NDR verwischt Spuren am »Tatort«

Anders als YouTube behaup­tet, war es nicht der »Nut­zer«, der den Zusam­men­schnitt von Auto-Szenen aus dem jüngs­ten Han­no­ve­ra­ner »Tat­ort« gelöscht hat. Es war der NDR, der das Video­por­tal nach eige­nen Anga­ben »aus urhe­ber­recht­li­chen Grün­den darum gebe­ten hat, das Video off­line zu stellen«.

In dem Film waren lie­be­voll alle Sze­nen aus dem Charlotte-Lindholm-»Tatort« anein­an­der­mon­tiert wor­den, in denen Volks­wa­gen im Bild waren — immer­hin sechs­ein­halb Minu­ten. Mit Ein­blen­dun­gen in der VW-Hausschrift Futura hatte der Nut­zer den mög­li­chen werb­li­chen Effekt der jewei­li­gen Dar­stel­lung kommentiert.

Das Video trug den schlich­ten Titel »Pro­duct Pla­ce­ment«. Der Sen­der weist diese Unter­stel­lung empört zurück. »Da nach Aus­kunft des Pro­du­zen­ten für die Über­las­sung der PKW ein markt­üb­li­cher Preis gezahlt wurde, kann recht­lich von Pro­duct Pla­ce­ment keine Rede sein«, sagt eine Spre­che­rin. »Daher wurde durch den Zusam­men­schnitt bei YouTube zudem ein fal­scher Ein­druck erweckt.« Wei­tere recht­li­che Schritte seien aller­dings nicht geplant. Die FAZ hatte ges­tern gemel­det, dass der Sen­der dar­über nach­denke, juris­tisch gegen den Titel »Pro­duct Pla­ce­ment« vorzugehen.

Nun ist das böse Video also ver­schwun­den, und anschei­nend war die Welle, die es zuvor erzeugt hat, nicht so groß, dass es nun als Trotz­re­ak­tion immer wie­der von neuen Leu­ten hoch­ge­la­den würde. Beim NDR kann man also einen Haken an die Sache machen und sich als Sie­ger der kur­zen öffent­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung fühlen.

Zu Unrecht. Denn das ver­schwun­dene Video lässt den Vor­wurf der Schleich­wer­bung viel über­zeu­gen­der erschei­nen als es das vor­han­dene Video tat.

Der Zusam­men­schnitt war zwar ein ein­drucks­vol­les Doku­ment: durch die schiere Masse der Auf­nah­men von zwei VW-Modellen und die kom­men­tie­ren­den Ein­blen­dun­gen, die den Blick des Zuschau­ers auf das Gesche­hen in die Per­spek­tive eines Unter­neh­mens lenk­ten, das für die Vor­züge sei­ner Pro­dukte wer­ben will. Der Film schaffte es jedoch mei­ner Mei­nung nach nicht, den Befund des Pro­duct Pla­ce­ment zwin­gend erschei­nen zu las­sen. Zu gewollt erschien manch­mal die ein­sei­tige Inter­pre­ta­tion der dra­ma­tur­gisch durch­aus not­wen­di­gen Auf­nah­men, zu harm­los das ver­meint­li­che Beweismaterial.

Doch ein eige­nes Urteil kann sich das Publi­kum nun nicht mehr machen — zum Bei­spiel auch nicht dar­über, ob es wirk­lich »beson­ders auf­fäl­lig« war, wie die »Bild am Sonn­tag« behaup­tete, dass ein Volkswagen-Logo im Lenk­rad »plötz­lich scharf gestellt« war. In Wahr­heit wan­derte die Schärfe in die­ser Szene vom Inne­ren des Autos nach drau­ßen; das Logo im Lenk­rad war nur ein Zwi­schen­punkt auf dem Weg dort­hin. Das schließt natür­lich nicht aus, dass das tat­säch­lich in werb­li­cher Absicht geschah, lässt den Vor­wurf aber deut­lich weni­ger zwin­gend erscheinen.

Es ist für Fir­men beun­ru­hi­gend leicht, YouTube-Videos löschen zu las­sen, und schreck­lich ver­füh­re­risch, auf diese Weise die Vor­würfe schein­bar aus der Welt zu schaf­fen. Dage­gen, es zu tun, spricht nicht nur der berüch­tigte Streisand-Effekt, son­dern auch die Tat­sa­che, dass man den unbe­fan­ge­nen Betrach­ter offen­bar nicht für mün­dig hält, sich ein eige­nes Urteil zu bilden.

Wenn der NDR sich nichts vor­zu­wer­fen hat bei der Pro­duk­tion die­ses »Tat­or­tes«; wenn es tat­säch­lich so ist, wie der Regis­seur Roland Suso Rich­ter der »Neuen Osna­brü­cker Zei­tung« sagte, dass er den Internet-Film »nett gemacht« gefun­den und sich erst mal gefragt hätte, »ob das eine Ver­ar­schung sein soll«, dann hätte er den Film ent­spannt im Netz ste­hen las­sen und am kon­kre­ten Bei­spiel dar­über dis­ku­tie­ren kön­nen — anstatt das Pri­mär­ma­te­rial zu ent­fer­nen, eine fun­dierte Kom­mu­ni­ka­tion über den Fall zu erschwe­ren und sich dem Vor­wurf aus­zu­set­zen, die ganze Debatte ver­hin­dern zu wollen.

Das Ergeb­nis die­ser Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­wei­ge­rung liest sich dann so wie im Blog der Medien-Fachzeitschrift »Hori­zont«:

Nun schau mal einer guck: Jetzt hat der NDR nicht nur das YouTube-Video ent­fer­nen las­sen, son­dern auch gleich noch den gan­zen Tat­ort aus der ARD-Mediathek genom­men. Das ist schon mehr als selt­sam. Kann uns viel­leicht einer der ver­ant­wort­li­chen Pro­gramm­ge­stal­ter erläu­tern, wie wir ver­ste­hen sol­len, liebe Krimi-Freunde…?

