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Jury aus Aserbaidschan beeindruckt wieder im Synchronabstimmen

27 Mai 15
27. Mai 2015

Wo gerade wieder über den Unsinn der Jurys beim Eurovision Song Contest diskutiert wird: Die aus Aserbaidschan hat in diesem Jahr wieder eine erstaunliche Leistung in der besonderen Disziplin des Synchronabstimmens erbracht.

Die fünf Juroren, die eigentlich unabhängig voneinander über die Beiträge abstimmen sollen, waren sich in verblüffendem Ausmaß einig, wie jedes der 26 Länder zu bewerten ist. Es gab keinen einzigen Titel, bei dem die Mitglieder der Jury unterschiedlicher Meinung waren, ob er herausragend, unterirdisch oder mittelmäßig war. Es gab keinen einzigen Juror, der mal aus dem Konsens ausbrach und ein Stück gut bewertete, das seine Kollegen schlecht bewerteten.

Das ist bei 26 Titeln schon ein Kunststück.

Nun ist es nicht so, dass die Juroren aus Aserbaidschan allen Titeln dieselbe Punktzahl gaben. Das wäre auch keine gute Idee, denn das drohte wegen des Verdachtes der Manipulation, dass ihr Votum gar nicht gewertet würde. Das ist im vergangenen Jahr in Georgien passiert. (In diesem Jahr annulierte die Eurovision die Voten der Jurys aus Montenegro und Mazedonien.)

Die Juroren aus Aserbaidschan geben allen Titeln nur ungefähr dieselbe Punktzahl. Beim Lied aus Georgien liegt die Spannbreite ihrer Wertungen von Platz 1 bis 5, bei Italien und Slowenien von 2 bis 6, bei Schweden von 6 bis 8, bei Montenegro von 8 bis 11, bei Spanien von 14 bis 16, bei Österreich von 18 bis 20, bei Großbritannien von 22 bis 24.

Lied Juroren Ø σ
Russland 3 4 1 2 1 2,2 1,17
Georgien 1 2 3 4 5 3,0 1,41
Israel 2 6 5 1 4 3,6 1,85
Slowenien 5 3 4 6 2 4,0 1,41
Lettland 7 1 7 3 3 4,2 2,40
Italien 4 5 2 5 6 4,4 1,36
Schweden 6 7 6 7 8 6,8 0,75
Litauen 8 9 10 8 7 8,4 1,02
Montenegro 10 11 8 11 9 9,8 1,17
Ungarn 9 8 11 10 13 10,2 1,72
Estland 12 10 9 9 15 11,0 2,28
Serbien 13 12 13 12 10 12,0 1,10
Rumänien 11 14 12 14 11 12,4 1,36
Albanien 14 13 14 13 12 13,2 0,75
Spanien 16 15 16 16 14 15,4 0,80
Polen 15 16 15 18 16 16,0 1,10
Griechenland 18 18 17 17 17 17,4 0,49
Australien 17 19 19 15 19 17,8 1,60
Belgien 20 17 20 19 18 18,8 1,17
Österreich 19 20 18 20 20 19,4 0,80
Norwegen 21 22 21 22 21 21,4 0,49
Frankreich 22 21 22 21 23 21,8 0,75
Großbritannien 24 23 23 24 22 23,2 0,75
Zypern 23 24 24 23 24 23,6 0,49
Deutschland 25 25 25 25 25 25,0 0,00
Armenien 26 26 26 26 26 26,0 0,00

Votum der 5 aserbaidschanischen Juroren, Durchschnitt (Ø), Standardabweichung (σ).

(Dass alle Juroren Armenien auf den letzten Platz gesetzt haben, ist hingegen so etwas wie traurige staatsbürgerliche Pflicht in Aserbaidschan. Aserbaidschanische Fernsehzuschauer, die vor ein paar Jahren für den Erzfeind abstimmten, bekamen massiven Ärger.)

Dass fünf unterschiedliche Menschen mit ihren 26 Voten so eng beieinander liegen, ist überraschend, wenn sie sich nicht abgesprochen haben oder entsprechend instruiert wurden. Und denselben Effekt gab es in Aserbaidschan auch im vergangenen Jahr schon. Damals war er sogar noch ein bisschen extremer.

