Tag Archive for: Schleichwerbung

Der „Tagesspiegel“ fliegt auf Easyjet (2)

01 Mai 14
1. Mai 2014

Um die merkwürdige Welle von Easyjet-Artikeln, die der „Tagesspiegel“ Anfang der Woche online veröffentlichte, angemessen würdigen zu können, muss man vielleicht die Titelseite der Zeitung vom vergangenen Sonntag kennen, in der diese Artikel erschienen. „Easyjetset“ stand da in großen Buchstaben vor einem irgendwie heimeligen Bild vom Berliner Fernsehturm im Sonnenauf– oder Untergang:

Ich weiß nicht, wie viel ein Unternehmen dafür zahlen würde, seinen Namen in dieser Form auf der Titelseite einer Zeitung präsentiert zu sehen. Meine Arbeitshypothese: viel.

Vier redaktionelle Seiten widmete der „Tagesspiegel“ am Sonntag der Fluggesellschaft, weil sie vor zehn Jahren zum ersten Mal Berlin anflog. Das Thema ist angeblich, wie „Billigflieger und Massentourismus“ in dieser Zeit die Stadt verändert haben. Aber der eine Billigflieger, dessen Name auf diesen Seiten immer wieder genannt wird, ist Easyjet. Dass es noch andere Billigflieger gibt, die Berlin ansteuern, erfährt man nur in einem kleinen Kasten.

Dabei war Easyjet vor zehn Jahren nicht einmal der erste Billigflieger, der Berlin-Schönefeld anflog, sondern der sechste. Man würde das als Leser dieser „Easyjetset“-Seiten aber nicht ahnen, die bedeutungsschwanger referieren, dass es eine Boeing 737 gewesen sei, die am 28. April 2004 als erste Easyjet-Maschine in Berlin landete, dass sie aus Liverpool gekommen sei, 122 Passagiere an Bord gehabt habe und bei ihrer Ankunft von der kalifornischen Popband Berlin begrüßt worden sei mit dem Lied „Take My Breath Away“.

Kevin P. Hoffmann, der Wirtschaftschef des „Tagesspiegel“, hat sich von dem Unternehmen nicht nur ausrechnen lassen, wie viel Bier in dieser Zeit an Bord der Flüge ab Schönefeld getrunken wurde, und sich für die Zahl grundlos begeistert. (Sein Artikel „Mit 14.519 Litern Bier zum Mars“ ist aktuell nicht mehr online, weil er neben anderem Unsinn auch noch die falsche Entfernung zum Mars nannte, was einerseits egal ist, andererseits für dieses bekloppte Stück zentral.) Hoffmann hat auch ein bisschen mit dem Deutschlandchef von Easyjet geplaudert. Kostprobe:

Wo sind Sie gern in Berlin?

Vor ein paar Jahren war ich erstmals mit meiner Familie da. Damals hatten wir ein Hotel in Mitte an der Museumsinsel, das nächste Mal in Prenzlauer Berg und vor drei Wochen waren wir in Friedrichshain. Das war auch super. Was denken Sie: Wo sollen wir als Nächstes hin?

Vielleicht mal in den Westen, nach Schöneberg oder Neukölln. Man sagt auch: Der Wedding kommt …

Prima, das versuchen wir.

Eine Kollegin hat die Gelegenheit genutzt, die „einschwebenden Gäste“ zu befragen, die aus einem der „mehr als 40 Flugzeuge der Airline Easyjet“ ausstiegen, die „allein an diesem Freitag“ in Schönefeld landeten. Kann man auch mal machen.

Eröffnet wird das Easyjet-Extra von einem Essay von Rüdiger Schaper, dem Leiter des Feuilletons. Ihn bringt der Easyjet-Tourismus ins Schwärmen:

Billigflüge sind die Ausflüge der Neuzeit, davon profitiert besonders die Kultur. Auf kurzen Reisen in engen Sitzreihen lebt der Gedanke des Gemeinsamen.

Er beginnt seinen Text mit einer Erinnerung an die alten Flugschauen und schreibt:

Heute sitzen die Massen im Airbus, vor allem im letzten Jahrzehnt hat sich die Vorstellung der Flugschau radikal verändert: nach Barcelona oder Istanbul zur Party fliegen und schauen, was abgeht, oder nach Paris ins Museum. Auch der stets unruhige, auf gepacktem Rollkoffer sitzende Kulturbürger gehört zur „Generation Easyjet“.