(Der »Tat­ort« bleibt immer nur eine Woche in der Mediathek.)

Ver­ant­wort­li­che in Unter­neh­men mögen immer noch glau­ben, dass das erfolg­rei­che Ver­schwin­den­las­sen von Vor­wür­fen ein Beweis dafür ist, dass sie im Recht sind. Das Publi­kum inter­pre­tiert es zuneh­mend als Beweis dafür, dass sie im Unrecht sind.

Komisch, dass man das Ein­rich­tun­gen erklä­ren muss, deren Geschäft die Kom­mu­ni­ka­tion ist.

Nach­trag, 22. Dezem­ber. Tho­mas Schrei­ber, der Unter­hal­tungs­chef des NDR, wider­spricht in den Kom­men­ta­ren:

Die Über­schrift […] »NDR ver­nich­tet Spu­ren am ›Tat­ort‹« ist wirk­lich gro­ber Unsinn.

Wir haben keine Spu­ren ver­nich­tet, viel­mehr hat ein Anony­mus unter der üblen Über­schrift »Pro­duct Pla­ce­ment« die Urhe­ber­rechte einer gan­zen Reihe von Men­schen, u.a. des Regis­seurs, des Dreh­buch­au­tors, der Schau­spie­le­rin, der Pro­du­zen­tin, des Sen­ders etc durch sei­nen mani­pu­la­ti­ven Zusam­men­schnitt verletzt.

Die „Spu­ren“ sind auch nicht ver­nich­tet – wir wer­den den „Tat­ort Schwarze Tiger, weisse Löwen“ noch oft und gerne sowohl im Ers­ten als auch in den Drit­ten Pro­gram­men senden.

Zu der Frage, ob es klug ist oder mög­li­cher­weise weni­ger klug ist, solch einen mani­pu­la­ti­ven Zusam­men­schnitt auf­grund von Urhe­ber­rechts­ver­let­zun­gen, die in Deutsch­land schein­bar als Kava­liers­de­likt ange­se­hen wer­den (fra­gen Sie mal die Urhe­ber), bei Youtube zu ent­fer­nen, habe ich eine andere Auf­fas­sung als Sie, die ich Ihnen zumin­dest gerne dar­stel­len moechte:

Wenn der Zusam­men­schnitt bei Youtube ste­hen bleibt, wird er in Inter­net­fo­ren wie bei Ihnen, bei Jour­na­lis­ten etc ein Eigen­le­ben ent­wi­ckeln. Die­ser Zusam­men­schnitt würde wei­ter­hin unwi­der­spro­chen die Behaup­tung auf­stel­len kön­nen, dass es in unse­rem »Tat­ort« Pro­duct Pla­ce­ment gege­ben habe. Die Dar­stel­lung des NDR, die im Übri­gen durch Rech­nun­gen und Über­wei­sungs­auf­träge beleg­bar ist (dass näm­lich alle im Film ver­wen­de­ten Autos von der Pro­duk­ti­ons­firma zu nor­ma­len, markt­üb­li­chen Miet­prei­sen ange­mie­tet wur­den) und die ja auch von man­chen Print­jour­na­lis­ten nur sehr selek­tiv zitiert wurde, geht gegen die Kraft der Bil­der unter. Und dass sich ein Zusam­men­schnitt, den ich unter ande­ren Umstän­den als Par­odie lus­tig gefun­den hätte, als gewis­ser­mas­sen insi­nu­ierte Wirk­lich­keit medial fort­setzt, habe ich ja bereits durch die Pres­se­an­fra­gen erlebt. Der NDR hat meh­rere schrift­li­che Anfra­gen von Jour­na­lis­ten erhal­ten, in denen die Aus­sage des Zusam­men­schnit­tes als Tat­sa­che ange­se­hen wurde und wir gefragt wur­den, warum wir das Pro­duct Pla­ce­ment im »Tat­ort« nicht mit P gekenn­zeich­net haben.

Das wirk­li­che Pro­blem ist nach mei­ner Auf­fas­sung nicht die Tat­sa­che, dass der Zusam­men­schnitt nicht bei Youtube zu sehen ist, son­dern die Tat­sa­che, dass heut­zu­tage ein­zelne Jour­na­lis­ten man­che nicht­jour­na­lis­ti­sche Bei­träge im Inter­net als gleich­be­rech­tig­ten Jour­na­lis­mus begrei­fen und auch so behan­deln. Hier nivel­liert das Inter­net und öff­net der Denun­zia­tion — hier durch einen mani­pu­la­ti­ven Zusam­men­schnitt eines Fil­mes mit der denun­zia­to­ri­schen Behaup­tung in der Über­schrift, es liege ein Fall von Pro­duct Pla­ce­ment vor, ohne auf die inhaltlich-dramaturgische Sinn­haf­tig­keit der mon­tier­ten Sze­nen ein­zu­ge­hen — Tür und Tor. Anders als Sie bin ich der Auf­fas­sung, dass Inter­net­nut­zer sehr leicht zu der Auf­fas­sung kom­men kön­nen, dass die Behaup­tung des Zusam­men­schnit­tes vom Pro­duct Pla­ce­ment wahr ist — eben weil der »Tat­ort« nicht zeit­lich unbe­fris­tet in der Media­thek abge­ru­fen wer­den kann und des­halb die Ver­gleichs­mo­eglich­keit fehlt.

Abschlies­send: als Par­odie ist der Zusam­men­schnitt gelun­gen. Aller­dings hat dies kein Jour­na­list so gese­hen oder geschrieben.

Meine Ant­wort dar­auf steht hier.

»Mit Blau kann man nichts falsch machen«

Der Pres­se­rat ist ein komi­scher Verein.

