RTL sucht die Supershoweröffnung — und findet sie beim ESC

Es ist für eine so strun­zunkrea­tive Pro­duk­ti­ons­firma wie die Grundy Light Enter­tain­ment ver­mut­lich nicht leicht, sich für das groß gemeinte Finale von »Deutsch­land sucht den Super­star« einen halb­wegs orgi­nell wir­ken­den Sen­dungs­auf­takt ein­fal­len zu las­sen. Und natür­lich lässt sich jeder Macher bei der Arbeit von bereits Dage­we­se­nem beein­flus­sen. Ich war dann aber trotz­dem über­rascht, als ich ges­tern gese­hen habe, was die RTL-Leute sich bei der Show ges­tern zum Vor­bild genom­men haben — und in wel­chem Maße sie sich davon haben inspi­rie­ren lassen.

Wenn Sie bitte mal schauen und stau­nen mögen:

(Natür­lich ist der DSDS-Beginn auch und erst recht 13 Jahre spä­ter nicht halb so cool wie das Opening des Euro­vi­sion Song Con­test 2000 in Stock­holm. Ich wär aber auch gern beim DSDS-Autorenbriefing dabei gewe­sen… »Und dann sollte der Off-Sprecher irgend­et­was sagen, dass die Leute wis­sen, dass die Show jetzt beginnt.« — »Da fällt mir schon was ein.« — »Haupt­sa­che, das Saal­pu­bli­kum weiß, dass es dann sofort aus­ras­ten muss.« — »Läuft.«)

Perlen für die Pannenshows: Monty Arnold und das Wunder von »Upps!«


Wir sehen eine sehr alte, sehr buck­lige Frau, die müh­sam eine Bowling-Kugel auf die Bahn hievt, die unwahr­schein­li­cher­weise alle Pins abräumt, und der Spre­cher sagt aus dem Off: »Oma Crackle ist die ein­zige, die Miss Mar­ple in meh­re­ren sport­li­chen Dis­zi­pli­nen bedient hat. 1907 im Fech­ten, 1910 im Hand­feu­er­waf­fen­schie­ßen der Damen und 1911 im Salatcatchen.«


Wir sehen ein Mäd­chen, das wild in einer Hüpf­burg her­um­ge­schleu­dert wird, und der Spre­cher sagt aus dem Off: »Das ›Fabel­hafte Flat­te­rin­chen‹ erzählt die Geschichte einer klei­nen Obst­motte, die sich in ein Fach­ge­schäft für Flie­gen­git­ter ver­irrt hat. Die­ses geniale Werk gehört auf jeden Gabentisch.«


Wir sehen eine Kut­sche mit einer Hoch­zeits­ge­sell­schaft, die umkippt, als das Pferd durch­geht, und der Spre­cher sagt aus dem Off: »Nach dem Vor­bild von Krystle und Blake Car­ring­ton aus dem ›Den­ver Clan‹, die drei­mal gehei­ra­tet haben, ohne je geschie­den wor­den zu sein, erlebt der Ten­nis­profi Craig Jack­son einen nicht enden wol­len­den Honey­moon mit sei­ner Dau­er­freun­din Loreen.«

Monty Arnold hat aus der Text-Bild-Schere eine Kunst­form gemacht. Seit sie­ben­ein­halb Jah­ren schreibt und spricht er die Kom­men­tare zu den Pan­nen­clip­shows auf RTL und Super-RTL. Heute Nacht beginnt auf RTL eine Staf­fel mit zehn neuen Fol­gen. Zeit für eine Würdigung.

Begin­nen wir vor vier­zig Jah­ren, in einer Zeit, als es in Deutsch­land nur drei Pro­gramme gab und das ZDF frei­tags am Vor­abend in ganz eige­ner Weise das Wochen­ende ein­läu­tete: mit Schwarz-Weiß– und Stummfilm-Klassikern von Pat & Pata­chon und Lau­rel & Hardy, die neu arran­giert auf ein fern­seh­freund­li­ches 25-Minuten-Format gebracht wurden.

Ab 1973 lie­fen hier unter dem Namen »Väter der Kla­motte« ame­ri­ka­ni­sche Slap­stick­film­schnip­sel aus den 1930er Jah­ren, die mit gro­ßer Lust an der Albern­heit in iro­ni­schem, leicht par­für­mier­ten Ton von dem Kaba­ret­tis­ten Hanns Die­ter Hüsch kom­men­tiert wur­den. Der Witz bestand nicht sel­ten in der Dis­kre­panz zwi­schen dem Ori­gi­nal­ma­te­rial und dem, was Hüsch und die ZDF-Leute dar­aus machten.

Die Filme fin­gen typi­scher­weise mit Sät­zen an wie:

Unser heu­ti­ger Bericht nimmt sei­nen Anfang in den Geschäfts­räu­men eines gut gehen­den Unter­neh­mens der Immo­bi­li­en­bran­che. Hier beklei­det Charly Chase der­zeit den ver­ant­wor­tungs­vol­len Pos­ten eines drit­ten Hauptbuchhalters.

Oder auch:

Nach die­sem für alle recht rühm­li­chen Aus­gang sind wir nun bei Multi-Millionär Franz-Erich Klein­geld, des­sen ein­zige Toch­ter, die lieb­rei­zende Hei­de­ma­rie, bereits fest dem begü­ter­ten Baron Poma­dius von Blan­ke­nese ver­spro­chen ist.

Hüsch und seine Off-Texte waren stil­prä­gend für die Art, wie Monty Arnold seine »Upps«-Kommentare anlegt: »Ich bin natür­lich ein gro­ßer Hanns-Dieter-Hüsch-Jünger«, sagt er. »Der Mann ist von den vie­len Vor­bil­dern, die ich habe, das größte und wich­tigste. Ich ver­ehre ihn hün­disch. Ich for­mu­liere die Frage zwar nicht aus, aber eigent­lich steht sie für mich immer über der Arbeit an ›Upps‹: ›Was hätte Hüsch jetzt gesagt?‹«

Schon Mitte der neun­zi­ger Jahre hatte Monty Arnold, der damals als Syn­chron­spre­cher arbei­tete und als Komi­ker auf­trat, kurz­zei­tig eine Pan­nen­show mit ähn­li­chem Kon­zept betex­tet: »Smile« auf RTL 2. 2005 kam ver­mut­lich des­halb die Pro­duk­ti­ons­firma Stra­ßen­fe­ger auf ihn, als es darum ging, für Super-RTL aus dem rie­si­gen Fun­dus, den Mit­ge­sell­schaf­ter Dis­ney von Ama­teur­auf­nah­men hin­fal­len­der Kin­der, ver­un­glü­cken­der Hei­nis und sich ver­ga­lop­pie­ren­der Tiere hat, eine Clip­show zu machen. Die Quo­ten der ers­ten Sen­dun­gen von »Upps! Die Pan­nen­show« auf Super-RTL war so sen­sa­tio­nell, dass die große Schwes­ter RTL das sofort haben wollte. Dank der direk­ten Ver­bin­dung zu Dis­ney konnte es sich das kleine Super-RTL aber erlau­ben, die Show nicht abzu­ge­ben, son­dern zu sagen: »Ihr könnt ja auch eine machen.«

Und so gab es ab Ende 2005 zwei Auf­träge für Monty Arnold — und zwei Pan­nen­shows: eine, die die Quo­ten in der Prime­time von Super-RTL explo­die­ren ließ, und eine, die auf RTL zwi­schen zwei Tei­len von »Deutsch­land sucht den Super­star« lief und dort die absurd große Zahl von bis zu sechs Mil­lio­nen Zuschauer erreichte.

