Grand Prix Eurovision de la Manipulation: ESC zu kaufen?

Sagen wir so: Wenn in den nächs­ten Tagen Mit­glie­der der dies­jäh­ri­gen aser­baid­scha­ni­schen Eurovisions-Jury leb­los ans Ufer des kas­pi­schen Mee­res ange­spült wür­den, wäre es keine große Über­ra­schung. Die sind näm­lich offen­kun­dig ver­ant­wort­lich für das schänd­li­che Null-Punkte-Votum Aser­baid­schans für den rus­si­schen Bei­trag. Der aser­bai­scha­ni­sche Außen­mi­nis­ter musste sich dafür von sei­nem rus­si­schen Kol­le­gen öffent­lich Vor­würfe anhö­ren.

Das Regime sieht die Schuld aller­dings anschei­nend bis­lang noch beim Aus­rich­ter des Grand-Prix, der EBU. Die habe Russ­land um die Stim­men Aser­baid­schans betrogen.

Die Poli­ti­ker haben sogar etwas, das wie ein Beweis aus­sieht: Die aser­baid­scha­ni­sche Regie­rung hat sich bei den Tele­fon­ge­sell­schaf­ten des Lan­des die Abstim­mungs­er­geb­nisse besorgt, und danach lag der rus­si­sche Bei­trag in der aser­baid­scha­ni­schen Publi­kums­gunst auf dem zwei­ten Platz. Dass das Land trotz­dem kei­nen ein­zi­gen Punkt an Russ­land ver­gab, ließe sich nur durch eine skan­da­löse Ver­schwö­rung oder wenigs­tens einen Feh­ler bei den west­li­chen Ver­ant­wort­li­chen erklären.

Die Nach­rich­ten­agen­tur AFP (gedan­ken­los über­nom­men von »Spie­gel Online« und ande­ren) macht sich die aserbaidschanisch-russische Regie­rungs­pro­pa­ganda gleich zu eigen, spricht vom abwei­chen­den »tat­säch­li­chen« Abstim­mungs­er­geb­nis der Aser­baid­scha­ner und einer »jetzt publik gewordene[n] Panne«, als han­dele es sich tat­säch­lich um eine solche.

Die EBU bestrei­tet das aber vehe­ment und glaub­wür­dig. Denn das Votum des Publi­kums macht nur die Hälfte der zu ver­ge­be­nen Punkte eines Lan­des aus. Die andere Hälfte wird von fünf Juro­ren bestimmt. Denen muss der rus­si­sche Bei­trag so wenig gefal­len haben, dass sie ihn weit nach unten plat­zier­ten. In der Addi­tion von Jury– und Zuschauer-Votum sei Russ­land nicht unter die Top-Ten Aser­baid­schans gekom­men, sagt die EBU. Das Votum der Juro­ren sei nota­ri­ell beglaubigt.

Das ist natür­lich undenk­bar in einem Land wie Aser­baid­schan: dass Juro­ren bei einem sol­chen inter­na­tio­na­len Wett­be­werb ihrem eige­nen Urteil fol­gen und nicht der Staats­rai­son. Genau so erwar­tet die EBU das zwar von den Betei­lig­ten. Aber sie könnte die Betrof­fe­nen nun, nach­dem sich der Staat die Televoting-Ergebnisse besorgt hat und dar­aus das Jury-Urteil rekon­stru­ie­ren kann, auch nicht vor Repres­sio­nen schüt­zen. Dass die Leute in ihrem Land nie wie­der in irgend­ei­ner offi­zi­el­len Jury sit­zen wer­den, darf man als sicher anneh­men — es ist aber auch die harm­lo­seste mög­li­che Folge.

So poli­tisch ist der Grand-Prix in machen Län­dern, so wich­tig. Ich komme gleich noch­mal drauf zurück.

Vor­her aber ein Aus­flug in die Sta­tis­tik. Dass ein Bei­trag, der beim Publi­kum weit vorne lan­det, trotz­dem ohne Punkte aus­ge­hen kann, ist näm­lich Folge einer im Vor­feld kaum beach­te­ten Regel­än­de­rung. Bis­lang wur­den für jedes Land die Jury– und Televoting-Ergebnisse ein­zeln in die übli­chen ESC-Punkte 12, 10, 8, 7, 6, 5, 4, 3, 2, 1 umge­rech­net und dann addiert, um die Gesamt­rei­hen­folge zu bestim­men. Dadurch wur­den beim Mit­teln jeweils nur die zehn Favo­ri­ten von Jury bzw. Publi­kum berücksichtigt.