Vor ein paar Tagen gab er bekannt, die »Rhei­ni­sche Post« wegen Schleich­wer­bung gerügt zu haben. Es geht um einen Arti­kel, der am 9. April 2011 unter der Über­schrift »Urlaub im Luxus­bus« erschie­nen ist:

Rei­sen mit kom­for­ta­blen Bus­sen boo­men. Die Tou­ris­ten schät­zen die Rundum-Betreuung und die viel­fäl­tige Aus­wahl. Mein­hold Hafer­mann berich­tet aus Erfahrung.

Er gehört zu den zehn größ­ten Unter­neh­men die­ser Bran­che in Deutsch­land, beför­dert jähr­lich rund 50 000 Urlau­ber, die an in ganz Nordrhein-Westfalen ver­teil­ten Hal­te­sta­tio­nen zu– und aus­stei­gen, und machte 2010 satte 19 Mil­lio­nen Euro Umsatz. Die Rede ist vom renom­mier­ten Bus­rei­se­ver­an­stal­ter »Hafer­mann Rei­sen«. Von der Zen­trale in Wit­ten aus steu­ern Mein­hold Hafer­mann (59) und seine Schwes­tern Chris­tel und Monika den Fami­li­en­be­trieb, der als Trans­port­un­ter­neh­men mit einer Pfer­de­droschke Fahrt auf­nahm und jüngst 100-jähriges Beste­hen feierte.

Über zehn eigene Rei­se­busse, sechs davon gleich­sam nagel­neu, unter­hält Hafer­mann, rund 1000 Busse char­tert er jähr­lich hinzu. Jede Woche sind 50 bis 80 Busse im Auf­trag des Wit­te­ners unter­wegs zu tou­ris­ti­schen Zielen.

Es fol­gen einige Infor­ma­tio­nen, die das Rei­sen mit moder­nen Bus­sen all­ge­mein als ange­sagte und ange­nehme Urlaubs­form dar­stel­len, und der Hin­weis auf die Tele­fon­num­mer und Inter­net­adresse des Busunternehmens.

In der­sel­ben Aus­gabe der »Rhei­ni­schen Post« habe das Bus­un­ter­neh­men eine Wer­be­an­zeige geschal­tet, auf die sich zudem ein Verlags-Gewinnspiel bezog, notiert der Pres­se­rat. Er beklagt »Schleich­wer­bung« und greift zum schärfs­ten aller stump­fen Schwer­ter, die ihm zur Ver­fü­gung ste­hen: die öffent­li­che Rüge.

Nicht nur das Wit­te­ner Bus­un­ter­neh­men Hafer­mann fei­ert in die­sem Jahr sei­nen 100. Geburts­tag. Auch »Nivea« wird 100.

Im April 2011 erscheint in der Zeit­schrift »Bri­gitte Woman« unter der Über­schrift »Ein Blau geht um die Welt« eine acht­sei­tige Foto­stre­cke, die wie folgt anmo­de­riert wird:

Die Welt ist bunt. Aber es gibt da ein blaues Kos­me­tik­pro­dukt, das fin­det man in nahezu jedem Land der Erde — und an den merk­wür­digs­ten Plät­zen. Eine Geschichte in Bildern.

Die Fotos, die teil­weise direkt vom Her­stel­ler der Creme stam­men, zei­gen »Nivea«-Werbung an ver­schie­de­nen Orten, zum Beispiel:

USA

Sil­ves­ter 2010. In weni­gen Stun­den wer­den sich tau­sende von Men­schen am New Yor­ker Times Square küs­sen — das Bill­board emp­fiehlt dazu eine blaue Lip­pen­pflege [von »Nivea«]

ÄTHIOPIEN

Fuß­ball ist eine der popu­lärs­ten Sport­ar­ten, Kopf­schutz für die Zuschauer wich­tig. Ein schwar­zer Regen­schirm? Nicht prak­ti­ka­bel. Bes­ser: ein wei­ßes Tuch Aber der Ren­ner schei­nen blaue Schirm­müt­zen [von »Nivea«] zu sein

KENIA

Ein gutes Gefühl, wenn die Haut nicht mehr so tro­cken ist, weiß diese Rekla­me­schön­heit: eine Wer­be­ta­fel [für »Nivea«] in Nairobi

Pas­send zu den plump-verdrucksten Bild­tex­ten for­mu­liert die Auto­rin im Text eine Ode schein­bar nicht auf die Creme, son­dern auf die Farbe Blau:

Man muss sich mal vor­stel­len, die Welt wäre irgend­wann ein­mal aus­schließ­lich schwarz und weiß gewe­sen, viel­leicht auch noch rot, gelb und braun. Und in diese Welt wäre dann ein­fach das Blau spa­ziert. Ein­fach, weil es Lust dazu hatte. Mensch, wäre das Blau erfolg­reich mit sei­ner Welt­er­obe­rung gewesen! (…)

In jeder Umfrage wird es von den meis­ten Men­schen als Lieb­lings­farbe genannt: Denn Blau steht für Frei­heit, Ferne, Klar­heit, Har­mo­nie, aber auch bit­ter­süße Sehn­sucht. Mit Blau kann man nichts falsch machen (…).

In der Wer­bung steht ein dunk­les Blau übri­gens für Serio­si­tät und für Ver­trauen. Das sind über­all geschätzte Werte — und viel­leicht mit ein Grund, wes­we­gen das sehr cha­rak­te­ris­ti­sche Blau einer bekann­ten Kos­me­tik­marke in vie­len Län­dern der Erde so prä­sent ist, dass es stän­dig unver­mu­tet auf irgend­wel­chen Rei­se­schnapp­schüs­sen auf­taucht (…). Die Marke fei­ert übri­gens in die­sem Jahr 100-jähriges Jubi­läum. Blau steht ja auch für Treue.

Am Ende der Foto­stre­cke steht ein Hinweis:

Noch mehr blaue Infos …
und viele Tipps zur Haut­pflege gibt es unter
www.brigitte.de/pflegecoach

Die Seite, auf die der Link führt, ist »powered by NIVEA«.