Natür­lich weiß nie­mand, wel­chen Anteil Monty Arnolds sprach­ver­liebte Texte an die­sem Erfolg haben und ob nicht die meis­ten Men­schen genauso glück­lich gewe­sen wären, ein­fach schnell zu Musik geschnit­tene Bil­der von auf­dit­schen­den Hei­opeis, unter­legt mit lus­ti­gen Onk-, Huiiii-, Öttel– und Dengel-Geräuschen zu sehen. Ande­rer­seits half der Erfolg, dass Arnold rela­tiv unbe­hel­ligt von Beden­ken­trä­gern und Witz­nicht­ver­ste­hern mit sei­ner spe­zi­el­len Art des Humors wei­ter machen konnte.

Sein Glück ganz am Anfang war, dass diese Clip-Show, wie er sagt, »ein sehr klei­nes, unwich­ti­ges Thema in die­ser gan­zen Sen­der­struk­tur« war. Das ermög­lichte es ihm, sei­nen Humor durch­zu­set­zen — vor allem, weil er klare Vor­stel­lun­gen hatte, wie das wer­den sollte, die Auf­trag­ge­ber aber nicht. »Von Klei­nig­kei­ten abge­se­hen haben die mich machen las­sen und ich musste denen nicht meine Witze erklä­ren — was ja auch gar nicht gegan­gen wäre: Wenn man es könnte, wäre es nicht mehr komisch. Das blieb bis heute so, dass ich keine Sche­ren im Kopf habe, son­dern fröh­lich vor mich hinarbeite.«

Monty Arnold geht durch die Welt und macht sich Noti­zen. Schreibt sich lus­tige Namen auf, die ihm irgendwo begeg­nen, Buch­an­fänge, die ihm ein­fal­len, Plots für irgend­wel­che Geschich­ten. »Ganz stolz bin ich auf meine Kat­zen­na­men«, sagt er. »Ich hab bestimmt 60 Kat­zen­na­men erfun­den, die dann bei ›Upps‹ manch­mal auf­tau­chen, Pus­se­liese und Schnur­ri­nate und Milbertine …«

Seine selbst­ge­mach­ten Notiz­bü­cher hat er »Notary Sojac« genannt, und so nennt er auch heute die ent­spre­chen­den Archive auf sei­nem Com­pu­ter. »Notary Socac« ist ein eigent­lich sinn­lo­ser Begriff, der immer wie­der in den »Gaso­line Alley«-Comicstrips auf­tauchte. Aber gele­sen hat er haupt­säch­lich andere: »Die Marvel-Comics waren abge­se­hen von Hüsch meine wich­tigste kul­tu­relle Prä­gung«, sagt Monty Arnold, »auch was die Liebe zur Spra­che angeht.«

Manch­mal sitzt er bei der Arbeit vor einem »Upps«-Clip, den er betex­ten soll, und sagt sich: »Es gab mal beim ›Hulk‹ eine Situa­tion, wie war denn noch die For­mu­lie­rung«, geht an den Schrank mit der gro­ßen Marvel-Comic-Sammlung, die er sei­nem gro­ßen Bru­der mal abge­luchst und dann ver­voll­stän­digt hat, und fin­det bin­nen 80 Sekun­den (er sagt wirk­lich »bin­nen«) das rich­tige Heft.

Etwa eine Woche braucht er für eine Stunde Clip-Rohmaterial. Er macht es sich gemüt­lich in sei­ner Woh­nung in Ham­burg, lässt alte sym­pho­ni­sche Film­mu­sik lau­fen und schaut, dass er noch par­al­lel irgend­et­was zu tun hat, Zei­tungs­aus­schnitte ein­pfle­gen, sowas, womit er sich immer ein paar Minu­ten beschäf­ti­gen kann, um zwi­schen­durch Abstand zu bekom­men. Meis­tens wird dann eine Asso­zia­tion aus dem Hin­ter­kopf nach vorne gereicht. Oder es tritt eine blöde Katze auf, dann guckt er in sei­nen Katzenordner.

Er rei­chert sein Beschrei­bun­gen und Nicht­be­schrei­bun­gen mit Namen wie »Her­ku­lette Pfen­nig­fort« an, gibt den Clips eine absurde Kon­kret­heit oder eine über­trie­bene Über­hö­hung. Zu einem Kind, das mit einem quer gehal­te­nen Besen gegen den Tür­rah­men bret­tert, for­mu­liert er: »Ein­mal mehr schei­tert ein früh­be­gab­tes Kind an der Enge sei­ner Ver­hält­nisse. Frau Fami­li­en­mi­nis­te­rin, Sie dür­fen nicht län­ger schwei­gen!« Und wenn ver­wa­ckelte Bil­der von einem Mann zu sehen sind, des­sen Ver­such, eine Wand hoch­zu­klet­tern, unglück­li­cher­weise nicht im Was­ser­be­cken endet, son­dern auf dem Rand dane­ben, sagt er: »Merzig-Wadern hat jetzt ein eige­nes Wellness-Sanatorium. Die zuvor in die­sen Räu­men unter­ge­brachte Stuntmen-Erziehungsanstalt musste wegen zahl­rei­cher Krank­mel­dun­gen geschlos­sen werden.«

Zum Home­vi­deo von einem Mann, des­sen Ruder­boot bei der Rück­kehr ans Ufer auf trau­rigste Art absäuft, lau­tet der Text: »Was den Schul­kin­dern stets ver­schwie­gen wird, ist, dass Odys­seus nicht von Anfang an nicht der ver­we­gene Mit­tel­meer­seg­ler war, als den ihn die Geschichts­bü­cher heute hinstellen.«

Und natür­lich könnte schon jedes Kind, das die »Was pas­siert dann«-Bilder aus der »Sesamstraße«-kennt, vor­her­sa­gen, was sich hier gleich ereig­nen wird:

Umso schö­ner, wenn es wäh­rend­des­sen aus dem Off heißt: »Ver­geb­lich ver­sucht Rangi in dem Erpel, den er auf dem Erlan­ge­ner Comic-Salon bei einer Tom­bola gewon­nen hat, den Geist von Donald Duck zu erblicken.«

Wenn sie gelin­gen, geben Monty Arnolds Kom­men­tare der klei­nen schmut­zi­gen Film­pa­rade, die sich an unsere nie­de­ren Humor­in­stinkte rich­tet, einen dop­pel­ten Boden, weil ihre Albern­heit auf ganz ande­rer Ebene stattfindet.