Falls Ihnen der Begriff „Generation Easyjet“ nicht geläufig ist: Die Firma Easyjet hat ihn erfunden. Er ist aktuell der zentrale Begriff ihres Marketings. Und wenn man liest, welche Werbebotschaft die Firma mit diesem Begriff verbindet, stellt man fest, dass es exakt die Botschaft ist, die der „Tagesspiegel“ in seinem Artikel Easyjet zuschreibt. Das Stück liest sich wie eine redaktionelle Interpretation dieses Mottos.

Der Autor dekliniert sogar die einzelnen Flugziele von Easyjet ab Schönefeld durch:

Ein neuer, niedrigschwelliger Kulturtourismus hat sich entwickelt. Wir alle spielen in einer kulturellen Champions League, und niemand scheidet aus. Im Sommer zur Biennale nach Venedig, nächstes Wochenende zur großen El-Greco-Jubiläumsausstellung nach Madrid und Toledo, nach London in die Tate, auch Manchester, Liverpool und Lyon liegen um die Ecke. (…)

Ein Wochenende in Thessaloniki — der Flug nach Nordgriechenland dauert zwei Stunden — lässt sich preiswerter kalkulieren als ein paar Tage an der Ostsee. Man zahlt nur für den engen Sitz im Flugzeug, mehr Beinfreiheit und ein aufgegebener Koffer sind dann manchmal schon so teuer wie das Ticket selbst. Herrlich ein Drink auf der Dachterrasse des Elektra Palace an der Platia Aristotelous, einem der schönsten Plätze Europas, der sich von der Altstadt zur Meerespromenade hin absenkt!

Oder morgens mal nach Mailand-Malpensa, dann mit dem Mietwagen schnell über die Schweizer Grenze bei Chiasso ins Outletcenter Foxtown und am Abend zurück nach Berlin mit vollen Taschen. Das ist kein Managertag, sondern ein Betriebsausflug von Sekretärinnen.

Robert Ide, der Berlin-Chef des „Tagesspiegels“, schrieb auf Twitter, es handele sich bei dem, was auf mich wie eine vielseitigen PR-Aktion von oder jedenfalls für Easyjet wirkt, um einen „redaktionellen Schwerpunkt zum Massentourismus in Berlin“; das Thema sei „sehr relevant“. Markus Hesselmann, der Online-Chef des „Tagesspiegels“, schrieb auf Facebook, entscheidend für ihn sei bei alldem, „dass die Redaktion von sich aus ihre Themen setzt unabhängig von Werbung“.

Entweder die Zeitung hat sich von dem Unternehmen kaufen lassen. Oder eine komplette Redaktion hat versehentlich eine Werbesonderausgabe für Easyjet produziert.

Der „Tagesspiegel“ fliegt auf Easyjet

28 Apr 14
28. April 2014

Die Fluggesellschaft Easyjet verkauft täglich auf ihren Routen von und nach Berlin-Schönefeld knapp vier Liter Bier. Das ist eine beachtliche Sache. Zwölf 0,33-Liter-Dosen am Tag! Also: fast. Das zeigt, dass es sich für das Unternehmen wirtschaftlich lohnt, Schönefeld anzufliegen.

Meint der „Tagesspiegel“.

Er hat sich die Bilanz „eigens“ von Easyjet für die eigene Berichterstattung ausrechnen lassen: 14.519 Liter Bier in zehn Jahren, „ab Schönefeld“. (Ich nehme an, der „Tagesspiegel“ meint mit „ab“ Schönefeld „von und nach“ Schönefeld.)

Vor zehn Jahren hat das Unternehmen zum ersten Mal Schönefeld angeflogen, und der „Tagesspiegel“ hat beschlossen, dass das ein Grund zum Feiern ist. „Exakt 285.144.899 Kilometer Strecke haben Easyjet-Gäste seither bis zum Wochenende von und nach Berlin gemeinsam zurückgelegt“, staunt er. Ich weiß nicht genau, wie er das mit dem „gemeinsam“ meint und ob das die Strecken sind, die die Flugzeuge zurückgelegt haben, oder die Strecken multipliziert mit der Zahl der Passagiere. Ohnehin lassen sich Flugkilometer so schlecht in handelsübliche Fußballfelder und Saarländer umrechnen, weshalb der „Tagesspiegel“ als Vergleichsgröße die uns allen im täglichen Leben ja geläufige Entfernung zum Mars anbietet. Den hätte Easyjet jedenfalls angeblich locker erreichen können, wenn die Fluggesellschaft nicht so albern zwischen Berlin und irgendwelchen anderen Städten hin– und hergeflogen wäre, sondern schön am Stück zum Mars.