In der­sel­ben Aus­gabe von »Bri­gitte Woman« hat »Nivea« fast drei­ein­halb Sei­ten Wer­be­an­zei­gen geschaltet.

Brigitte.de hat außer­dem ein Gewinn­spiel mit »Nivea« ver­an­stal­tet und »die schöns­ten NIVEA-Geschichten gesucht«. Die drei Gewin­ne­rin­nen durf­ten auf einem Schiff die »NIVEA Skin Jour­ney« mit­ma­chen und bei der Gele­gen­heit der Kosmetik-Chefin von »Bri­gitte« und dem Lei­ter der For­schungs­ab­tei­lung bei Bei­ers­dorf, dem Kon­zern hin­ter »Nivea«, Fra­gen stel­len, die wie­derum im ver­meint­lich redak­tio­nel­len Teil auf brigitte.de ver­öf­fent­licht wur­den.

Der Pres­se­rat sieht in der »Nivea«-Geschichte in »Bri­gitte Woman« keine Schleich­wer­bung; Redak­tion und Wer­bung seien klar getrennt:

Wir sind der Mei­nung, dass es sich bei der Ver­öf­fent­li­chung um eine zuläs­sige Mar­ken­story han­delt. Im Zuge des 100-jährigen Jubi­lä­ums von Nivea stellt die Redak­tion dar, wie weit die Marke ver­brei­tet ist. Dadurch wird die Inter­na­tio­na­li­tät der Marke doku­men­tiert. Unter die­sem Gesichts­punkt konn­ten auch Bil­der des Her­stel­lers ver­wen­det wer­den. (…) Gerade bei einer Marke wie Nivea ist es durch­aus publi­zis­tisch zu begrün­den, wenn in einem redak­tio­nel­len Bei­trag die welt­weite Ver­brei­tung auf­ge­zeigt und doku­men­tiert wird.

Der Pres­se­rat hat nicht nur keine Rüge gegen »Bri­gitte Woman« aus­ge­spro­chen. Er befand die Beschwerde als so »offen­sicht­lich unbe­grün­det«, dass er sie schon bei der Vor­prü­fung aussortierte.

Das Ganze eine Reederei: Der NDR wieder in Diensten der Aida-Flotte

Sabine Kühn hat noch nie eine Kreuz­fahrt mit­ge­macht. Das allein ist schon ein Wun­der, denn es kann nicht mehr viele Mode­ra­to­ren des NDR-Fernsehens geben, die noch nicht mit einem Schiff und einem Kame­ra­team um die Welt oder die Ost­see gefah­ren sind, um den Zuschau­ern von den fan­tas­ti­schen Ange­bo­ten zu berich­ten, die es da gibt.

Für Sabine Kühn aber war es eine Pre­miere. Sicher­heits­hal­ber hat sie nur eine Fünf-Tages-Tour gebucht, was ganz gut sei, »weil man dann ein­mal raus­fin­den kann, ob Kreuz­fahrt etwas für einen ist.« Und bei die­sem atem­be­rau­ben­den Expe­ri­ment durf­ten wir Fern­seh­zu­schauer dabei sein! »Han­se­blick Spe­zial: See(h)reise in den Nor­den« heißt die ein­stün­dige Repor­tage, die am zwei­ten Weih­nachts­tag lief.

Sabine Kühn ist natür­lich nicht mit irgend­ei­ner Ree­de­rei gefah­ren, son­dern mit Aida Crui­ses. »Die AIDA-Flotte aus Ros­tock hat die inter­na­tio­nale Kreuz­fahrt ver­än­dert«, teilte der NDR in einer Pres­se­mit­tei­lung zur Sen­dung fest. Rich­tig ist jeden­falls, dass die Aida-Flotte aus Ros­tock das NDR-Fernsehen ver­än­dert hat. Mit einer erstaun­li­chen Unver­fro­ren­heit und Pene­tranz hat sich der öffentlich-rechtliche Sen­der zum Dau­er­wer­be­pro­gramm des Unter­neh­mens gemacht.

Sie machen sich nicht ein­mal mehr die Mühe, die schwär­me­ri­schen Pres­se­mit­tei­lun­gen neu zu ver­fas­sen. Der Text zur Sen­dung mit Sabine Kühns Jung­fern­fahrt ist über weite Stre­cken iden­tisch mit der Ankün­di­gung der Kreuzfahrt-Reportage, die der NDR vor zwei Jah­ren an Weih­nach­ten sen­dete und pas­sen­der­weise am Mon­tag wiederholte.

»Die AIDA-Flotte aus Ros­tock hat die inter­na­tio­nale Kreuz­fahrt ver­än­dert. Nicht steif und teuer ist ange­sagt, son­dern fröh­lich und locker. (…) Ein NDR-Team hat für eine Schnup­per­reise auf der ›AIDAblue‹ ange­heu­ert und nimmt Kurs auf Nord­eu­ropa.« (2010)

»Die AIDA-Flotte hat die Kreuz­fahrt ver­än­dert. Nicht steif und teuer ist ange­sagt, son­dern locker. Frie­de­rike Witt­huhn hat auf der ›AIDA­aura‹ ange­heu­ert, mit Kurs auf Nord­eu­ropa.« (2008)

»Mode­ra­to­rin Sabine Kühn ent­deckt die vie­len Ange­bote an Bord des Kreuz­fahrt­rie­sen: jeden Abend eine neue Show im Thea­trium, Unter­hal­tung in den ver­schie­dens­ten Bars mit dem ers­ten Brau­haus auf dem Meer, Rund­um­be­treu­ung im Kids-Club, Action bei den Fit­ness­an­ge­bo­ten.« (2010)

»Mode­ra­to­rin Frie­de­rike Witt­huhn ent­deckt die vie­len Ange­bote an Bord des Kreuz­fahrt­rie­sen: jeden Abend eine neue Show im Thea­ter, Unter­hal­tung in den Bars, Rund­um­be­treu­ung im Kids-Club, Koch-, Mal-, Foto­kurse, Ent­span­nung im Well­ness­be­reich, Action bei den Fit­ness­an­ge­bo­ten.« (2008)