Wie sehr das Abstimmungsverhalten in Aserbaidschan — genauer gesagt: die Nähe der Stimmen der einzelnen Juroren zueinander — von dem der anderen Länder abweicht, zeigt sich, wenn man die durchschnittliche Standardabweichung σ bei den 26 Kandidaten mit der der anderen Länder vergleicht. (Die Standardabweichung ist das statistische Maß, das angibt, wie weit die einzelnen Werte im Schnitt vom Mittelwert abweichen. Zur Verdeutlichung: Wenn alle Juroren dieselbe Punktzahl vergeben, ist die Standardabweichung 0. Angenommen, von vier Juroren geben zwei zwei Punkte und zwei vier Punkte, ist der Mittelwert drei Punkte und die Standardabweichung davon 1 Punkt.)

Jury Standard–
abweichung
Aserbaidschan 1,08
Norwegen 2,73
Schweden 2,82
Armenien 2,86
Rumänien 3,04
Serbien 3,05
Österreich 3,10
Niederlande 3,12
Litauen 3,27
Portugal 3,32
Deutschland 3,34
Spanien 3,34
Belgien 3,61
Estland 3,69
Weißrussland 3,71
Island 3,71
Slowenien 3,77
Großbritannien 3,77
Albanien 3,89
Malta 3,98
Schweiz 4,01
Dänemark 4,09
Moldau 4,16
Italien 4,18
Zypern 4,21
Israel 4,26
Polen 4,28
Australien 4,31
Finnland 4,34
Ungarn 4,39
San Marino 4,42
Frankreich 4,45
Tschechien 4,59
Griechenland 4,64
Irland 4,73
Lettland 4,78
Russland 4,96
Georgien 5,10

Übrigens gibt es auch bei der deutschen Jury wieder eine erstaunliche Übereinstimmung: Alle Juroren (die sich, wie gesagt, nicht absprechen dürfen) setzten Lettland an die erste Stelle. Im vergangenen Jahren haben alle damaligen deutschen Juroren den ersten und den zweiten Platz gleich gewählt. Der deutsche Grand-Prix-Chef Thomas Schreiber schert sich traditionell nicht besonders um die Vorgabe, dass die Jury möglichst ausgewogen besetzt sein soll, was Geschlecht, Alter und Hintergrund angeht.

(Hinweis: Eine geringe Standardabweichung beweist nicht, dass das Ergebnis einer Jury in irgendeiner Weise manipuliert wurde. Die statistische Auswertung zeigt nur Auffälligkeiten, vielleicht Indizien. Streng genommen wäre es auch kein Beweis einer Manipulation, wenn alle Juroren eines Landes alle Länder exakt gleich bewertet hätten. Aber doch ein Anlass zum Zweifeln.)

Ein Sieg der Möglichkeiten

18 Mai 14
18. Mai 2014
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Der Erfolg von Conchita Wurst beim Eurovision Song Contest macht es für alle, die anders sind als die anderen, ein kleines bisschen leichter und den Gegnern von Freiheit und Vielfalt schwerer.

Das Gefühl kommt von ganz innen und es ist so stark, dass es sich in einem körperlichen Abwehrreflex äußert. Würgen muss der Publizist Jürgen Elsässer, wenn er Conchita Wurst sieht. Ekel nennt er das, was er empfindet. Und selbst, wenn er wollte, schreibt er, könnte er nichts dagegen tun: „Bei Conchita Wurst wirken bei mir nicht nur politische Abwehrreflexe, sondern meine jahrmillionenalte DNS rebelliert.“

Irgendwelche Ur-Ängste muss der Anblick dieser bärtigen Frauengestalt bei Elsässer auslösen; irgendetwas in seiner Veranlagung, das von Jahrhunderten der Evolution, der Aufklärung, der Zivilisation unbeeinflusst blieb, schlägt Alarm. Das Gute an Leuten wie ihm ist, dass sie ihre Homophobie nicht verbrämen, dass sie nicht herumdrucksen wie andere, denen es womöglich ähnlich geht, sondern ihre Ablehnung in schärfster, fundamentaler Klarheit formulieren. Da weiß man, woran man ist.