»Ich bin gar nicht so sehr der Scha­den­freu­de­typ«, sagt Monty Arnold. Er mag lie­ber den Witz, der im Moment ent­steht, wenn man plötz­lich etwas begreift. In die­sem Sinne ver­steht er auch seine Texte, die oft als Bild­un­ter­schrif­ten oder Erklär­texte daher­kom­men, wenn er den Jar­gon einer Repor­tage oder einer Abhand­lung imitiert.

»Das hat Hüsch ja auch gemacht, wenn er die ›Väter der Klamotte‹-Sendungen so anfan­gen ließ: ›Unser heu­ti­ger Bericht schil­dert in anschau­li­cher Weise die schlim­men Fol­gen des Alko­hol­kon­sums.‹ Es sind fast immer Par­odien auf Sachtexte.«

Hand­werk­lich sei sein Vor­ge­hen und das von Hüsch das glei­che: ohne den O-Ton zu nut­zen oder zur Ver­fü­gung zu haben, aus dem Mate­rial machen zu kön­nen. (Hüsch dachte sich Namen wie The­rese Jubel­hose aus für die Ame­ri­ka­ne­rin­nen, die zum Bei­spiel mit Stan Lau­rel auf­tra­ten.) »Mit dem rie­si­gen Unter­schied, den ich nicht laut genug beto­nen kann, dass die Dinge, die Hüsch zu ver­to­nen hatte, Kost­bar­kei­ten waren. Er hatte es mit den edlen Rit­tern aus dem Dino­sau­ri­er­reich der Kino-Slapstick-Kunst zu tun.«

Wel­che Qua­li­tä­ten ein Clip haben muss, um sich für einen schö­nen »Upps«-Moment zu eig­nen, kann er nicht so genau sagen. »Oft ist es natür­lich iden­ti­sches Hin­ge­falle und Aus­ge­rut­sche. Es kommt vor, dass Sachen unheim­lich lang­wei­lig sind, aber vor dem Hin­ter­grund, dass man sie betex­ten darf, Poten­zial mitbringen.«

Monty Arnold sagt, er habe von Anfang an, schon als Kind, beim Fern­se­hen immer das Bewusst­sein gehabt, dass da im Hin­ter­grund gear­bei­tet wird. »Ich habe das Fern­se­hen nie mit die­ser Unbe­fan­gen­heit betrach­tet, die man Kin­dern immer unter­stellt. Ich finde das aber auch gut so — umso mehr hatte ich davon.«

Sein Bru­der zeigte ihm ein­mal in einem Pop­le­xi­kon ein Foto von Hüsch, »mit sei­nen schreck­li­chen lan­gen Haa­ren, die­sen wei­ßen Kote­let­ten und der Kas­sen­brille. Er sah ent­setz­lich aus, ich habe ihn sofort geliebt.«

Er hat ihn spä­ter auch getrof­fen, saß zu Füßen sei­nes »Gro­ßen Meis­ters« und hat drei Auf­tritte mit ihm bei des­sen Kaba­rett­reihe mit Gäs­ten im Saar­län­di­schen Rund­funk gehabt.

Von der Bühne hat er sich vor Jah­ren ver­ab­schie­det. Heute arbei­tet er als Spre­cher, syn­chro­ni­siert Com­pu­ter­spiele oder spricht Radio­wer­bung. Er unter­rich­tet Geschichte an Musi­cal­schu­len und arbei­tet als Auf­trags­schrei­ber, für Events, Auf­füh­run­gen, andere Komi­ker, auch mal einen Songtext.

Er hätte nichts dage­gen gehabt, wenn sich aus »Upps« noch eine andere Auto­ren­ar­beit erge­ben hätte, Dreh­bü­cher oder seriöse Kom­men­tare. Aber dafür ist das als öffent­li­che Bewer­bung womög­lich nicht geeig­net. Hat »Upps« sei­nen Ruf gemehrt? »Hat es nicht.«

Arnold sagt: »Obwohl ich die Sen­dung liebe und ich es immer noch schön finde, mich in die­ser Weise pro­du­zie­ren zu kön­nen: Es ist natür­lich nichts, womit man vor irgend­je­man­dem prah­len kann. Es ist halt eine Clip-Show, das ran­giert in der Publi­kums­wahr­neh­mung ganz unten.“

Für ihn ist es auch des­halb ein Ver­gnü­gen, in diese »in man­cher Hin­sicht etwas undank­bare Ecke hin­ein­zu­ar­bei­ten«, weil er dem RTL-Publikum man­ches »unter die Weste jubeln« kann: »Ich sage halt in ihrem Wohn­zim­mer ›Jac­ques Offen­bach‹ und kei­ner hin­dert mich dran, das finde ich toll.«

Und manch­mal reicht es völ­lig, bloß Schnip­sel um Schnip­sel vom beim Tan­zen stür­zen­den Men­schen anein­an­der­zu­rei­hen, und ihnen die Sätze vor­an­zu­stel­len: »Der berühmte Cho­reo­graph Ech­na­ton Puss­wal­der wäre heute 125 Jahre alt gewor­den. Über­all, land­auf, landab, wird sein Anden­ken in Ehren gehalten.«

  • Upps! Die Super­pan­nen­show, zehn neue Fol­gen mit Monty Arnold (und ohne Andrea Göpel und Oli­ver Bee­rhenke) ab heute Nacht 0.40 Uhr, RTL

Dschungeltexter Jens Oliver Haas: »Ein Jahr Pause wäre jetzt gut für das Format«


Geor­gina, Oli­via Jones. Fotos: RTL

Am ver­gan­ge­nen Wochen­ende lief das Finale von »Ich bin ein Star — holt mich hier raus«. Jens Oli­ver Haas, der seit der ers­ten Staf­fel die Mode­ra­ti­ons­texte für die Dschun­gel­show schreibt, ist schon auf dem Rück­flug nach Hause. Unter­wegs hat er mir noch einige Fra­gen per E-Mail beantwortet.

Im Rück­blick: War 2013 ein guter Jahrgang?

Es war ein wun­der­ba­rer Jahr­gang. Die Hang­lage der Kan­di­da­ten hat sich aus­ge­zahlt — aber trotz­dem fehlte mir das Gefälle. Um im Bild zu blei­ben: Es war mir zu aus­ge­wo­gen. Da fehlte das intel­lek­tu­elle Gefälle und der clash of cul­tures, wie wir es zum Bei­spiel bei mei­nen per­sön­li­chen Lieb­lings­staf­feln zwi­schen Rai­ner Lang­hans und Sarah Knap­pik oder zwi­schen Ingrid van Ber­gen und Giulia Sie­gel hat­ten. Da hatte ich mir spe­zi­ell von Hel­mut Ber­ger, Arno Funke und Oli­via Jones mehr erwar­tet. Aber Hel­mut hat uns ver­las­sen, bevor er zu sich kam, Arno hat sich als sehr farb­los erwie­sen und Oli­via war ein­fach zu sehr damit beschäf­tig Oli­via zu sein, um den Oli­ver mal punk­ten zu lassen.