»Das Fern­seh­team darf auch in Berei­che, die für die Gäste tabu sind. Der Kapi­tän lädt auf die Brü­cke ein, der Küchen­chef lässt in die Töpfe schauen und die Azu­bis sor­gen bei War­tungs­ar­bei­ten im Maschi­nen­raum für eine rei­bungs­lose Fahrt.« (2010)

»Das ›Hanseblick‹-Team darf auch in Berei­che, die für die Gäste tabu sind: Der Kapi­tän lädt auf die Brü­cke ein, der Küchen­chef zeigt sei­nen Bereich und der Pro­vi­ant­meis­ter seine Lager.« (2008)

Beide Filme stam­men von Elke Ben­din, der Redak­ti­ons­lei­te­rin des »Han­se­blicks«. Ihr Werk von vor zwei Jah­ren hätte aber auch die Aida-Werbeabteilung pro­du­zie­ren kön­nen — außer, dass die sich womög­lich um ein biss­chen mehr Anschein von Dis­tanz bemüht hätte.

Der Film beginnt damit, dass die Mode­ra­to­rin vor dem Schiff ver­sucht, mit Lip­pen­stift einen roten Kuss­mund zu malen, wie ihn die Schiffe der Ree­de­rei tra­gen. Es gibt sogar einen aus­führ­li­chen Besuch bei Feliks Bütt­ner, dem Künst­ler, der die­ses Mar­ken­zei­chen erfun­den hat und nun immer neuen Tand für die Kreuz­fahrt­pas­sa­giere ent­wer­fen darf.

Frau Witt­huhn inter­viewt den Club­di­rek­tor der Aida aura, geht mit dem Küchen­chef der Aida aura auf den Fisch­markt, lässt sich vom Entertainment-Manager der Aida aura das Show­pro­gramm erklä­ren, freut sich über die gute Arbeit des Bord­fern­se­hens der Aida aura, trifft den Küchen­chef der Aida aura, beglei­tet den Pro­vi­ant­meis­ter der Aida aura, befragt den Kapi­tän der Aida aura, der der jüngste Kapi­tän der Aida-Flotte sei. Zwi­schen­durch räumt sie mit dem Vor­ur­teil auf, dass eine Kreuz­fahrt mit klei­nen Kin­dern undenk­bar sei und kauft im Aida-Shop ein Aida-Memory-Spiel, um mit einer beein­druck­ten jun­gen Aida-Reisenden ins Gespräch zu kommen.

Schließ­lich nimmt sie an einem Tref­fen der Stamm­pas­sa­giere teil, und es kommt zu einem Dia­log, der die Bot­schaft des gan­zen Fil­mes gut zusammenfasst:

Mode­ra­to­rin: Sind Sie denn süch­tig nach Kreuzfahrtschiffen?

Stamm­kunde: Nee, nicht nach Kreuz­fahrt­schif­fen. Eigent­lich nur nach Aida.

In der dies­jäh­ri­gen Aida-Reisereportage des »Han­se­blicks« ist die Wer­bung — ver­gleichs­weise — weni­ger plump. Sie erzich­tet sogar weit­ge­hend dar­auf, das Logo der Ree­de­rei bild­schirm­fül­lend ins Bild zu set­zen. Das ist aber das ein­zig Posi­tive, das sich über sie sagen lässt. Warum eine läp­pi­sche Fahrt mit dem Schiff von Ros­tock nach Kopen­ha­gen, Oslo und Ham­burg ein Thema für ein ein­stün­di­ges Spe­cial sein sol­len, ist nach dem Anse­hen ein noch grö­ße­res Rät­sel als vorher.

Wir sehen Men­schen, die dank der Welle der Kreuz­fahrt­schiffe in War­ne­münde ein biss­chen sur­fen kön­nen. In Ska­gen — einem Punkt, der, wie die Mode­ra­to­rin sagt, fas­zi­nie­rend ist, weil hier Nord– und Ost­see zusam­men­sto­ßen, den die Aida aber mit­ten in der Nacht pas­siert, so dass die Pas­sa­giere es »wohl alle ver­schla­fen« — tref­fen wir Men­schen, die Ska­gen schön fin­den und hier Golf spie­len. Über Kopen­ha­gen erzählt der Film die längst viel­fach toter­zählte Geschichte des alter­na­ti­ven Vier­tels Chris­tia­nia. In Oslo erfah­ren wir ein biss­chen was über, natür­lich, den Nobel­preis und, klar, die schöne Bahn­fahrt nach Ber­gen. Diese Berichte sind offen­sicht­lich, ähn­lich wie im 2008er Film, aus ande­ren Sen­dun­gen wie­der­ver­wer­tet, was natür­lich immer­hin noch bes­ser ist, als wenn der NDR womög­lich noch Geld dafür aus­ge­ge­ben hätte.

Bleibt ande­rer­seits die Frage, warum er sich so eine Sen­dung nicht ganz spart, oder wenigs­tens das werb­li­che Rah­men­pro­gramm, in dem Mode­ra­to­rin Sabine Kühn dümm­lich stau­nend das Schiff und all das, was so ein Schiff hat, besich­tigt. (Würde sie das NDR-Fernsehen gucken, kennte sie all das natür­lich schon, denn die Vor­züge der Aida blu, auf der sie sich befin­det, hat ihr Kol­lege Peter Kell­ner aus dem Lan­des­funk­haus Nie­der­sach­sen vor nur gut einem hal­ben Jahr im Pro­gramm bereits scham­los werb­lich beschrieben.)