In die­sem Jahr wur­den erst­mals alle 26 Län­der in die Rei­hen­folge ihres jewei­li­gen Abschnei­dens bei Jury und Publi­kum gebracht, bevor sie addiert wur­den. Das klingt nach einer mar­gi­na­len Ände­rung, aber die Wir­kung ist erheb­lich, wenn Jury– und Publikums-Votum sich deut­lich unterscheiden.

Ein Titel, der bei der Jury kom­plett durch­fiel, lag frü­her rech­ne­risch vor der inter­nen Addi­tion nicht schlech­ter als auf Platz 11. Dadurch hatte er, wenn das Publi­kum ihn liebte, immer noch gute Chan­cen, ins­ge­samt unter den Top Ten und also im Punk­te­be­reich zu lan­den. Das ist nach der neuen Rechen­me­thode nicht mehr unbe­dingt der Fall. Setzt die Jury den Publi­kums­lieb­ling zum Bei­spiel auf Platz 18 oder 26, hat er trotz einer Höchst­wer­tung von den Zuschau­ern kaum eine Chance, ins­ge­samt in den Bereich der Punkte eines Lan­des zu kommen.

Genau das ist offen­kun­dig in Aser­baid­schan pas­siert: Ein Platz sehr weit hin­ten in der Jury-Rangliste sorgte dafür, dass Russ­land trotz eines zwei­ten Plat­zes im Publi­kums­vo­ting keine Punkte aus Aser­baid­schan bekam — so unwahr­schein­lich das klin­gen mag.

In Ita­lien ist etwas ähn­li­ches pas­siert. Die RAI hat freund­li­cher­weise die Televoting-Ergebnisse ver­öf­fent­licht. Danach haben im Finale sagen­hafte 23,2 Pro­zent der Anru­fer in Ita­lien für Rumä­nien gestimmt. Trotz­dem bekam der rumä­ni­sche Bei­trag nur einen Punkt. Bei den Juro­ren muss er auf einem der letz­ten Plätze gelan­det sein.

Die­ses Maß an Rela­ti­vie­rung ist von der EBU gewollt: Extrem popu­läre Geschmacks­aus­rei­ßer wie Lordi 2006 sol­len keine Chance mehr haben. Die neue Addi­ti­ons­weise der Jury– und Zuschauer-Stimmen pro Land begüns­tigt Kon­sen­skan­di­da­ten — aber eben auch Ver­schwö­rungs­theo­rien wie die in Aser­baid­schan und ein zumin­dest gefühl­tes Gerech­tig­keits­pro­blem: Soll ein Bei­trag, der in einem Land auf so breite Unter­stüt­zung bei den Anru­fern stößt wie Rumä­nien jetzt in Ita­lien wirk­lich von fünf Ein­zel­per­so­nen in der Jury so her­un­ter­ge­stuft wer­den können?

Hel­fen würde es, wenn die EBU die natio­na­len Ein­zel­er­geb­nisse von Jurys und TED getrennt ver­öf­fent­li­chen würde, damit man das Gesamt­vo­tum wenigs­tens nach­voll­zie­hen kann. Ande­rer­seits wäre dann der Druck auf die Jurys in unde­mo­kra­ti­schen Län­dern wie Aser­baid­schan, sich für ein poli­tisch unab­hän­gi­ges Votum recht­fer­ti­gen zu müs­sen, noch größer.

Die Eurovisions-Verantwortlichen haben noch andere Gründe, sol­che Trans­pa­renz abzu­leh­nen. Sie würde auch andere Unzu­läng­lich­kei­ten im Abstim­mungs­pro­zess gna­den­los öffent­lich machen. Zum Bei­spiel, wenn die Teil­nahme am Tele­vo­ting in einem Land so nied­rig war, dass die Zuschau­er­stim­men nicht in die Wer­tung ein­gin­gen. Die EBU gibt weder die Höhe des not­wen­di­gen Quo­rums bekannt noch die Län­der, die daran jeweils geschei­tert sind. Es ist aber angeb­lich kein sel­te­ner Fall, dass aus die­sem Grund nur das Jury-Ergebnis eines Lan­des gewer­tet wurde.