Die Zahl der ech­ten Pro­mi­nen­ten schien in die­sem Jahr beson­ders klein zu sein. Die Viert– oder Fünft­plat­zier­ten von DSDS, »Ger­ma­nys Next Top­mo­del«, »Der Bache­lor«… Anschei­nend tat das dem Inter­esse an der Show und ihrer Unter­halt­sam­keit aber gar kein Abbruch. Hat Dich das über­rascht? Braucht die Show gar keine ech­ten Stars, um zu funktionieren?

Ich glaube, es gibt keine fal­schen Kan­di­da­ten — es gibt nur fal­sche Mischun­gen. Im letz­ten Jahr hat­ten wir zum Bei­spiel aus­ge­zeich­nete Kan­di­da­ten — jeder für sich war ein Knal­ler. Aber in der Masse hat­ten wir ein­fach zu viele Cam­per, die schlecht oder gar nicht Deutsch spra­chen. Der Dschun­gel lebt zum größ­ten Teil nicht von den Prü­fun­gen und Schatz­su­chen, son­dern von dem, was zwi­schen den Kan­di­da­ten pas­siert und sich ent­wi­ckelt. Und das beginnt, ent­wi­ckelt sich und endet immer in Dialogen.

Ansons­ten ist es ein Trug­schluss, dass man Kan­di­da­ten kate­go­ri­sie­ren kann. Es gab rela­tiv unbe­kannte Kan­di­da­ten wie zum Bei­spiel Nico Schwanz, die im For­mat her­vor­ra­gend funk­tio­niert haben. Es gab andere wie Rocco Stark, die nur für das For­mat funk­tio­niert haben — hier durch die Lie­bes­ge­schichte mit Kim Debkoswki oder seine Halb­brü­der. Und es gibt Kan­di­da­ten wie Arno Funke, die nur für ein paar gute Wort­spiele zum Auf­takt gut sind und dann in aller Stille ver­puf­fen. Da jetzt eine Erkennt­nis draus zie­hen zu wol­len, die sich auf den nächs­ten unbe­kann­ten Aspi­ran­ten anwen­den lässt, ist sinnlos.


Hel­mut Ber­ger, Oli­via Jones

Die Quote war her­vor­ra­gend. Wäh­rend fast alle ande­ren lang­jäh­ri­gen RTL-Shows gerade (zuge­ge­ben: auf hohem Niveau) absa­cken, hat der Dschun­gel Rekorde gefei­ert. Woran liegt das? Hat da der Name Hel­mut Ber­ger gezogen?

Der Dschun­gel hat sich sei­nen Event-Charakter bewahrt. Zum einen, weil er ein­fach zu teuer ist, um ihn im Stile der Casting-Shows so oft zu dupli­zie­ren, bis sich das Genre erschöpft hat. Zum zwei­ten, weil es ihn — abge­se­hen vom media­len Vor­ge­wit­ter — wirk­lich nur in 16 Tagen im Jahr gibt. Und zum drit­ten, weil es immer mal wie­der eine Aus­zeit gab, die wie­der gro­ßen Appe­tit auf die Show gemacht hat. So ungern ich das auch sage — jetzt wäre mal wie­der ein Jahr Pause gut für das Format.

Und die Frage nach Hel­mut Ber­ger beant­wor­tet sich aus sich selbst her­aus: Die Rekord-Quoten kamen erst, als Hel­mut schon gegan­gen war. Der Dschun­gel weckt nach wie vor das Gefühl: Wenn ich jetzt diese zwei Wochen nicht regel­mä­ßig zuschaue… dann ver­passe ich was. Die­ser Event­cha­rak­ter, ver­bun­den mit der Tat­sa­che, dass wir inner­halb von 60 Minu­ten fast das gesamte Spek­trum der aktu­el­len Fern­seh­un­ter­hal­tung abde­cken, macht den Dschun­gel immer wie­der so interessant.

Was ist ein »guter« Kan­di­dat für »Ich bin ein Star…«? Wor­auf kommt es an?

Ein gewis­ser Lei­dens­druck ist schon von Vor­teil. Und er sollte kein zu gro­ßer und kon­trol­lier­ter Medi­en­profi sein. Ein ver­zerr­tes Selbst­bild und eine damit ver­bun­dene Fall­höhe sind auch ganz hilf­reich. Klei­nere Stö­rungs­bil­der wer­den gerne genom­men, soll­ten aber nicht krank­haft oder akut sein. Ansons­ten gilt wie bei allem: Nenn mir den Namen und ich sage dir, ob und warum ich ihn für einen guten Kan­di­da­ten halte. Es kann zwei Pro­mis mit iden­ti­scher Vita geben, von denen einer ein Traum­kan­di­dat und der zweite ein Total­aus­fall ist.

In frü­he­ren Staf­feln gab es Anzei­chen, dass sich das Prin­zip lang­sam abge­nutzt haben könnte, dass zum Bei­spiel die Kan­di­da­ten sich zu kal­ku­liert ver­hal­ten oder auch das Prin­zip der gan­zen Show sich abnutzt. Wie erklärst Du, dass das statt­des­sen immer noch funktioniert?

Das Prin­zip der Show ist die Über­ra­schung. Wenn ein Star gar nicht so ist, wie wir oder er selbst es gedacht haben. Wenn sich einer ganz anders ent­wi­ckelt, als geplant, gehofft oder befürch­tet. Das zuzu­las­sen und zu beglei­ten ist die Show. Je mehr man glaubt, das im Griff zu haben oder im Griff haben zu müs­sen, desto weni­ger Spiel­raum gibt man der Sen­dung, sich selbst immer wie­der neu zu erfinden.

Der Über­gang von Dirk Bach zu Daniel Hart­wich — wie wich­tig war es, das in der ers­ten Folge rich­tig zu insze­nie­ren? War womög­lich die Neu­gier auf Hart­wich auch ein Grund für die Leute einzuschalten?

Ich weiß bis heute nicht, ob wir es wirk­lich rich­tig insze­niert haben. Wir — also Auto­ren, Sonja und RTL – haben uns selbst vor­ge­nom­men, die erste Sen­dung erst vor Ort und mit den Ein­drü­cken vor Ort zu bauen. Letzt­lich ist uns das nicht gelun­gen, weil Fern­se­hen halt doch von Pla­nern gemacht wird und zu viele tech­ni­sche und orga­ni­sa­to­ri­sche Dinge im Vor­feld ent­schie­den wer­den muss­ten. Ich selbst wollte in der ers­ten Sen­dung viel mehr die bekann­ten und mit Dirk ver­bun­de­nen Struk­tu­ren bre­chen und viel­leicht sogar ganz beer­di­gen. Nicht nur, um Dirk zu ehren, son­dern um der Sen­dung und Daniel Platz für eine Neu­an­fang zu schaf­fen. Das war das eine Extrem, das andere war der Vor­schlag, ein­fach wie gewohnt wei­ter zu machen.

Am Ende wurde es ein Kom­pro­miss, mit dem ich nicht glück­lich war — ich hätte zumin­dest in der ers­ten Sen­dung den Begrüssungs-Schrei auf der Brü­cke weg gelas­sen und das Stu­dio auf einem ande­ren Weg als gewohnt betre­ten. Aber viel­leicht war es gerade die­ses Ritual, dass als Signal funk­tio­niert hat. Letzt­lich ist moder­nes Fern­se­hen ja immer die Kunst, den Kom­pro­miss zu fin­den, der am bes­ten funktioniert.