Weiters hat Easyjet für den „Tagesspiegel“ ausgerechnet, dass in den vergangenen zehn Jahren 31 Millionen Passagiere mit der Linie von oder nach Berlin flogen. Angesichts einer Einwohnerzahl von 3,5 Millionen ist nach Ansicht des „Tagesspiegels“ „statistisch jede Berlinerin und jeder Berliner fast neun Mal mit Easyjet mit Berlin geflogen“.

Es hat angesichts der Qualität des Artikels eine gewisse Konsequenz, dass daraus im Vorspann wird, „jeder neunte“ Berliner sei schon einmal mit Easyjet geflogen, was nicht einmal annähernd dasselbe ist. Aber auch die Ursprungsrechnung stimmte natürlich nur dann, wenn man annähme, dass ausschließlich Berliner von und nach Berlin mit Easyjet fliegen, weshalb ich folgende Alternativrechnung vorschlagen möchte, die mir deutlich sinnvoller erscheint: Wenn man davon ausgeht, dass die Passagiere im Schnitt 1,80 Meter groß sind, und sie hintereinander auf den Boden legt, könnte man die Easyjet-von-und-nach-Schönefeld-Fluggast-Schlange 8,75 1,4 mal um den Erdball wickeln. Gleich viel anschaulicher.

Jedenfalls fliegt seit zehn Jahren eine stattliche Zahl von Menschen (die ganz überwiegend nicht so blöd sind, an Bord teures Bier zu kaufen) mit Easyjet von und nach Berlin, und wenn man Hartmut Mehdorn ist, kann man das mangels anderer Anlässe schon mal als Grund zur Freude nehmen:

„Wir freuen uns über zehn Jahre Easyjet in Berlin und gratulieren herzlich zum Jubiläum“, lässt Berlins stressgeplagter Flughafenchef Hartmut Mehdorn aus diesem Anlass über den Tagesspiegel ausrichten. „Easyjet hat mit dazu beigetragen, das Gesicht der deutschen Hauptstadt noch internationaler zu machen.“

Für eine persönliche Botschaft fehlte dann also anscheinend doch die Muße, aber der „Tagesspiegel“ ist so nett, dem Easyjet die Glückwünsche von Herrn Mehdorn auszurichten, auch wenn offenbleibt, inwiefern es nötig war, damit nun uns als Leser zu behelligen.

Der „Tagesspiegel“ fügt hinzu:

Mehdorns warme Worte sind angebracht. Denn während Air Berlin, die Lufthansa und ihre Tochter Germanwings in Tegel starten und landen und dessen Kapazitäten über die Grenzen treiben, sorgt Easyjet weiter für den nötigen Betrieb am kleineren Standort Schönefeld, der sonst womöglich veröden würde. Waren vor zehn Jahren noch 41 Fluggesellschaften dort vertreten, sind es heute nur noch 25.

Ja, total nett von Easyjet, wobei vielleicht noch ein bisschen aufschlussreicher als die Zahl der Fluggesellschaften die Information gewesen wäre, dass sich in Schönefeld in den vergangenen zehn Jahren die Zahl der Fluggäste mehr als verdoppelt hat. Die Verödung droht also vielleicht doch nicht unmittelbar.

Der Artikel schließt mit dem Gedanken, dass man vor zehn Jahren dem damaligen Easyjet-Chef hätte trauen und Aktien kaufen sollen, dann bekäme man heute nämlich vier mal so viel dafür (und könnte sich, aber das steht da nicht, auch ohne zu zögern alle paar Tausend Flugkilometer das ein oder andere Easyjet-Bier leisten).

Ich weiß nicht, ob der „Tagesspiegel“ für diese Werbe-Geschichte zum Berlin-Anflieg-Jubiläum von Easyjet bezahlt wurde, aber ehrlich gesagt: Ich hoffe es. Einen solchen durch und durch bekloppten Artikel ohne eine entsprechende Entschädigung zu veröffentlichen, wäre ja noch schlimmer.