Wären die Fälle mit so nied­ri­ger Abstimmungs-Teilnahme kon­kret bekannt, so die Argu­men­ta­tion der EBU, würde man es poten­ti­el­len Betrü­gern zu leicht machen. Sie könn­ten sich diese Län­der her­aus­pi­cken, um zu ver­su­chen, mit rela­tiv weni­gen zusätz­li­chen, gekauf­ten Stim­men das Ergeb­nis zu beeinflussen.

Ein mit ver­steck­ter Kamera gefilm­tes Video soll zei­gen, wie Aser­baid­schan das in Litauen ver­sucht hat. Auf­fäl­lige (und nicht allein durch Nach­bar­schaft oder kul­tu­relle Ähn­lich­kei­ten erklär­bare) Abstim­mungs­er­geb­nisse gibt es einige. So gibt Malta seit vier Jah­ren plötz­lich Aser­baid­schan im Finale kon­se­quent zwölf Punkte.

Die Köl­ner Firma digame, die für die Abwick­lung des Votings zustän­dig ist, hat Mecha­nis­men ein­ge­baut, die Mani­pu­la­tio­nen erschwe­ren sol­len. Das Sys­tem regis­triert unge­wöhn­li­che Zusam­men­bal­lun­gen, wenn, sagen wir, in einem klei­nen Ort in Irland plötz­lich abwei­chend vom Trend Hun­derte Anrufe für Aser­baid­schan abge­ge­ben wer­den. Sol­che Stim­men wer­den aus­sor­tiert. EBU-Verantwortliche räu­men aller­dings ein, dass das Sys­tem bei einem gut und geschickt orga­ni­sier­ten Stim­men­kauf macht­los ist — und in klei­ne­ren Län­dern ist der Auf­wand dafür für jeman­den, der daran inter­es­siert wäre, durch­aus überschaubar.

Es sind wohl weni­ger die Fern­seh­sen­der oder Staa­ten selbst, die hin­ter sol­chen Mani­pu­la­ti­ons­ver­su­chen ste­hen. Ein Inter­esse daran, ein Land mit allen Mit­teln zum Sieg zu brin­gen, könn­ten vor allem regie­rungs­nahe Orga­ni­sa­tio­nen oder Wirt­schafts­ver­bände haben, die sich davon Vor­teile von der Auf­merk­sam­keit und dem mög­li­chen Image­ge­winn ver­spre­chen. Län­der mit schlech­tem Image oder EU-Anwärter sind beson­dere Kan­di­da­ten dafür.

Unab­hän­gig davon, ob sich die Berichte aus Litauen als zutref­fend her­aus­stel­len, scheint die EBU ein ech­tes Pro­blem darin zu sehen, diese Form der Mani­pu­la­tion des Ergeb­nis­ses zuver­läs­sig zu verhindern.

Anstatt Zuschau­er­stim­men zu kau­fen, bie­tet sich natür­lich auch der Ver­such an, die Jurys zu beein­flus­sen. Wenn es da Ver­dachts­fälle gibt, schickt die EBU nach eige­nen Anga­ben unan­ge­kün­digt einen Wirt­schafts­prü­fer bei der Jury-Sitzung vor­bei. Bei begrün­de­ten Zwei­feln soll es auch mög­lich sein, dass das Jury-Votum eines Lan­des nicht gewer­tet wird. Ob das schon ein­mal vor­ge­kom­men ist, wollte man mir nicht sagen.

Nach der Auf­merk­sam­keit, die die ver­schie­de­nen Vor­würfe in die­sem Jahr bekom­men haben, bis hin zur Außen­mi­nis­ter­ebene, will die EBU in den nächs­ten Wochen über die not­wen­di­gen Kon­se­quen­zen dis­ku­tie­ren. Dass sie in der Folge auf grö­ßere Trans­pa­renz setzt, gilt aller­dings als unwahr­schein­lich. Immer­hin will sie das Gesamt­er­geb­nis in der Auf­tei­lung nach Jury und Tele­vo­ting in die­sem Jahr nicht erst nach Wochen ver­öf­fent­li­chen, son­dern schon in die­sen Tagen.

