDblog-Eintrag schenkt. Der aufschreibt, was ihm an der „Bild“-Zeitung aufgefallen ist: die kleinen Merkwürdigkeiten oder das große Schlimme. Das können Fehler oder journalistische Entgleisungen des jeweiligen Tages sein, aber auch grundsätzliche Ärgernisse oder Gedanken zur „Bild“-Zeitung, was Sie immer schon mal bloggen wollten — am liebsten natürlich mit Bezug zur aktuellen „Bild“-Ausgabe. Gerne im BILDblog-Stil, gerne aber auch ganz anders: in der Form und Länge, die Sie sich wünschen.

Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie dabei wären. Können Sie sich das grundsätzlich vorstellen? Wenn Ja: Sagen Sie uns schnell Bescheid, damit wir gemeinsam nach einem passenden Termin suchen können. Und wenn Sie noch zögern, sagen Sie uns, was Sie zweifeln lässt — wir überreden Sie gern (mit guten Argumenten natürlich und mit Details über das Wie, Mit Wem und Warum).

Eine Antwort von Lanz habe ich nicht gefunden, und ich kann mich nicht erinnern, ob Lanz oder der RTL-Pressesprecher telefonisch abgesagt haben. Fest steht nur: Markus Lanz war damals nicht dabei, beim „Hetzen“ gegen die „Bild“-Zeitung.

Und deshalb schreibe ich heute schlecht über Markus Lanz. Woran soll es auch sonst liegen? An seinen Moderationen?

Manchmal ist es so schlicht, wie man’s unterstellt.

Sterben hautnah — eine AZ-Media-Reportage und ihre Folgen

24 Okt 12
24. Oktober 2012

Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) will die Zusammenarbeit mit Filmteams, die seine Helfer bei Einsätzen begleiten, überprüfen. Anlass ist eine Blaulicht-Reportage von AZ Media auf RTL vor zehn Tagen.

„Ein 46-jähriger Mann gibt keine Lebenszeichen mehr von sich. Seine Ehefrau hat den Notruf abgesetzt.“ So nüchtern beschreibt der Sprecher den Fall, zu dem ein Rettungswagen des Hamburger Roten Kreuzes gerufen wurde. Aber die Filmemacher wissen, was für ein Hingucker die Aufnahmen sind, die sie in den folgenden Minuten gemacht haben. Deshalb haben sie sie gleich am Anfang ihrer Reportage schon gezeigt. Und dann noch einmal vor der Werbepause, um die Zuschauer vom Umschalten abzuhalten.

Die Filmemacher sind dabei, als die beiden Rettungsassistenten zum Einsatzort fahren. Sie laufen hinter ihnen die enge Treppe hinauf in das Zimmer, in dem der Mann auf einem Bett liegt. Sie zeigen, wie die Helfer fühlen, ob er noch warm ist. Sie zeigen, wie sie versuchen, ihn vom Bett auf den Fußboden zu tragen. Sie zeigen, wie die Ehefrau mit anfassen muss, weil der Mann stark übergewichtig ist. Sie zeigen, wie der Sanitäter im Rhythmus auf das Brustbein des Mannes presst, um ihn wiederzuleben.

Wir hören, wie die Frau im Hintergrund stöhnt und schreit, und sehen, wie der Sanitäter weiterpumpt, während er zu ihr sagt: „Wir geben jetzt unser Bestes. Setzen Sie sich hin. Beruhigen Sie sich. Ok?“

Dann übernimmt seine Kollegin, und während sie mit beiden Händen sein Herz massiert, sagt sie zu den Fernsehleuten, die neben ihr stehen: „Wir drücken jetzt auf jeden Fall so lange weiter, bis der Notarzt kommt.“

Der Notarzt kommt, und der Sprecher sagt aus dem Off: „Der Patient hat es nicht geschafft. Todesursache: Vermutlich Herzversagen. Todeszeitpunkt …“ Der Satz wird von der Sanitäterin im Bild vervollständigt: „… elf Uhr zwölf.“

Gesicht und Teile des Körpers des Mannes sind unkenntlich gemacht. Aber die Aufnahmen sind auch so drastisch und schockierend. Ein Glücksfall. Wie man den Arm des Sterbenden im Rhythmus des Pumpens seiner Brust rudern sieht. Wie seine Frau wimmert. Wie sie mit anfassen muss, um den schweren Körper vom Bett zu hieven.

„Die Retterinnen“ heißt die Sendung. Sie lief in der Reihe „Die große Reportage“. Angefloskelt wurde sie mit den Worten: „Drei Frauen gehen täglich an ihr Limit, im Kampf ums Überleben. Von Null auf Hundert innerhalb kürzester Zeit. Adrenalin pur.“

Die Sendung läuft im Fensterprogramm der Produktionsfirma AZ Media, das RTL laut Rundfunkstaatsvertrag zeigen muss. Solche Zwangsausstrahlungen von irreführend „unabhängige Dritte“ genannten Firmen dienen vorgeblich der Sicherung der Meinungsvielfalt, tatsächlich aber ausschließlich als Mahnmal für die Idiotie des deutschen Rundfunkrechts. Sie müssen eigentlich „einen zusätzlichen Beitrag zur Vielfalt … insbesondere in den Bereichen Kultur, Bildung und Information leisten“.