Ein­mal muss die Mode­ra­to­rin sich laut Dreh­buch ver­geb­lich einen Platz auf dem Son­nen­deck suchen, um dann zur Über­lei­tung sagen zu kön­nen: »Das Ört­chen Ska­gen ist auch eine ganz begehrte Lage.«

Sie sagt: »Die klei­nen Kreuz­fah­rer sind im Kids-Club am bes­ten auf­ge­ho­ben. Abwechs­lung ohne Ende.« Sie freut sich: »Ganz neu auf einem Kreuz­fahrt­schiff: hier wird sogar Bier gebraut!« Sie lobt: »13 Bars sor­gen für gute stim­mung. Da fin­det doch jeder sein Plätz­chen!« Selbst triste Auf­nah­men von mit­tel­al­ten Men­schen, die in einer Disco tan­zen, muss sie fei­ern mit Sät­zen: »Im Thea­trium wird auf Teu­fel komm raus geschwooft. Kreuz­fah­rer haben Kon­di­tion.« Oft wür­den »schon die Neu­linge infi­ziert«, sagt sie, »vom Virus einer See­reise. Knapp fünf Tage, rand­voll mit Erlebnissen.«

Am Ende zieht sie fol­gen­des über­ra­schen­des Fazit:

»Viel­leicht heißt eine sol­che Reise ja auch Kreuz­fahrt, weil es eine Kreu­zung ist zwi­schen Hotel­le­rie und See­fahrt. Und wenn man gerne weit her­um­kommt, aber immer das Zuhause dabei haben möchte, wenn man sehr gesel­lig ist und gern mit vie­len Men­schen gemein­sam etwas unter­nimmt, dann ist man auf so einem Schiff genau richtig.«

Gut, dass das end­lich ein­mal geklärt ist.

Schleichwerbung? Bei Ruth Moschner sieht der MDR das nicht so eng

Die Mode­ra­to­rin Ruth Mosch­ner lässt sich dafür bezah­len, Sen­dun­gen zu mode­rie­ren, die aus­se­hen wie redak­tio­nelle Koch­shows, in Wahr­heit aber dazu die­nen, bestimmte Pro­dukte ins Bild zu rücken. Erstaun­li­cher­weise scheint diese Tätig­keit eine Arbeit als Mode­ra­to­rin beim öffentlich-rechtlichen MDR nicht auszuschließen.

»Ruth kocht gut« heißt die Koch­show auf Bild.de, die Unter­neh­men und Ver­bände für Wer­bung buchen kön­nen. Prä­sen­tiert wie ein redak­tio­nel­ler Inhalt wirbt sie mal für Sea­food aus Nor­we­gen, mal für Puten­fleisch aus Deutsch­land. Ruth Mosch­ner rückt Tief­kühl­ge­richte ins posi­tive Licht, zeigt die viel­fäl­ti­gen Ein­satz­mög­lich­kei­ten von Pro­duk­ten der Marke Iglo, schwört auf Käse der Marke Bava­ria Blu oder lässt Tetra-Paks gut aus­se­hen. Die Karton-Leute zum Bei­spiel freu­ten sich:

»Mit der Unter­stüt­zung des inno­va­ti­ven Koch­for­mats ›Ruth kocht gut‹ kön­nen wir den Geträn­ke­kar­ton erfolg­reich auf dem wach­sen­den Markt der Online­rat­ge­ber plat­zie­ren. Ziel ist es, den Geträn­ke­kar­ton wei­ter­hin posi­tiv im öffent­li­chen Bewusst­sein zu verankern.«

Das wäre nicht pro­ble­ma­tisch, wenn die Show klar als Wer­bung gekenn­zeich­net wäre. Ande­rer­seits wäre es dann ver­mut­lich nicht so reizvoll.

So aber scheint Mosch­ner ein­fach unschul­dig zum Bei­spiel mit einer Kol­le­gin bel­gi­sche Waf­feln zu kochen, bis eine Stelle kommt, an der sie Milch zum Teig gibt:

»Bei mir kommt ›n Schlück­chen Milch rein, aus dem Tetra Pak. Da taucht jetzt immer öfter die­ses FSC-Siegel auf, das ist ein unab­hän­gi­ger, gemein­nüt­zi­ger Ver­ein. Und die­ses Sie­gel bekommt man nur, wenn die Roh­stoffe für die Ver­pa­ckung aus einem ver­ant­wor­tungs­voll gefors­te­ten Wald stam­men. Das ist ganz, ganz wich­tig, denn da tut man auch was fürs Kilma und für die Umwelt.«

Und mit­ten im Gespräch kann es pas­sie­ren, dass unver­mit­telt, aber nur schein­bar unmo­ti­viert eine Samm­lung von Tetra Paks im Bild herumsteht.

Auch für die »Abend­zei­tung« kocht Mosch­ner seit kur­zem, oder genauer: nicht für die »Abend­zei­tung«, son­dern für Iglo. Ihre Kolumne, die auf der Start­seite von abendzeitung.de als redak­tio­nel­ler Inhalt ange­kün­digt wird, han­delt zwar schein­bar mal von Küchen­pan­nen, mal von lee­ren Kühl­schrän­ken und mal vom Kochen mit Kin­dern. Am Ende steht aber bis­lang immer ein Rezept um ein Tiefkühl-Hähnchenprodukt der Marke Iglo.

Nun sollte man den­ken, dass gerade die Redak­tion der MDR-Talkshow »River­boat« sen­si­bi­li­siert sein sollte, was die Wer­be­ak­ti­vi­tä­ten ihrer Mode­ra­to­ren angeht. Andrea Kie­wel musste gehen, nach­dem nicht mehr zu igno­rie­ren war, dass sie diverse Fern­seh­auf­tritte dazu genutzt hatte, Schleich­wer­bung für Weight Wat­chers zu betrei­ben. Gün­ther Jauch muss, bevor er im Ers­ten eine poli­ti­sche Talk­show mode­rie­ren darf, sogar seine regu­lä­ren Wer­be­ver­träge auf­ge­ben. Aber wenn Ruth Mosch­ner, die »River­boat« seit zwei Wochen zusam­men mit Jan Hofer prä­sen­tiert, in grö­ße­rem Stil Wer­bung macht, die als redak­tio­nel­ler Inhalt ver­kauft wird, soll das unpro­ble­ma­tisch sein?