RTL sucht die Supershoweröffnung — und findet sie beim ESC

Es ist für eine so strun­zunkrea­tive Pro­duk­ti­ons­firma wie die Grundy Light Enter­tain­ment ver­mut­lich nicht leicht, sich für das groß gemeinte Finale von »Deutsch­land sucht den Super­star« einen halb­wegs orgi­nell wir­ken­den Sen­dungs­auf­takt ein­fal­len zu las­sen. Und natür­lich lässt sich jeder Macher bei der Arbeit von bereits Dage­we­se­nem beein­flus­sen. Ich war dann aber trotz­dem über­rascht, als ich ges­tern gese­hen habe, was die RTL-Leute sich bei der Show ges­tern zum Vor­bild genom­men haben — und in wel­chem Maße sie sich davon haben inspi­rie­ren lassen.

Wenn Sie bitte mal schauen und stau­nen mögen:

(Natür­lich ist der DSDS-Beginn auch und erst recht 13 Jahre spä­ter nicht halb so cool wie das Opening des Euro­vi­sion Song Con­test 2000 in Stock­holm. Ich wär aber auch gern beim DSDS-Autorenbriefing dabei gewe­sen… »Und dann sollte der Off-Sprecher irgend­et­was sagen, dass die Leute wis­sen, dass die Show jetzt beginnt.« — »Da fällt mir schon was ein.« — »Haupt­sa­che, das Saal­pu­bli­kum weiß, dass es dann sofort aus­ras­ten muss.« — »Läuft.«)

Euer Song für Malmö

Das Lus­tige ist ja, dass das Ren­nen bei »Unser Star für Malmö« am Ende genauso aus­ge­gan­gen wäre, wenn es nicht das neue Stimm­ver­fah­ren gege­ben hätte. Wenn nicht Radio­hö­rer und eine Jury jeweils ein Drit­tel zum Ergeb­nis beige­tra­gen hät­ten, son­dern es — wie frü­her — bloß auf das Votum des Fern­seh­pu­bli­kums ange­kom­men wäre.

Cascada hätte trotz­dem gewon­nen. Weg­ge­fal­len wäre nur die span­nende Dra­ma­tur­gie, bei der die Bay­ern­blä­ser LaBrass­Banda, die anfangs wie die siche­ren Sie­ger aus­sa­hen, schein­bar von fünf erra­ti­schen Juro­ren um den Titel gebracht wurden.

Bemer­kens­wert ist, dass der Jury nun nicht nur vor­ge­wor­fen wird, unde­mo­kra­tisch zu sein — was ein biss­chen albern ist, denn genau dafür ist sie ja da. Vor allem wird ihr vor­ge­wor­fen, nicht unde­mo­kra­tisch genug gewe­sen zu sein, indem sie den über­aus mas­sen­taug­li­chen Stamp­fer »Glo­rious« mit immer­hin acht von zwölf Punk­ten bedachte.

Jury­mit­glied Peter Urban erklärte hin­ter­her, warum »Nackert« von LaBrass­Banda bei sei­nen vier Kol­le­gen und ihm durch­ge­fal­len ist: Sie fan­den ein­fach die Qua­li­tät des Songs nicht über­zeu­gend. Dass es ein tol­les und mit­rei­ßen­des Spek­ta­kel ist, wenn die unge­wöhn­li­che Blas­combo live auf der Bühne Party fei­ert, ändere daran nichts.

Ich kann das gut nach­voll­zie­hen, jeden­falls bin ich auch bis zum Schluss nicht warm­ge­wor­den mit die­ser Kom­po­si­tion. Der Unter­hal­tungs­wert, diese Jungs nach Malmö zu schi­cken und zu gucken, wie sie auf die Grand-Prix-Welt rea­gie­ren und die Grand-Prix-Welt auf sie, wäre ver­mut­lich erheb­lich gewe­sen. Aber das war offen­kun­dig nicht das Kri­te­rium, das die Jury bei ihrer Ent­schei­dung anlegte, und das ist womög­lich genau rich­tig so.

Nun also, nach dem Wunsch des Publi­kums und mit dem Wohl­wol­len der Jury, die Dance­floo­ris­ten von Cascada. Das Ergeb­nis macht den Bruch mit der Casting-Show-Phase im Aus­wahl­ver­fah­ren kom­plett. Es wird ein sehr ande­res Eurovisions-Erlebnis wer­den als in den ver­gan­ge­nen Jah­ren: mit einer erfah­re­nen, pro­fes­sio­nel­len und inter­na­tio­nal erfolg­rei­chen Inter­pre­tin und ohne das Gefühl, ein Nach­wuchs­ta­lent auf einem Kar­rie­re­weg ins Unge­wisse zu begleiten.