Und es ist ja nicht die einzige Glückwünsch-Botschaft, die der „Tagesspiegel“ dem Unternehmen schenkt. Parallel veröffentlichte er ein Stück mit dem Titel „Easyjetter fliegen auf Berlin“ und dem Vorspann:

Die erste Easyjet-Maschine landete vor zehn Jahren in Schönefeld. Was keiner ahnte: Am 28. April 2004 begann eine neue Tourismus-Ära. Was treibt Millionen Easyjetter nach Berlin?

Der Artikel erklärt weder, inwiefern eine neue Tourismus-Ära begann, noch was Millionen „Easyjetter“ nach Berlin treibt. Die Autorin war nur „unterwegs an zwei toruristischen (sic!) Hotspots“: Am Brandenburger Tor und in der Simon-Dach-Straße, zwei Orte, die man als Berliner Lokalzeitung der einheimischen Bevölkerung wirklich dringend mal vorstellen musste („Die Simon-Dach-Straße erinnert ein wenig an eine Kirmes“). Um Billigflieger geht es, außer in Überschrift und Vorspann — nicht.

Immerhin aber in einem dritten Stück zum Thema „Zehn Jahre Easyjetter in Berlin“, das sich freut:

Ohne Billigflieger säße so manche Kneipe vermutlich auf dem Trockenen. Denn sogenannte Pubcrawler sichern den Umsatz — und das Einkommen von Stadtführern.

Und so hebe ich mit der „Tagesspiegel“-Redaktion die selbstmitgebrachte Bierflasche in die Höhe und bitte Sie um einen Toast auf Easyjet. Dieses wunderbare Unternehmen, das der Stadt (und, anscheinend, hoffentlich, einer ihrer siechen Regionalzeitungen) so viel Gutes beschert!

[via Simon Drees]

Nachtrag, 23:25 Uhr. Der „Tagesspiegel“ hat unauffällig den „jeder neunte“-Fehler im Vorspann durch den „fast neun Mal“-Quatsch ersetzt.

Nachtrag, 29. April. Markus Hesselmann, der Online-Chef des „Tagesspiegels“, nennt die Texte „ok“ und die Teaser-Fehler „peinlich“ und meint, ich fände den Schleichwerbungsvorwurf offenbar selbst albern.

Heute früh hat der „Tagesspiegel“ noch einen „Easyjet“-Artikel veröffentlicht; es ist (zusammen mit diesem) der fünfte. Der Markenname steht darin zwar nicht sichtbar für Leser, aber als Stichwort für Suchmaschinen.

Die Seelen-Verkäufer von „Spiegel Online“ (3)

27 Apr 14
27. April 2014

Angenommen, ein seriöses Nachrichtenmagazin bringt einen großen Bericht über neue Werbeformen, zeigt, wie heikel die sind, und betont dabei, dass man selbst eine weiße Weste hat: „Werbung, die aussieht wie ein Text der Redaktion, wird es nicht geben.“

Und angenommen, dann kommt raus, dass das gar nicht stimmt.

Würde man dann nicht, als seriöses Nachrichtenmagazin, in der nächsten Ausgabe seine Leser kurz informieren, dass man sie falsch informiert hatte? Gut, natürlich nicht gleich am Anfang, in der „Hausmitteilung“, da steht nur, wie toll das eigene Heft ist. Und natürlich auch nicht ganz am Ende, in der Rubrik „Rückspiegel“, da steht nur, wie toll andere das eigene Heft finden.

Aber vielleicht irgendwo dazwischen, nur eine Notiz, zum Beispiel in dem kleinen „Korrekturen“-Kasten oder auf der Meldungsseite im Medienteil?

Natürlich würde man dadurch Leser, die gar nichts mitgekriegt hatten von dem peinlichen falschen Versprechen — und das wäre womöglich die Mehrheit — überhaupt erst darauf aufmerksam machen. Andererseits würde man denen, die es mitgekriegt haben, zeigen, dass man ein Nachrichtenmagazin ist, dem man trauen kann, sogar wenn es in eigener Sache berichtet.

Wäre das nicht, wenn man es schon nicht hingekriegt hat, in seinem Online-Auftritt Werbung und Redaktion so sauber zu trennen, wie man vorgegeben hat, ein schönes Zeichen, dass man es wenigstens hinkriegt, zu seinen Fehlern zu stehen? Aufrichtig und transparent mit ihnen umzugehen?