Sechs Tage braucht der MDR, bis er eine Ant­wort auf diese Frage for­mu­liert hat. Dann lässt der Unter­neh­mens­spre­cher Dirk Thä­ri­chen von einer Kol­le­gin aus­rich­ten, dass man ihn wie folgt zitie­ren dürfe:

»Nach unse­rem Kennt­nis­stand prä­sen­tiert Ruth Mosch­ner auf Online-Portalen Koch­shows, die Sach­bei­stel­lun­gen nut­zen. Diese Videos sind ent­spre­chend der gesetz­li­chen Vor­ga­ben mit dem Hin­weis »Unter­stützt durch Pro­dukt­plat­zie­rung« gekennzeichnet.

Soweit uns bekannt ist, tritt Ruth Mosch­ner dar­über hin­aus nicht als Wer­be­trä­ge­rin für die ent­spre­chen­den Her­stel­ler in Erscheinung.

Grund­sätz­lich ist zwi­schen dem MDR und der Mode­ra­to­rin ver­ein­bart, dass Ruth Mosch­ner mög­li­che werb­li­che Akti­vi­tä­ten im Vor­feld mit uns abstimmt.«

Das ist eine in vie­ler­lei Hin­sicht bemer­kens­werte Ant­wort. Tat­säch­lich sind die Videos auf Bild.de jetzt plötz­lich mit dem Hin­weis »Unter­stützt durch Pro­dukt­plat­zie­rung« gekenn­zeich­net — das waren sie bis­lang aber nicht. Ein Tetra-Pak-Werbevideo ist kom­plett verschwunden.

Vor­her:

Nach­her:

Aber der Hin­weis »Unter­stützt durch Pro­dukt­plat­zie­rung« ist ohne­hin merk­wür­dig: Die For­mu­lie­rung stammt näm­lich aus den Wer­be­richt­li­nien für das Fern­se­hen — mit Online-Videos hat das eigent­lich gar nichts zu tun. Nach die­sen Wer­be­richt­li­nien ist aber Pro­duct Pla­ce­ment zum Bei­spiel in Rat­ge­ber– und Ver­brau­cher­sen­dun­gen ver­bo­ten. Die inkon­se­quente Über­nahme von Fernseh-Regeln scheint ein halb­ga­rer Kom­pro­miss zu sein, um das unmiss­ver­ständ­li­che Wort »Wer­bung« zu vermeiden.

Auch wenn der MDR von »Sach­bei­stel­lun­gen« spricht, ist das in höchs­tem Maße irre­füh­rend. Sol­che Sach­bei­stel­lun­gen sind in der Regel Pro­dukte, die von einem Part­ner kos­ten­los zur Ver­wen­dung in einer Sen­dung zur Ver­fü­gung gestellt wer­den — zum Bei­spiel das Traum­schiff im »Traum­schiff«. Es spricht aber nichts dafür, dass zum Bei­spiel Tetra Pak ein­fach nur ein paar Kar­tons Milch und Wein zur Ver­fü­gung gestellt hat, ohne dass Geld geflos­sen wäre. Alles spricht dafür, dass das Prä­sen­tie­ren der Pro­dukte über­haupt der Sinn des For­ma­tes ist.

Ruth Mosch­ners Koch­show und ihre Koch­ko­lumne auf abendzeitung.de erfül­len viel eher die Defi­ni­tion von »Schleich­wer­bung«. Im Rund­funk­staats­ver­trag wird der Begriff defi­niert als:

»die Erwäh­nung oder Dar­stel­lung von Waren, Dienst­leis­tun­gen, Namen, Mar­ken oder Tätig­kei­ten eines Her­stel­lers von Waren oder eines Erbrin­gers von Dienst­leis­tun­gen in Sen­dun­gen, wenn sie vom Ver­an­stal­ter absicht­lich zu Wer­be­zwe­cken vor­ge­se­hen ist und man­gels Kenn­zeich­nung die All­ge­mein­heit hin­sicht­lich des eigent­li­chen Zwe­ckes die­ser Erwäh­nung oder Dar­stel­lung irre­füh­ren kann. Eine Erwäh­nung oder Dar­stel­lung gilt ins­be­son­dere dann als zu Wer­be­zwe­cken beab­sich­tigt, wenn sie gegen Ent­gelt oder eine ähn­li­che Gegen­leis­tung erfolgt.«

Der MDR scheint die wie Schleich­wer­bung wir­ken­den Akti­vi­tä­ten sei­ner neuen Mode­ra­to­rin nicht nur zu bil­li­gen. Er hilft auch noch dabei, ihren wah­ren Cha­rak­ter zu verschleiern.

Ruth Mosch­ner mode­riert heute um 22 Uhr im MDR zum zwei­ten Mal »Riverboat«.

Zeitung verkauft Leser für Strumpf

Kor­rek­tur, 11:58 Uhr. Ich Depp habe »Neue West­fä­li­sche« und »West­fä­li­sche Nach­rich­ten« mit­ein­an­der ver­wech­selt. Die fol­gen­den Bemer­kun­gen stim­men natür­lich trotz­dem — bezie­hen sich aber auf zwei ver­schie­dene Zei­tun­gen. Entschuldigung!

Am Diens­tag war ich Teil­neh­mer einer Dis­kus­sion der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn zum Thema »Blog gegen Print«. Mit mir auf dem Podium saß unter ande­rem Tho­mas Seim, der Chef­re­dak­teur der »Neuen West­fä­li­schen«. Der sagte viele ver­nünf­tig klin­gende Sachen dar­über, dass klas­si­sche Medien selbst­ver­ständ­lich Blogs als Quel­len nut­zen und selbst den Umgang mit sol­chen For­men üben soll­ten, und dass eine Funk­tion von Tages­zei­tun­gen in der Zukunft auch sein werde, ihren Lesern durch Aus­wahl, Gewich­tung und Über­prü­fung einen Über­blick über die ver­wir­rend vie­len und teils zwei­fel­haf­ten Inhalte im Netz zu verschaffen.