Man kann Cascada schlecht ihre Pro­fes­sio­na­li­tät vor­wer­fen, und dass ein Titel gewinnt, der einem brei­ten Mas­sen­ge­schmack ent­spricht, ist kein Ver­se­hen, son­dern Prin­zip eines Wett­be­werbs, des­sen Reiz zu einem Groß­teil darin besteht, dass Zuschauer nach ihren ganz sub­jek­ti­ven Kri­te­rien über Musik abstim­men und nicht irgend­wel­che ver­meint­li­chen oder tat­säch­li­chen Fachleute.

Aber jen­seits der Frage, ob es Nata­lie Hor­ler gelin­gen wird, für Malmö ein noch nut­ti­ge­res Kleid zu fin­den, gibt es wenig Anlass, ihrem Auf­tritt im Finale ent­ge­gen­zu­fie­bern. Es blei­ben als Span­nungs­ele­ment natür­lich die Unwäg­bar­kei­ten des Wett­be­werbs: Wie weit ihre inter­na­tio­na­len Fans Cascada nach vorne tra­gen wer­den, und ob die platte Kom­mer­zia­li­tät des Bei­trags sich als Fluch oder Segen her­aus­stel­len wird. Aber das Mit­fie­bern mit einem noch nicht fer­ti­gen Nach­wuchs­künst­ler oder auch der Reiz einer Kon­fron­ta­tion deut­scher (oder baye­ri­scher) Exzen­tri­zi­tä­ten mit dem inter­na­tio­na­len Geschmack, wird fehlen.

Wirk­lich ärger­lich am Sieg Casca­das ist, wie sehr er sich bei »Eupho­ria« bedient hat, Lore­ens Sie­ger­ti­tel aus dem ver­gan­ge­nen Jahr — dem »Vor­bild« des Songs, wie es Peter Urban halb­di­plo­ma­tisch nannte. Das schien auch eine grö­ßere Sorge zu sein bei den (halb)professionellen Grand-Prix-Beobachtern ges­tern in Han­no­ver: Dass man sich nicht bli­cken las­sen könne in Malmö mit etwas, das von den inter­na­tio­na­len Freun­den und Kol­le­gen als kal­ku­lierte Kopie wahr­ge­nom­men wer­den dürfte.

Man kann den Gedan­ken, wie »wir« nun daste­hen in der Welt mit die­sem Bei­trag, natür­lich mit gutem Grund für völ­lig bekloppt hal­ten. Aber der Euro­vi­sion Song Con­test funk­tio­niert als Natio­nen­wett­be­werb, und Cascada tritt in die­ser Logik nicht nur für sich, son­dern »für Deutsch­land« an. Genau diese leicht neu­ro­ti­sche Kom­po­nente — die Frage, wie wir uns der Welt prä­sen­tie­ren wol­len, und die mit Span­nung erwar­tete Ant­wort, wie die Welt das und uns fin­det — macht einen wesent­li­chen Reiz die­ses merk­wür­di­gen Wett­be­werbs aus.

Der ist natür­lich, wenn man ihn nicht wich­tig nimmt, ohne­hin egal. Ich fürchte nur, mir ist er in die­sem Jahr nun auch ega­ler als sonst.

Vom Vor­ent­scheid in Han­no­ver aber bleibt die Erin­ne­rung an eine Show mit erstaun­li­cher dra­ma­tur­gi­scher Wen­dung. Und daran, was Anke Engelke spon­tan zu Peter Urban sagte, als der ihr erzählte: »Ich hab auch schon mal im Fett­näpf­chen geses­sen.« — »Kenn ich gut. Komm rein.«

So wird »Unser Song für Malmö«


Alle Fotos: NDR

Die ARD hat komi­sche Ideen. Sie ver­an­stal­tet heute Abend einen Vor­ent­scheid zum Euro­vi­sion Song Con­test und hat viele Zuta­ten, die einen unter­hal­tungs­wil­li­gen und nicht zwin­gend auf guter Musik beste­hen­den Zuschauer gefal­len kön­nen: eine strenge blonde Frau in Glitzer­stein­bluse, die sich in eine lebende Dis­ko­ku­gel ver­wan­delt; drei Pries­ter, die gemein­sam mit einer klas­si­schen Sän­ge­rin einen Vor­ge­schmack auf die Knö­del­vor­hölle geben; bar­fü­ßige Bay­ern­buam in Leder­hose, die den Saal wegblasen.