Der „Spiegel“ hat diese Fragen offenbar mit Nein beantwortet und so steht im neuen Heft darüber, dass man mindestens ein Jahr lang genau das betrieben hat, was man bei anderen kritisierte und für sich ausschloss: kein Wort.

Aber gut, was sollte die Redaktion auch machen, um über solche Themen mit ihren Lesern ins Gespräch zu kommen? Bloggen?

Die Seelen-Verkäufer von „Spiegel Online“ (2)

22 Apr 14
22. April 2014

Abruptes Ende einer Partnerschaft: „Spiegel Online“ hat die Unterdomain eurojackpot.spiegel.de abgeklemmt, auf der, als „Service von WestLotto“, im redaktionellen Gewand für die Lotterie geworben wurde. Geschäftsführung und Chefredaktion von „Spiegel Online“ erklärten, die Werbung hätte in dieser Form „nicht live gehen dürfen“. Dass dies dennoch geschehen sei, sei ein „Fehler“.

Es war ein erstaunlicher hartnäckiger Fehler. Denn auf diesen Seiten erschienen nicht nur ein paar einzelne Werbe-Kolumnen. Im Laufe eines Jahres wurden hier auch hundert vermeintliche Nachrichtenartikel publiziert, die im Auftrag der staatlichen Lotteriegesellschaft des Landes Nordrhein-Westfalen für das Glücksspiel warben.

Zum Beispiel:

  • Riesige Spannung – Größter Jackpot in Deutschland steigt weiter
  • Überragend: Rekordjackpot von 47 Mio. Euro wartet kommenden Freitag
  • YouTube-Star beschenkt Obdachlosen mit Lotterie-Gewinnerlos
  • Eurojackpot-Reporter beim Eurovision Song Contest
  • Ungarischer Obdachloser gewinnt Lotterie-Jackpot von zwei Millionen Euro
  • Passend zum Valentinstag: Großgewinne über ganz Europa verteilt
  • Britische Lotterie-Millionärin teilt Gewinn mit ihrem Ex-Mann
  • Weihnachtliche Bescherung für drei Eurojackpot-Tipper aus Deutschland
  • Ein Dorf wird Millionär
  • Der große Glücksatlas
  • Wenn halb Europa Lotto spielt
 und am Ende Deutschland gewinnt
  • Kellnerin in den USA erhält Lotterie-Lose als Trinkgeld und gewinnt

„In loser Reihenfolge“ wurden andere Länder vorgestellt, die auch an der Lotterie teilnehmen („Spanien: Beliebtes Reiseziel im sonnigen Süden“); der Unternehmens-Sprecher erklärte, was ein glückliches Leben ausmache und welche Rolle das Glücksspiel dabei spiele („Es ist vor allem der Traum vom Glück, der viele Lotteriespieler antreibt“), neue Forschungsergebnisse wurden mitgeteilt („Glückliche Menschen werden seltener krank“).

All diese vielen Dutzend Artikel, die plump bis halbsubtil für die Lotterie warben, erschienen im redaktionellen Design von „Spiegel Online“, gekennzeichnet bloß als „Service von WestLotto“. Von jeder „Spiegel Online“-Seite führte ein Link am Fuß zur Themenseite mit den jeweils aktuellen Beiträgen.

Und bei „Spiegel Online“ hatte bis eben niemand diesen „Fehler“ bemerkt.

[via Jan in den Kommentaren]

Die Seelen-Verkäufer von „Spiegel Online“

21 Apr 14
21. April 2014

Der „Spiegel“ berichtet in seinem aktuellen Heft über den Trend zu native advertising: Werbung, die gestaltet wird wie ein redaktioneller Artikel und nur durch einen — mehr oder weniger deutlichen — Hinweis als Anzeige gekennzeichnet ist. Das Stück referiert die aktuellen Diskussionen in den Vereinigten Staaten und Deutschland und zeigt, wie heikel solche Formen für die Glaubwürdigkeit seriöser Medien ist.

Mit „native advertising“ erreicht die bewusste Irreführung der Leser eine neue Qualität: Sie wird zu einem gängigen Stilmittel der Werbung, vor allem im Netz. Dort lassen sich Inhalt und Reklame deutlich einfacher und billiger verbinden als in gedruckten Medien.

Das Nachrichtenmagazin zitiert den „Guardian“-Kolumnisten Bob Garfield:

„Der Journalismus verkauft damit seine Seele.“

Der „Spiegel“ zieht darin für sich selbst eine klare Grenze:

Werbung, die aussieht wie ein Text der Redaktion, wird es nicht geben.