Über­haupt: Daniel Hart­wich. Der wahre Gewin­ner die­ser Staffel?

Der Gewin­ner ist die Sen­dung. Sie hat bewie­sen, dass sie die Summe von ganz vie­len rich­ti­gen Ent­schei­dun­gen und ganz vie­len guten Fern­seh­ma­chern in den rich­ti­gen Posi­tio­nen ist. Daniel hat sich da so naht­los ein­ge­glie­dert, dass wir alle Lügen stra­fen konn­ten, die uns den tota­len Absturz pro­phe­zeit haben. Das soll aber auf kei­nen Fall die Leis­tung von Daniel schmä­lern — sich so in ein der­mas­sen kom­ple­xes und gut funk­tio­nie­ren­des Sys­tem ein­zu­pas­sen, zeugt von höchs­ter Pro­fes­sio­na­li­tät und Team­geist. Das ist etwas, das vie­len nicht bewusst ist: Die Leis­tung der Mode­ra­to­ren, die ja gerne mal für die Geschichte als bes­sere Texta­b­le­ser dar­ge­stellt wer­den, ist sen­sa­tio­nell! Was die in der Kürze der Zeit und mit der Masse an Text leis­ten — ich kenne in Deutsch­land keine Hand­voll Mode­ra­to­ren, denen ich das in der Per­fek­tion zutraue.

Dazu muss man sich nur mal die Reunion-Show anschauen: Diese Sen­dung haben wir drei Stun­den nach dem Finale auf­ge­zeich­net — mit Tex­ten und Fra­gen, die wir ihnen 20 Minu­ten vor­her frisch aus dem Dru­cker noch zuge­steckt haben. Ohne Probe, ohne Ablauf, ohne viele der MAZen über­haupt gese­hen zu haben, haben die bei­den eine per­fekte Show hin­ge­legt, die viele aus­ge­schla­fen und mit vier Tagen Vor­lauf nicht halb so gut gestemmt hätten.


Sonja Ziet­low, Daniel Hart­wich, Joey Heindle.

Hatte irgend­je­mand von Euch Joey und Clau­delle auf dem Zet­tel als Favo­ri­ten fürs Finale?

Ich habe am drit­ten Tag bei der Team­wette meine fünf Dol­lar auf Clau­delle gesetzt. Und den Jack­pot für Joey tei­len sich auch ein paar Kol­le­gen — der geht nicht an einen einzigen.

Was war das mit den gan­zen per­sön­li­chen Fami­li­en­dra­men und Schick­sals­ge­schich­ten, die die Kan­di­da­ten da preis­ge­ge­ben haben im Camp? Spielt bei Eurem Umgang damit auch eine Rolle, inwie­fern ihr die für wahr oder für insze­niert hal­tet? Oder ist die unaus­ge­spro­chene Spiel­re­gel: Alles, was da gesagt wird, darf auch als Mate­rial und ggf. Vor­lage für Witze ver­wen­det werden?

Das ist wie­der etwas, das man nur am jewei­li­gen Bei­spiel erläu­tern kann. Einen Witz, den ich über Gun­dis Zambo machen kann, die ein Buch über ihre Buli­mie geschrie­ben hat, kann ich nicht über ein aus­ge­mer­gel­tes Model machen, das vehe­ment abstrei­tet, eine Ess­stö­rung zu haben. Ich glaube, wir haben oft bewie­sen, dass wir bei allem Bra­chi­al­hu­mor auch sen­si­bel mit sen­si­blen The­men umge­hen kön­nen. Das Blöde ist, dass ich das nicht bewei­sen kann, weil es genau die unge­sag­ten Dinge, die unge­sen­de­ten Sze­nen und die unge­mach­ten Witze sind, die das belegen.

Viel­leicht nur soviel: An dem For­mat arbei­tet ein fan­tas­ti­sches Team, das viel mehr von den Stars weiß und erfährt, als es jemals ein­set­zen würde. Und die fast schon infla­tio­näre Zahl an Beich­ten war mir in der Masse und Insze­nie­rung zu viel und zu auf­ge­setzt. Man muss das For­mat nicht schon zum sieb­ten Mal machen, um mit rela­tiv siche­rem Gespür zu wis­sen, wann die Kame­ras in den Köp­fen der Cam­per prä­sent sind und wann nicht. Und wenn ich mir sicher bin, dass ein Star das For­mat benutzt, dann darf das For­mat auch ihn benutzen.


Patrick Nuo, Iris Klein.

Hat­test Du ein per­sön­li­ches Mode­ra­ti­ons­high­light in die­sem Jahr?

Ja! Mal wie­der die Zusam­men­ar­beit mit Micky Bei­sen­herz. Die Moderations-Bücher ent­ste­hen inner­halb von vier Stun­den, in denen wir noch Sit­zun­gen haben und stän­dig zwi­schen Büro und den Schnitt­plät­zen pen­deln, um die par­al­lel ent­ste­hen­den MAZen zu sich­ten. Neben­bei wird dann gerne noch mal der Ablauf geän­dert, eine MAZ gekippt und ich syn­chro­ni­siere noch Dr. Bob. Dazu kom­men Gesprä­che mit Story-Producern, Show-Producern, Regis­seur und die stän­dige inhalt­li­che Abstim­mung mit [RTL-Redakteur] Mar­kus Kütt­ner. Ach ja… und ein täg­li­cher Tea­ser und eine Dschun­gel­prü­fung müs­sen auch noch geschrie­ben wer­den. In der letz­ten Stunde des Schrei­bens sind dann auch schon die Mode­ra­to­ren vor Ort und wer­den, wo es geht, auch noch in den Pro­zess mit ein­ge­bun­den. Kurzum: Es ist unmög­lich — und des­halb geht es nur mit Micky Bei­sen­herz. Weil wir tat­säch­lich 18 bis 20 Stun­den täg­lich fast sym­bio­tisch auf­ein­an­der hän­gen und nur die Sen­dung leben. Teile der Show ent­ste­hen so immer schon auf der Fahrt zum Camp oder in den zwei Stun­den, die wir uns täg­lich für Sport und zwei Bier im Pool abknapp­sen. Und das iPhone ist in Notiz-Funktion immer dabei.

Ihr nutzt Selbst­iro­nie in den Mode­ra­tio­nen inzwi­schen fast wie eine Tef­lon­schicht, an der jede Kri­tik gar nicht mehr haf­ten bleibt. Das betrifft zum Bei­spiel die — berech­tig­ten, oder nicht? — Zwei­fel an den Tem­pe­ra­tu­ren bei Euch da unten und dem Grund für Hel­mut Ber­gers vor­zei­ti­gen Aus­zug. Dadurch, dass ihr Jörg Kachel­manns Vor­würfe in iro­ni­scher Form zum Thema gemacht habt, habt ihr sie lächer­lich gemacht. Ganz ande­res Bei­spiel: Wenn Daniel sich über die frei­zü­gige Klei­dung von Sonja lus­tig macht und sie sich spie­le­risch dar­auf ein­lässt, macht sie das in gewis­ser Weise immun gegen Kri­tik daran. Wie erlebst Du die Macht und Mög­lich­kei­ten von Selbst­iro­nie in einem sol­chen For­mat? Was sind die Gren­zen? Und warum wird das sonst so sel­ten eingesetzt?