Aber bis die­ses Spek­ta­kel anfängt, lässt sie erst ein­mal Loreen auf­tre­ten mit ihrem letzt­jäh­ri­gen Sie­ger­ti­tel »Eupho­ria« — okay, kann man machen, ist auch ganz hilf­reich, um dann den spä­te­ren plum­pen Ver­such von Cascada, unter dem Namen »Glo­rious« den erfolg­rei­chen Song ein­fach noch­mal in platt­ge­stampf­ter Form in den Wett­be­werb zu schmug­geln, bes­ser wür­di­gen zu können.

Dann folgt ein Auf­tritt von Lena Meyer-Landrut, die den Wett­be­werb, um den es hier geht, offen­bar mal gewon­nen hat. Sie singt ein­fach noch ein­mal ihren inzwi­schen drei Jahre alten Hit »Satel­lite«, was man ja nicht oft genug machen… naja, obwohl.

Und dann kommt, um auch die letz­ten Zuschauer dazu zu brin­gen, mal zur Fern­be­die­nung zu grei­fen und nach­zu­schauen, was auf den ande­ren Kanä­len läuft, noch eine län­gere Erklä­rung, was das eigent­lich ist, die­ser »Euro­vi­sion Song Con­test«, was Udo Jür­gens damit zu tun hat, wie die­ser Song »Satel­lite« noch­mal klingt, wo Malmö liegt und wie die Halle aus­sieht, in der der Wett­be­werb in drei Mona­ten statt­fin­den wird.

Aber dann, schät­zungs­weise um kurz nach halb neun, gefühlt eher gegen 22:40 Uhr, geht es los, und was folgt, ist eine abwechs­lungs­rei­che Show, bunt und bekloppt, aber auch erstaun­lich erwach­sen, musi­ka­lisch zeit­ge­mäß und mit vie­len Kan­di­da­ten, für die man sich als deut­sche Ver­tre­ter beim Euro­vi­sion Song Con­test nicht schä­men müsste.

Einen Hype oder eine hef­tige Auf­merk­sam­keits­welle des Bou­le­vards gibt es in die­sem Jahr nicht, aber das spricht para­do­xer­weise gar nicht gegen die Ver­an­stal­tung. Es ist eher Folge davon, dass die ARD dar­auf ver­zich­tet hat, sich von der Musik­in­dus­trie einen Rudolf Mos­ham­mer oder Zlatko Trpkov­ski in die Show schi­cken zu las­sen, son­dern eher tat­säch­lich inter­es­sante Nach­wuchs­ta­lente. Die Frage ist natür­lich, wie­viele Leute eine Show ein­schal­ten, die sich so ver­gleichs­weise unauf­fäl­lig ankündigt.

Für die meis­ten Künst­ler ist es eine sehr ernst gemeinte Chance, sich ein­mal zur Prime-Time einem grö­ße­ren Publi­kum mit ihrer Musik bekannt machen zu kön­nen. Aus den Vor­stel­lungs­fil­men vor ihren Auf­trit­ten kann man manch­mal die Ver­spannt­heit erah­nen, die aus dem Bemü­hen ent­steht, diese Chance bloß zu nutzen.

Die öster­rei­chi­sche Soul-Sängerin Saint Lu schafft es, sich in den ein­ein­halb Minu­ten um sämt­li­che noch nicht gehab­ten Sym­pa­thien zu reden, was aber nicht sehr scha­det, weil ihr affek­tier­ter Auf­tritt mit über­aus durch­drin­gen­dem Gesang kurz dar­auf zumin­dest bei mir einen ähn­li­chen Effekt hatte.

Die Söhne Mann­heims haben einen Film gedreht, der so breit­wan­dig und breit­bei­nig daher kommt, dass mein Iro­nie­de­tek­tor im Gehirn die ganze Zeit auf­ge­regt fla­ckerte, bis zuletzt aber zu kei­nem ein­deu­ti­gen Ergeb­nis kam, was zu einem leicht hys­te­ri­schen Kichern führte.

Der Elek­tro­pop­per Ben Ivory immer­hin lässt in sei­nem Selbst­por­trait keine Frage, dass er For­mu­lie­run­gen wie »Selbst ein ein­zi­ges Lied kann Mau­ern ein­rei­ßen« bier­ernst meint. Offen­bar ist auch die Bot­schaft sei­nes Songs »We are the righ­teous ones« exakt so gemeint: Wir sind die Recht­schaf­fe­nen. Puh. Aber tolle Laser­show dann.