AZ Media steht nach den Worten von AZ Media „für exzellente Information und Unterhaltung mit dem Anspruch, wahrheitsgetreu und glaubwürdig zu berichten unter Beachtung der journalistischen Grundsätze, die der Rundfunkstaatsvertrag vorgibt“.

Ich habe die Firma angesichts der Aufnahmen gefragt:

  • Hatte das Filmteam das Einverständnis der Ehefrau, mit den Rettungsassistenten in die Wohnung zu kommen und die Reanimation zu filmen?
  • Hat die Frau nachträglich die Erlaubnis gegeben, die Aufnahmen zu verwenden?
  • Glauben Sie, dass man es, wenn man selber in einer solchen Notlage ist, hinnehmen muss, dass man selbst sowie die Retter dabei gefilmt werden?
  • Gab es Auflagen vom DRK Hamburg-Harburg, was den Einsatz des Kamerateams angeht?
  • Hat AZ Media selbst Richtlinien, die festlegen, wie weit Kamerateams in solchen Situationen gehen dürfen und welche Aufnahmen gezeigt werden?

Die Antwort von AZ-Media-Chefredakteur Markus Engelhart auf diese Fragen lautet vollständig:

Wir können Ihnen versichern, dass alle für die Dreharbeiten der Reportage „Die Retterinnen“ notwendigen Genehmigungen rechtzeitig eingeholt wurden.

Der Sender RTL hat zwar keinerlei redaktionellen Einfluss auf die Fensterprogramme, betrachtet aber anders als die im Dienste der Meinungsfreiheit privilegierten AZ-Media-Verantwortlichen nicht schon das Beantworten kritischer Fragen als Zumutung. Ein Sprecher erklärt:

Wir haben interne redaktionelle journalistische Richtlinien für die Arbeit unserer Redaktionen von infoNetwork [der RTL-Magazin– und Nachrichtentochter]. Sie sind Leitfaden für das journalistische Vorgehen und Umsetzen insbesondere kritischer Situationen wie dieser. Für Auflagenprogramme gelten die Richtlinien nicht. In diesem Fall ist das Thema jedoch aus unserer Sicht angemessen und mit der nötigen Sorgfalt dargestellt worden. Dass Rettungssanitäter bzw. –Assistenten Menschen in Notsituationen medizinisch erstbehandeln, ist Titel und somit auch Gegenstand der Reportage. Reanimationen gehören zum Alltag der dargestellten Berufsgruppe dazu. Die Angehörige wurde im Bild nur kurz und hier auch verpixelt gezeigt.

Richtig: Reanimationen gehören zum Alltag von Rettungsassistenten. Das beantwortet aber ebenso wenig die Frage, ob sie deshalb auch im Fernsehen gezeigt werden müssen, wie die, ob wir wirklich wollen, dass in einer solchen Extremsituation plötzlich nicht nur Retter, sondern auch Fernsehleute in unserem Wohnzimmer stehen, und die Retter neben ihrer Arbeit den Fernsehleuten noch erklären, was sie da tun. Es gibt Rettungsdienste, die das Filmen von Reanimationen und das Filmen in Wohnungen untersagen.

Der Kreisverband Hamburg-Harburg des DRK, für den die gezeigten Sanitäter arbeiten, erklärte mir: „Das Filmteam hat die Ehefrau des Verstorbenen bei Betreten der Wohnung gefragt, ob es in Ordnung ist, wenn in der Wohnung gefilmt wird.“

Man stelle sich das kurz praktisch vor.

Die gezeigte Assistentin habe versichert, so das DRK Hamburg-Harburg weiter, „dass sie und ihr Kollege durch die Kamera und das Filmteam zu keinem Zeitpunkt in ihrer Arbeit beeinträchtigt wurden. Das Filmteam hatte von uns die Vorgabe, Personen unkenntlich zu machen, keine Namen und Adressen zu nennen und die Arbeit der Rettungsdienstmitarbeiter nicht zu stören.“

Zusätzlich werde das DRK-Harburg aber in Zukunft darauf hinweisen, „dass Filmteams keinen Zutritt zu Privaträumen erhalten“.

Das ist vermutlich eine Reaktion darauf, dass die Szene in der Berliner Zentrale des DRK gar nicht gut angekommen ist. „Wir sind der Auffassung, dass die angesprochene Reportage-Szene die Grenzen des guten Geschmacks überschreitet und so nicht hätte gesendet werden dürfen“, sagt der Kommunikationschef Jörg Angerstein. Und weiter:

Das DRK regelt diese spezielle Form der Zusammenarbeit zwischen Medien und Einsatzeinheiten bisher nicht. Wir unterstützen und wertschätzen die Arbeit der Medien —  und verlassen uns darauf, dass die Medien den Pressekodex einhalten. Die vorliegende Kooperation zeigt uns aber, dass das nicht immer der Fall ist. Daher werden wir den Fall zum Anlass für eine verbandweite Diskussion über die Grenzen von Medienkooperationen nehmen.

Nachtrag, 25. Oktober. Ein Kommentator weist darauf hin, dass auch Spiegel-TV keine Hemmungen hat, solche Aufnahmen zu drehen und zu zeigen.