Wir haben die Selbst­iro­nie ja nicht als Waffe ent­wi­ckelt son­dern nur als Werk­zeug ent­deckt. Ein Werk­zeug, das für jeden frei zugäng­lich ist — aber nur in Aus­tra­lien darf ich es in der Form auch benut­zen. Und ganz ehr­lich: Wie anders als mit Iro­nie soll ich mit Men­schen umge­hen, die mir auf­grund von Wet­ter­da­ten sagen wol­len, wie warm es bei mir ist. Komi­scher­weise hat kei­ner der Jour­na­lis­ten vor Ort jemals die aktu­el­len Tem­pe­ra­tu­ren mal gemes­sen oder durch­ge­ge­ben. Selbst die Kol­le­gen vor Ort haben aus den Daten aus der Hei­mat zitiert oder irgend­wel­che »Fach­leute« vor Ort zitiert.

Die trau­rige Wahr­heit ist: In dem Tal­kes­sel, in dem das Camp liegt, war es im Schat­ten viel hei­ßer, als die Wet­ter­warte Mur­wil­lum­bah gemes­sen hat. Und lei­der befin­den sich weite Teile des Camps und der Trial-Area nicht im Schat­ten. Die Tem­pe­ra­tu­ren, denen die Stars und auch die Mode­ra­to­ren aus­ge­setzt waren, lie­gen sogar noch weit über den Wer­ten, die uns kei­ner geglaubt hat. Und Kri­tik perlt tat­säch­lich an uns ab, weil sie teil­weise so hane­bü­chen und ver­lo­gen ist, das es nicht wert ist, sich damit ernst­haft aus­ein­an­der zu set­zen. Nur als Bei­spiel: Seit acht Jah­ren schrei­ben die soge­nann­ten »Jour­na­lis­ten« einen Bericht von Fron­tal 21 ab, der mas­sive Feh­ler und Unsau­ber­kei­ten ent­hält. Aber es ist ein­fa­cher, als sich mal selbst schlau zu machen. Ich kann den Quatsch von Dschun­gel­ge­räu­schen vom Band, Nebel­ma­schi­nen und der angeb­li­chen Bana­nen­plan­tage nicht mehr hören. Man kann übri­gens wäh­rend des Som­mer offi­zi­elle Füh­run­gen buchen und sich das Camp und alles anschauen. Aber das würde ja so viele der schö­nen Skandal-Geschichten kaputt machen.

Mit der Kri­tik an sich gehe ich viel ent­spann­ter um, seit­dem das Spek­trum von Trash bis Nietz­sche, von Müll bis Kunst und von Gla­dia­to­ren– bis Tagesschau-Vergleichen geht.

Und die Frage, warum wir unsere gut­funk­tio­nie­rende Selbst­iro­nie und den spe­zi­el­len Dschun­gel­hu­mor nicht in den deut­schen TV-Alltag hin­über ret­ten kön­nen… das ist ein lan­ges Gespräch für sich. Da gibt es ganz viel Hin­der­nisse und lei­der keine Lösung.

»Es ist manchmal so schlicht, wie man’s unterstellt«

Ich habe jetzt her­aus­ge­fun­den, warum ich schlecht über Mar­kus Lanz schreibe: Weil er vor fünf Jah­ren die Anfrage, einen Gast­bei­trag für BILD­blog zu schrei­ben, abge­lehnt hat.

Ich hatte das längst ver­ges­sen. Lanz nicht. Und so kam es, als er kurz vor sei­ner ers­ten »Wet­ten, dass«-Sendung beim öster­rei­chi­schen Radio­sen­der Ö3 zu Gast war, zu fol­gen­dem Dialog:

[audio:http://www.stefan-niggemeier.de/blog/wp-content/lanz3.mp3]

Clau­dia Stöckl: Jetzt hast du auch schon in einem »Focus«-Interview gesagt: Eigent­lich spürst du schon lange, seit du in der Fern­seh­bran­che bist, man bekommt Dre­sche. Die Kri­tik ist hart. Das merkst du jetzt, glaub ich, beson­ders. Es gibt Leute, die sagen, sie trauen dir das nicht zu. Und da gibt es ja die­sen »Spiegel«-Redakteur, den Ste­fan Nig­ge­meier, der einen ganz bösen Blog über dich geschrie­ben hat. Zum Bei­spiel hat er geschrie­ben: »Es sind ja nicht nur diese Posen, das Finger-an-den-Mund-legen, der Dackel­blick, die­ses sich Sprei­zen, die Wit­zel­sucht, die kon­se­quente Unter­for­de­rung des Zuschau­ers, die per­sön­li­chen Zudring­lich­kei­ten, die Phra­sen, die Wich­tig­tue­rei, das ganze stre­ber­hafte Gehabe.« Ja, also, er hat’s ganz böse über dich geurteilt.

Lanz: Das war ein Pamphlet!

Stöckl: Kann man dich ver­gif­ten so? Im Sinne: Trifft dich die­ses Gift?

Lanz: Ich beschäf­tige mich, ehr­lich gesagt, nicht damit, aber spe­zi­ell in sei­nem Fall habe ich eine Ver­mu­tung, die­sem Men­schen mal wirk­lich auch das Gewicht zu geben, das er eigent­lich in mei­nem Leben nicht hat. Der hat vor vie­len Jah­ren mich mal ange­fragt, ob ich an sei­nem Anti-»Bild«-Zeitungs-Blog mit­wir­ken möchte. Ich hab damals zu ihm gesagt, ich mache das nicht. Ich habe kein Inter­esse daran, in irgend­ei­ner Form gegen die »Bild«-Zeitung zu het­zen, genauso wenig wie ich ein Inter­esse daran habe, mich mit der »Bild«-Zeitung gemein zu machen. Ich hab mein jour­na­lis­ti­sches Hand­werk gelernt und ver­su­che immer, so ne gewisse Dis­tanz zu wah­ren. Und als ich das so gele­sen hab, hatte ich schon das Gefühl: Da sind noch ein paar alte Rech­nun­gen offen. Es ist manch­mal so schlicht, wie man’s unterstellt.

Ich habe, als ein Kom­men­ta­tor mir diese Stelle vor­hielt, natür­lich erst alles abge­strit­ten: Lanz, am BILD­blog mit­wir­ken, wie lächer­lich ist das denn?

Dann fiel mir ein, wor­auf er sich bezie­hen könnte. Ende 2007 haben wir viele bekannte und weni­ger bekannte Per­sön­lich­kei­ten gefragt, ob sie für uns einen Gast­bei­trag schrei­ben, als »BILD­blog­ger für einen Tag« für unsere dama­lige Advents­ak­tion. Dar­un­ter war auch Mar­kus Lanz (oder »Mario Lanz«, wie es auf einer Liste mit über 50 Namen von Wunsch-Teilnehmern steht), damals noch Mode­ra­tor des RTL-Sprengstoffmagazins »Explosiv«.