In einem Video zum Heft erklärt Medienredakteur Martin U. Müller, einer der beiden Autoren des Textes, dass man Anzeigen bei „Spiegel Online“ selbstverständlich klar von redaktionellen Inhalten unterscheiden könne, durch Gestaltung, Schriftart, Farbgebung und so weiter. Andere Seiten sähen das nicht so eng, sagt er, und führt den Zuschauer durch verschiedene Beispiele, bei „Werben & Verkaufen“ und der „Huffington Post“, wo nur ein leicht zu überlesener Hinweis wie „Sponsored Post“ über dem Text deutlich mache, dass die Inhalte gekauft wurden.

Nun.

Dann sagen Sie doch mal spontan, wonach diese regelmäßige Kolumne über das Glück auf „Spiegel Online“ aussieht:

Die Schriftart ist die Standard-Schriftart von „Spiegel Online“. Die Farben sind die des Panorama-Ressorts. Und oben in der Brotkrumen-Navigation ist der Text säuberlich in die redaktionelle Hierarchie einsortiert: Nachrichten > Panorama > Eurojackpot

Der Autor Oliver Schönfeld schaut aus einem Guckloch wie die anderen Kolumnisten von „Spiegel Online“. Und er wird ausdrücklich als „Journalist“ vorgestellt. Dabei nennt sich seine Firma „Schönfeld PR“, und er ist eher nicht journalistisch tätig, sondern werblich. Die Artikel sind anscheinend von WestLotto bezahlt. Das lässt die Formulierung „Ein Service von WestLotto“ auch erahnen, aber eben doch nur: erahnen.

Um den „Spiegel“ selbst zu zitieren:

Die verbalen Verrenkungen, mit denen sich viele Verlage um das Wort „Werbung“ herumdrücken, lässt an ihrem Bemühen um Transparenz zumindest zweifeln.

Unter der vermeintlichen Glücks-Kolumne steht zwar auch als Kleingedrucktes der Satz:

SPIEGEL ONLINE ist weder für den Inhalt noch für ggf. angebotene Produkte verantwortlich.

Aber das ändert nichts daran, dass die Gestaltung der Anzeige erkennbar auf die Möglichkeit einer Verwechslung mit redaktionellen Inhalten abzielt.

Das Wort „Anzeige“ oder „Werbung“ vermeidet „Spiegel Online“ auch bei dem Kasten, der am Fuß jeder Seite steht:

Ein „Serviceangebot“ von einem „Spiegel Online“-„Partner“, was mag das sein? Unter dieser Überschrift sind munter redaktionelle und werbliche Inhalte sowie Kooperationen, bei denen völlig unklar ist, ob und wie „Spiegel Online“ daran verdient, gemischt. Vor dem Klick hat der Leser keine Chance, es zu erraten. Oder hätten Sie gedacht, dass der „Kreditvergleich“-Link ein Werbelink ist, der „Versicherungen“-Link aber ein redaktioneller?

Ich halte das an sich schon für eine schlechte Idee von „Spiegel Online“. Besonders schlecht ist aber, wenn der „Spiegel“ den Eindruck erweckt, „Seelen-Verkäufer“, das sind nur die anderen.

Nachtrag, 22. April. Es gibt doch eine Möglichkeit, vor dem Klick auf einen der Links in dem „Serviceangebot“-Kasten zu wissen, ob er zu Werbung oder einem redaktionellen Inhalt führt: Wenn man den Mauszeiger über dem jeweiligen Stichwort schweben lässt, erscheint nach etwa einer Sekunde das Wort „Anzeige“ (oder nicht).

Nachtrag, 12:30 Uhr. „Spiegel Online“ hat die Werbe-Kolumne als „Fehler“ bezeichnet. Barbara Hans, die stellvertretende Chefredakteurin, sagte gegenüber „Meedia“, die Anzeige unterscheide sich „nicht eindeutig und klar genug von redaktionellen Inhalten. Insbesondere sind Begriffe wie ‚Kolumne‘ und ‚Journalist‘ sowie die optische Anmutung im Kolumnen-Layout dem redaktionellen Bereich von Spiegel Online vorbehalten.“

Der Link zur „Eurojackpot“-Unterseite ist im „Service“-Mischkasten und im „Panorama“-Menu nun verschwunden.