Die leicht folk­pop­pige Num­mer »Little Sis­ter« von Mobilée war im Vor­feld einer mei­ner Favo­ri­ten, aber es spricht wenig dafür, dass die Sän­ge­rin aus­ge­rech­net in der Final­sen­dung dann mal die pas­sende Ton­art fin­det und in ihr bleibt.

Mein per­sön­li­cher Favo­rit ist, auch zu mei­ner eige­nen Über­ra­schung, »Heart on the Line« von Blitz­kids mvt. gewor­den, eine Groß­raum­dis­ko­n­um­mer, die in der Halle mit ent­spre­chen­dem Wumms fan­tas­tisch kommt, sich aber ver­mut­lich über den Fern­se­her nur über­trägt, wenn man die Laut­stärke voll auf­dreht. Die Künst­ler­at­ti­tüde der Gruppe ist viel­leicht ein biss­chen ange­strengt, aber ihr Auf­tritt ist gro­ßes Kino.

Betty Dittrich singt einen Sechziger-Jahre-Schlager, der so ein­gän­gig ist, dass man ihn schon nach drei Sekun­den mit­sin­gen kann und dafür drei Tage nicht mehr aus den Ohren bekommt. Ihr »Lalala« ist von größ­ter Bana­li­tät, aber diese Schlicht­heit kommt mit soviel Charme und guter Laune daher, dass ich mir vor­stel­len kann, dass das ganz vorne landet.

Cascada und die Söhne Mann­heims müs­sen wohl schon auf­grund ihrer gro­ßen Zahl von Fans — lei­der — als Mit­fa­vo­ri­ten gel­ten. Und dann sind da noch LaBrass­Banda, nach deren Auf­tritt in der Gene­ral­probe Grand-Prix-Superexperte Lukas Hein­ser sowie Imre Grimm, der Lena-Sonderbeauftragte der »Han­no­ver­schen All­ge­mei­nen Zei­tung«, spon­tan einen Sieg vor­her­sag­ten. (Ich hab dage­gen gehal­ten, was beide lachend als Bestä­ti­gung nah­men, rich­tig zu liegen.)

Jeden­falls, LaBrass­Banda. Das wäre wun­der­bar, diese Musik-Verrückten ins inter­na­tio­nale Finale zu schi­cken, ich wäre prin­zi­pi­ell dafür, und die Arena in Han­no­ver wird ganz sicher bren­nen nach ihrem Auf­tritt. Ich werde nur lei­der mit ihrem ner­vi­gen Song über­haupt nicht warm.

Mia Die­kow singt ein Lieb­lings­lied, das von Frank Ramon geschrie­ben wor­den sein könnte (und ich meine das nicht im Posi­ti­ven). Sie trägt es in einer Cho­reo­gra­phie vor, die von Ralph Sie­gel stam­men könnte. Das will man auch nicht.

Und »Change« von Finn Mar­tin könnte ein ganz okayer Pop­song sein, würde er nicht von die­sem Grinse­pe­ter vor­ge­tra­gen, des­sen Haare allein mir eine faire Bewer­tung schon unmög­lich machen.

Über Nica & Joe möchte ich bitte nicht reden, weil ich mich dazu wie­der an den Auf­tritt erin­nern müsste, und bei den Pries­tern & Mojca Erd­mann ist meine größte Sorge, dass es irgend­wel­che Ramm­stein– oder gar Unheilig-Fans in grö­ße­rer Zahl geben könnte, die dafür stimmen.

Ich habe keine Ahnung, wer gewinnt, lege mich aber jetzt ein­fach mal fest:

1. Betty Dittrich
2. Cascada
3. Söhne Mann­heims
4. LaBrass­Banda
5. Finn Mar­tin
6. Blitz­kids mvt.
7. Mobilée
8. Saint Lu
9. Die Pries­ter & Mojca Erd­mann
10. Mia Die­kow
11. Nica & Joe
12. Ben Ivory

Der eigent­li­che Gewin­ner des Abends wird aber mal wie­der Anke Engelke sein. Der größte Teil der media­len Auf­merk­sam­keit im Vor­feld galt ihr, der Mode­ra­to­rin, und die Show wird zei­gen: völ­lig zurecht. Sie hat sich mit einer sol­chen Lust, Lei­den­schaft und Leich­tig­keit durch die Gene­ral­probe mode­riert, dass sie sich hin­ter­her hof­fent­lich vor Show-Angeboten nicht ret­ten kann, die sie nicht ableh­nen kann.