Ich habe sogar die Mail wie­der­ge­fun­den, die ich damals an den RTL-Pressesprecher geschickt hatte:

Von: Ste­fan Nig­ge­meier [mailto:stefan.niggemeier@bildblog.de]
Gesen­det: Don­ners­tag, 29. Novem­ber 2007 16:02
An: Kör­ner, Chris­tian [RTL Tele­vi­sion]
Betreff: Anfrage für Mar­kus Lanz / BILD­blog­ger für einen Tag

Lie­ber Herr Körner,

darf ich Sie mal als Boten miss­brau­chen? Könn­ten Sie für mich die fol­gende Anfrage an Mar­kus Lanz wei­ter­lei­ten? Das wäre supernett!

Vie­len Dank,
schöne Grüße
Ste­fan Niggemeier

Lie­ber Herr Lanz,

wir brau­chen Sie. Für unsere große, natür­lich 24-teilige Advents­ak­tion »BILD­blog­ger für einen Tag«.

Unser Weih­nachts­wunsch ist es, im Advent jeden Tag einen ande­ren Gast­au­tor zu prä­sen­tie­ren, der uns einen BILDblog-Eintrag schenkt. Der auf­schreibt, was ihm an der »Bild«-Zeitung auf­ge­fal­len ist: die klei­nen Merk­wür­dig­kei­ten oder das große Schlimme. Das kön­nen Feh­ler oder jour­na­lis­ti­sche Ent­glei­sun­gen des jewei­li­gen Tages sein, aber auch grund­sätz­li­che Ärger­nisse oder Gedan­ken zur »Bild«-Zeitung, was Sie immer schon mal blog­gen woll­ten — am liebs­ten natür­lich mit Bezug zur aktu­el­len »Bild«-Ausgabe. Gerne im BILDblog-Stil, gerne aber auch ganz anders: in der Form und Länge, die Sie sich wünschen.

Wir wür­den uns sehr freuen, wenn Sie dabei wären. Kön­nen Sie sich das grund­sätz­lich vor­stel­len? Wenn Ja: Sagen Sie uns schnell Bescheid, damit wir gemein­sam nach einem pas­sen­den Ter­min suchen kön­nen. Und wenn Sie noch zögern, sagen Sie uns, was Sie zwei­feln lässt — wir über­re­den Sie gern (mit guten Argu­men­ten natür­lich und mit Details über das Wie, Mit Wem und Warum).

Eine Ant­wort von Lanz habe ich nicht gefun­den, und ich kann mich nicht erin­nern, ob Lanz oder der RTL-Pressesprecher tele­fo­nisch abge­sagt haben. Fest steht nur: Mar­kus Lanz war damals nicht dabei, beim »Het­zen« gegen die »Bild«-Zeitung.

Und des­halb schreibe ich heute schlecht über Mar­kus Lanz. Woran soll es auch sonst lie­gen? An sei­nen Moderationen?

Manch­mal ist es so schlicht, wie man’s unterstellt.

Sterben hautnah — eine AZ-Media-Reportage und ihre Folgen

Das Deut­sche Rote Kreuz (DRK) will die Zusam­men­ar­beit mit Film­teams, die seine Hel­fer bei Ein­sät­zen beglei­ten, über­prü­fen. Anlass ist eine Blaulicht-Reportage von AZ Media auf RTL vor zehn Tagen.

»Ein 46-jähriger Mann gibt keine Lebens­zei­chen mehr von sich. Seine Ehe­frau hat den Not­ruf abge­setzt.« So nüch­tern beschreibt der Spre­cher den Fall, zu dem ein Ret­tungs­wa­gen des Ham­bur­ger Roten Kreu­zes geru­fen wurde. Aber die Fil­me­ma­cher wis­sen, was für ein Hin­gu­cker die Auf­nah­men sind, die sie in den fol­gen­den Minu­ten gemacht haben. Des­halb haben sie sie gleich am Anfang ihrer Repor­tage schon gezeigt. Und dann noch ein­mal vor der Wer­be­pause, um die Zuschauer vom Umschal­ten abzuhalten.

Die Fil­me­ma­cher sind dabei, als die bei­den Ret­tungs­as­sis­ten­ten zum Ein­satz­ort fah­ren. Sie lau­fen hin­ter ihnen die enge Treppe hin­auf in das Zim­mer, in dem der Mann auf einem Bett liegt. Sie zei­gen, wie die Hel­fer füh­len, ob er noch warm ist. Sie zei­gen, wie sie ver­su­chen, ihn vom Bett auf den Fuß­bo­den zu tra­gen. Sie zei­gen, wie die Ehe­frau mit anfas­sen muss, weil der Mann stark über­ge­wich­tig ist. Sie zei­gen, wie der Sani­tä­ter im Rhyth­mus auf das Brust­bein des Man­nes presst, um ihn wiederzuleben.

Wir hören, wie die Frau im Hin­ter­grund stöhnt und schreit, und sehen, wie der Sani­tä­ter wei­ter­pumpt, wäh­rend er zu ihr sagt: »Wir geben jetzt unser Bes­tes. Set­zen Sie sich hin. Beru­hi­gen Sie sich. Ok?«

Dann über­nimmt seine Kol­le­gin, und wäh­rend sie mit bei­den Hän­den sein Herz mas­siert, sagt sie zu den Fern­seh­leu­ten, die neben ihr ste­hen: »Wir drü­cken jetzt auf jeden Fall so lange wei­ter, bis der Not­arzt kommt.«

Der Not­arzt kommt, und der Spre­cher sagt aus dem Off: »Der Pati­ent hat es nicht geschafft. Todes­ur­sa­che: Ver­mut­lich Herz­ver­sa­gen. Todes­zeit­punkt …« Der Satz wird von der Sani­tä­te­rin im Bild ver­voll­stän­digt: »… elf Uhr zwölf.«

Gesicht und Teile des Kör­pers des Man­nes sind unkennt­lich gemacht. Aber die Auf­nah­men sind auch so dras­tisch und scho­ckie­rend. Ein Glücks­fall. Wie man den Arm des Ster­ben­den im Rhyth­mus des Pum­pens sei­ner Brust rudern sieht. Wie seine Frau wim­mert. Wie sie mit anfas­sen muss, um den schwe­ren Kör­per vom Bett zu hieven.

»Die Ret­te­rin­nen« heißt die Sen­dung. Sie lief in der Reihe »Die große Repor­tage«. Ange­flos­kelt wurde sie mit den Wor­ten: »Drei Frauen gehen täg­lich an ihr Limit, im Kampf ums Über­le­ben. Von Null auf Hun­dert inner­halb kür­zes­ter Zeit. Adre­na­lin pur.«

Die Sen­dung läuft im Fens­ter­pro­gramm der Pro­duk­ti­ons­firma AZ Media, das RTL laut Rund­funk­staats­ver­trag zei­gen muss. Sol­che Zwangs­aus­strah­lun­gen von irre­füh­rend »unab­hän­gige Dritte« genann­ten Fir­men die­nen vor­geb­lich der Siche­rung der Mei­nungs­viel­falt, tat­säch­lich aber aus­schließ­lich als Mahn­mal für die Idio­tie des deut­schen Rund­funk­rechts. Sie müs­sen eigent­lich »einen zusätz­li­chen Bei­trag zur Viel­falt … ins­be­son­dere in den Berei­chen Kul­tur, Bil­dung und Infor­ma­tion leisten«.