Seim benutzt aber den alten Trick, so zu tun, als hät­ten sich Tages­zei­tun­gen als Garan­ten all des­sen erwie­sen, was nun im Inter­net ver­lo­ren zu gehen drohe: Eine klare Tren­nung von redak­tio­nel­len und werb­li­chen Inhal­ten, zum Bei­spiel. Dazu seien Zei­tun­gen näm­lich schon durch den Pres­se­ko­dex ver­pflich­tet, sagte Seim. Im Inter­net gebe es sol­che Regeln nicht.

Und damit zu einem ganz ande­ren Thema.

Am Mitt­woch besuchte »Miss Ger­many« Anne Julia Hagen die Firma Jent­schura in Roxel bei Müns­ter. Die »Neue West­fä­li­sche« »West­fä­li­schen Nach­rich­ten« berich­ten aus­führ­lich über die­ses Ereig­nis. »Miss Ger­many schläft mit Strümp­fen« titelt sie und schreibt:

(…) Die amtie­rende »Miss Ger­many«, die keine Cur­ry­wurst mag, dafür aber Kar­tof­fel­sa­lat, kam nicht auf­ge­motzt und schon gar nicht in Nylons daher.

Natür­lich schön, dezent gebräunt und mit dem rich­ti­gen Mix aus geschmei­di­gen Bewe­gun­gen und einer Por­tion Selbst­be­wusst­sein setzte sich die 20-Jährige für die Foto­gra­fen und Kame­ra­leute in Szene — inklu­sive lan­ger Mähne, einem bezau­bern­den Lächeln und sexy Augen­auf­schlag. Die Ber­li­ne­rin schwört auf »Basi­sche Strümpfe«, von denen die Firma Jent­schura in Roxel täg­lich 250 Stück an die Beine bringt.

Und was bringt das? Miss Ger­many: »Meine Beine füh­len sich danach toll an, irgend­wie leicht. Und die Haut ist strei­chel­z­art und sieht ein­fach gut aus«, strahlt Anne Julia Hagen, die im Februar die­ses Jah­res mit Krön­chen und Schärpe aus­staf­fiert wurde und die Strümpfe bereits seit drei Jah­ren über­streift. „Meine Mut­ter hat mich auf den Geschmack gebracht“, erzählt die Beauty-Queen von der gesun­den Lebens­art ihrer 43-jährigen Frau Mama auf basi­sche Art.

Am Mitt­woch lernte Anne Julia Hagen die Tex­til­ma­nu­fak­tur in Roxel ken­nen, die diese Pro­dukte welt­weit auf den Markt bringt. Und demons­trierte die Hand­ha­bung der Strümpfe. In einer Schüs­sel mit Was­ser ver­rührte die schöne Miss mit den Maßen 90 — 66 — 93 bei einer Größe von 1,74 Metern einen vol­len Tee­löf­fel einer basi­schen Mine­ra­li­en­mi­schung. Darin tauchte sie die Baum­woll­strümpfe kurz ein, um sie danach gut aus­zu­wrin­gen und ihre Beine in die feuch­ten Strümpfe zu ste­cken. Dar­über streifte sie sich galant tro­ckene Strümpfe aus rei­ner Schur­wolle über — und fer­tig war die bestrumpfte Miss Ger­many, die am liebs­ten nachts die Strümpfe trägt. Auch bei war­men Temperaturen.

»Am Mor­gen fühle ich mich ein­fach wohl, die Beine wir­ken schlan­ker«, so die Erfah­rung von Deutsch­lands schöns­ter Frau, die an der Uni­ver­si­tät Pots­dam Kul­tur­wis­sen­schaf­ten, Anglis­tik und Ame­ri­ka­nis­tik studiert. (…)

In einer neun­tei­li­gen Bil­der­ga­le­rie kom­men die »West­fä­li­schen Nach­rich­ten« ihrer Chro­nis­ten­pflicht nach und demons­triert mit Fotos, die der Laie leicht mit Wer­be­auf­nah­men ver­wech­seln könnte, wie sehr sol­che Woll­stul­pen eine junge Frau ent­stel­len schmücken.

Und in einem vor­bild­li­chen mul­ti­me­dia­len Ein­satz pro­du­zierte die Jour­na­lis­tin der »West­fä­li­schen Nach­rich­ten« gemein­sam mit dem Foto­gra­fen gleich auch noch einen gut halb­mi­nü­ti­gen Nach­rich­ten­film:

Deutsch­lands aktu­ell schönste Frau, Anne Julia Hagen, war ges­tern in Roxel. Die Ber­li­ne­rin schaute sich in der Firma Jent­schura um — weil hier Basi­sche Strümpfe pro­du­ziert wer­den. Und auf diese schwört die seit Februar amtie­rende Miss Ger­many bereits seit drei Jahren. (…)

Und das ist natür­lich — anders als die schnöde Tat­sa­che, dass Frau Hagen ein­fach einen Wer­be­ver­trag mit der Strumpf­firma hat — eine Nach­richt für die Jour­na­lis­ten von den »West­fä­li­schen Nach­rich­ten«. Die Zitate der Miss Ger­many stam­men übri­gens teil­weise aus der Pres­se­mit­tei­lung des Unter­neh­mens selbst.

Ich weiß nicht, ob der Arti­kel auch in der gedruck­ten Aus­gabe der »West­fä­li­schen Nach­rich­ten« erschie­nen ist. Ande­rer­seits: Kann ja nicht. In Print ist Schleich­wer­bung ja verboten.

[via Jörg-Olaf Schä­fers]

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