Also, wenn ich nicht in der Halle säße: Ich würd’s ein­schal­ten. Und das wirk­lich nicht nur aus Grün­den der Konträrfaszination.

  • Unser Song für Malmö, gleich, 20.15 Uhr, ARD.

(Ich werde ver­su­chen, aus der Halle zu twit­tern: @niggi)

Wie die Eurovision Schwulenfeinden nicht entgegentritt

Ich hatte eigent­lich nicht erwar­tet, dass sich meine Ver­ach­tung für die Euro­päi­sche Rund­f­un­ku­nion (EBU) nach ihrem Kotau vor der aser­baid­scha­ni­schen Regie­rung noch stei­gern las­sen könnte. Tat­säch­lich ist das gerade passiert.

Heute haben Hacker die Grand-Prix-Nachrichten-Seite esctoday.com zer­stört. Sie hin­ter­lie­ßen unter ande­rem eine Gra­fik mit fol­gen­dem Text:

“Was brin­gen Schwule nach Aser­baid­schan? Was wird in aser­baid­scha­ni­schen Fami­lien nach der Gay Parade pas­sie­ren? Es gibt kei­nen Platz für unmo­ra­li­sche Schwule in Aser­baid­schan. Ver­lasst unser Land. Kein Platz in Aser­baid­schan für Schwule, die aus­se­hen wie Tiere.”

Das Eurovisions-Blog von »Prinz« hat dar­auf­hin die EBU als Ver­an­stal­te­rin des Euro­vi­sion Song Con­test um eine offi­zi­elle Stel­lung­nahme gebe­ten. Die Kol­le­gen erhiel­ten fol­gende Ant­wort:

»Es ist natür­lich sehr bedau­er­lich für diese Web­sites und die enga­gier­ten Leute, die sie betrei­ben, dass sie die Angriffe von Hackern erlei­den. Diese sehen den Grund für ihre Taten in unkor­rek­ten Infor­ma­tio­nen. Wir sind hier, um den Euro­vi­sion Song Con­test zu orga­ni­sie­ren, und nicht eine Gay Parade. Wie immer exis­tiert ein soli­des Sicher­heits­kon­zept für den Euro­vi­sion Song Con­test, und wir haben bereits im ver­gan­ge­nen Jahr ent­spre­chende Garan­tien von den rele­van­ten Behör­den erhal­ten, unter­schrie­ben vom Pre­mier­mi­nis­ter Aser­baid­schans. Wir haben Ver­trauen in ihre Arbeit und freuen uns auf einen erfolg­rei­chen Euro­vi­sion Song Con­test 2012 in Baku.«

Mal abge­se­hen von der holp­ri­gen Übersetzung:

Das Pro­blem besteht nach Ansicht der EBU nicht darin, dass Leute etwas gegen Schwule haben und tun, son­dern dass sie den Euro­vi­sion Song Con­test mit einer schwu­len Ver­an­stal­tung verwechseln?

Die EBU ver­ur­teilt nicht die Homo­pho­bie, son­dern bedau­ert das (nur bedingte) Miss­ver­ständ­nis, den Grand-Prix für schwul zu halten?

Die EBU ruft nicht: »Lasst uns gemein­sam gegen Schwu­len­feinde und für Tole­ranz und Akzep­tanz kämp­fen«, son­dern: »Wir sind gar nicht schwul«?

Und dann ist es ihr nicht ein­mal pein­lich, dem noch das übli­che PR-Gewäsch hin­zu­zu­fü­gen, dass ja nichts pas­sie­ren kann, weil es ihr die Regie­rung Aser­baid­schans ja ver­spro­chen hat?

Der Tag kann nicht mehr fern sein, an dem die EBU sich bei ihrem fort­schrei­ten­den Bemü­hen, sich zu nichts zu ver­hal­ten, auch von sich selbst dis­tan­ziert. Dann wird sie erklä­ren, nichts mit sich zu tun zu haben, aber dar­auf zu ver­trauen, dass irgend­wel­che Regie­run­gen zu ihren Garan­tien ste­hen, dass alles gut sein wird. Mit etwas Glück löst sie sich zeit­gleich auf.

Die EBU ist eine Ver­ei­ni­gung von Rund­funk­an­stal­ten mit öffent­li­chem Auf­trag. Deut­sche Mit­glie­der sind ARD und ZDF.

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