AZ Media steht nach den Wor­ten von AZ Media »für exzel­lente Infor­ma­tion und Unter­hal­tung mit dem Anspruch, wahr­heits­ge­treu und glaub­wür­dig zu berich­ten unter Beach­tung der jour­na­lis­ti­schen Grund­sätze, die der Rund­funk­staats­ver­trag vorgibt«.

Ich habe die Firma ange­sichts der Auf­nah­men gefragt:

  • Hatte das Film­team das Ein­ver­ständ­nis der Ehe­frau, mit den Ret­tungs­as­sis­ten­ten in die Woh­nung zu kom­men und die Reani­ma­tion zu filmen?
  • Hat die Frau nach­träg­lich die Erlaub­nis gege­ben, die Auf­nah­men zu verwenden?
  • Glau­ben Sie, dass man es, wenn man sel­ber in einer sol­chen Not­lage ist, hin­neh­men muss, dass man selbst sowie die Ret­ter dabei gefilmt werden?
  • Gab es Auf­la­gen vom DRK Hamburg-Harburg, was den Ein­satz des Kame­ra­teams angeht?
  • Hat AZ Media selbst Richt­li­nien, die fest­le­gen, wie weit Kame­ra­teams in sol­chen Situa­tio­nen gehen dür­fen und wel­che Auf­nah­men gezeigt werden?

Die Ant­wort von AZ-Media-Chefredakteur Mar­kus Engel­hart auf diese Fra­gen lau­tet vollständig:

Wir kön­nen Ihnen ver­si­chern, dass alle für die Dreh­ar­bei­ten der Repor­tage »Die Ret­te­rin­nen« not­wen­di­gen Geneh­mi­gun­gen recht­zei­tig ein­ge­holt wurden.

Der Sen­der RTL hat zwar kei­ner­lei redak­tio­nel­len Ein­fluss auf die Fens­ter­pro­gramme, betrach­tet aber anders als die im Dienste der Mei­nungs­frei­heit pri­vi­le­gier­ten AZ-Media-Verantwortlichen nicht schon das Beant­wor­ten kri­ti­scher Fra­gen als Zumu­tung. Ein Spre­cher erklärt:

Wir haben interne redak­tio­nelle jour­na­lis­ti­sche Richt­li­nien für die Arbeit unse­rer Redak­tio­nen von info­Net­work [der RTL-Magazin– und Nach­rich­ten­toch­ter]. Sie sind Leit­fa­den für das jour­na­lis­ti­sche Vor­ge­hen und Umset­zen ins­be­son­dere kri­ti­scher Situa­tio­nen wie die­ser. Für Auf­la­gen­pro­gramme gel­ten die Richt­li­nien nicht. In die­sem Fall ist das Thema jedoch aus unse­rer Sicht ange­mes­sen und mit der nöti­gen Sorg­falt dar­ge­stellt wor­den. Dass Ret­tungs­sa­ni­tä­ter bzw. –Assis­ten­ten Men­schen in Not­si­tua­tio­nen medi­zi­nisch erst­be­han­deln, ist Titel und somit auch Gegen­stand der Repor­tage. Reani­ma­tio­nen gehö­ren zum All­tag der dar­ge­stell­ten Berufs­gruppe dazu. Die Ange­hö­rige wurde im Bild nur kurz und hier auch ver­pi­xelt gezeigt.

Rich­tig: Reani­ma­tio­nen gehö­ren zum All­tag von Ret­tungs­as­sis­ten­ten. Das beant­wor­tet aber ebenso wenig die Frage, ob sie des­halb auch im Fern­se­hen gezeigt wer­den müs­sen, wie die, ob wir wirk­lich wol­len, dass in einer sol­chen Extrem­si­tua­tion plötz­lich nicht nur Ret­ter, son­dern auch Fern­seh­leute in unse­rem Wohn­zim­mer ste­hen, und die Ret­ter neben ihrer Arbeit den Fern­seh­leu­ten noch erklä­ren, was sie da tun. Es gibt Ret­tungs­dienste, die das Fil­men von Reani­ma­tio­nen und das Fil­men in Woh­nun­gen untersagen.

Der Kreis­ver­band Hamburg-Harburg des DRK, für den die gezeig­ten Sani­tä­ter arbei­ten, erklärte mir: »Das Film­team hat die Ehe­frau des Ver­stor­be­nen bei Betre­ten der Woh­nung gefragt, ob es in Ord­nung ist, wenn in der Woh­nung gefilmt wird.«

Man stelle sich das kurz prak­tisch vor.

Die gezeigte Assis­ten­tin habe ver­si­chert, so das DRK Hamburg-Harburg wei­ter, »dass sie und ihr Kol­lege durch die Kamera und das Film­team zu kei­nem Zeit­punkt in ihrer Arbeit beein­träch­tigt wur­den. Das Film­team hatte von uns die Vor­gabe, Per­so­nen unkennt­lich zu machen, keine Namen und Adres­sen zu nen­nen und die Arbeit der Ret­tungs­dienst­mit­ar­bei­ter nicht zu stören.«

Zusätz­lich werde das DRK-Harburg aber in Zukunft dar­auf hin­wei­sen, »dass Film­teams kei­nen Zutritt zu Pri­vat­räu­men erhalten«.

Das ist ver­mut­lich eine Reak­tion dar­auf, dass die Szene in der Ber­li­ner Zen­trale des DRK gar nicht gut ange­kom­men ist. »Wir sind der Auf­fas­sung, dass die ange­spro­chene Reportage-Szene die Gren­zen des guten Geschmacks über­schrei­tet und so nicht hätte gesen­det wer­den dür­fen«, sagt der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­chef Jörg Anger­stein. Und weiter:

Das DRK regelt diese spe­zi­elle Form der Zusam­men­ar­beit zwi­schen Medien und Ein­satz­ein­hei­ten bis­her nicht. Wir unter­stüt­zen und wert­schät­zen die Arbeit der Medien —  und ver­las­sen uns dar­auf, dass die Medien den Pres­se­ko­dex ein­hal­ten. Die vor­lie­gende Koope­ra­tion zeigt uns aber, dass das nicht immer der Fall ist. Daher wer­den wir den Fall zum Anlass für eine ver­band­weite Dis­kus­sion über die Gren­zen von Medi­en­ko­ope­ra­tio­nen nehmen.

Nach­trag, 25. Okto­ber. Ein Kom­men­ta­tor weist dar­auf hin, dass auch Spiegel-TV keine Hem­mun­gen hat, sol­che Auf­nah­men zu dre­hen und zu zei­gen.

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