Aber die Zeiten haben sich geändert, das hat der Sieg von Conchita Wurst beim Eurovision Song Contest gezeigt. Der Ekel von Elsässer und seinen Leidensgenossen, er führt nicht mehr zu der Frage, wie krank so ein Geschöpf wie Conchita Wurst ist. Sondern zu der Frage, wie krank diejenigen sind, die sich so sehr davor ekeln. Was ihnen fehlt, dass sie es nicht schaffen, den Moment der Verstörung zu überwinden, den der Anblick einer bärtigen Frau auslöst, und die Verwirrung, dass diese Frau auch noch ein Mann ist, und sich mit nüchterner Rationalität zu fragen, was genau daran so furchteinflößend, so bedrohlich, so eklig sein soll. Warum sie glauben, dass man Kinder vor diesem Anblick schützen müsse. Welche Streiche ihre Fantasie ihnen spielt, wenn sie im Auftritt einer Drag Queen im langen, eleganten Kleid eine Art perversen Porno sehen.

„Die tut euch doch nichts“, möchte man ihnen zurufen und sie in den Arm nehmen (wenn die Vorstellung nicht auch ein ganz bisschen abstoßend wäre). Aber das würden sie eh nicht glauben. Sie sehen den Sieg von Conchita Wurst als Teil einer gigantischen Verschwörung zur Gehirnwäsche der Menschen. Der überall Verschwörungen witternde Journalist Gerhard Wisnewski
sieht in der Figur den „bisherigen Gipfel eines Umerziehungsprogramms“, den „Höhepunkt der psychologischen Kriegführung gegen das normale menschliche Empfinden und die schöpferische Ordnung von Mann und Frau.“

Sie tun so, hätte Tom Neuwirth sich als Conchita Wurst auf die Bühne gestellt, um zu sagen: Ihr müsst jetzt alle so werden wie ich. Dabei ist seine Botschaft eine andere: Ihr könnt auch so sein wie ich; vor allem aber könnt ihr so sein, wie ihr seid und sein wollt.

Dass Österreich mit Conchita Wurst den Eurovision Song Contest gewonnen hat, ist deshalb so erfreulich, weil es den Bereich des Möglichen erweitert hat. Vorher war es für viele nicht vorstellbar, dass ein schwuler Mann, der in dieser provokanten und plakativen Form mit Geschlechterrollen spielt, in ganz Europa vom Publikum gewählt werden könnte. Conchita Wurst und die Menschen in Nord– und Süd-, West– und Ost-Europa haben gezeigt: Das ist möglich.

Es ist ein Sieg der Freiheit und der Vielfalt. Und es wäre ein grandioses Missverständnis, ihn umzuinterpretieren zu einer Verengung der Möglichkeiten, zu einer Pflicht, nun „so“ sein zu müssen, um den Grand-Prix zu gewinnen, oder die Figur der Conchita Wurst oder ihren Auftritt gut finden zu müssen.

Béla Anda hat das in besonders atemberaubender Weise getan. Der stellvertretende Chefredakteur der „Bild“-Zeitung, der in der zweiten rot-grünen Koalition Chef des Bundespresseamtes sein durfte, beklagte sich in der vergangenen Woche, dass er „den Auftritt einer Dragqueen mit Bart jetzt schon gut finden MUSS“: „Es gibt keinen Kanal, keine Möglichkeit, sich dagegen zu artikulieren, und keinen Weg zu sagen: Das gefällt mir nicht“, artikulierte sich Anda dagegen in dem größten Kanal, den deutsche Online-Medien zu bieten haben: auf Bild.de.

Anda geht es ähnlich wie Elsässer, nur dass er es nicht so deutlich ausspricht. „Einige meiner besten Freunde sind homosexuell“, schrieb er (und der einzige Satz, der noch trauriger ist, ist natürlich der, den seine homosexuellen Freunde sagen müssen: „Einer meiner besten Freunde ist Béla Anda“). Trotzdem sträube sich „alles“ in ihm, wenn er Conchita Wurst lese (sic!): „Ein Bart im Gesicht einer Frau, noch dazu ein Vollbart, stört mich, stört mein ästhetisches Empfinden, stört auch mein Rollenverständnis von Mann und Frau.“ In Béla Andas Rollenverständnis hat der Mann die Hosen an und die Frau den Bart ab.

Das wird man vermutlich weder ändern können noch wollen, und es geht auch nicht darum, Andas „ästhetisches Empfinden“ anzugreifen. Es geht darum, dass das, was in der Öffentlichkeit stattfindet, sich nicht (mehr) diesem ästhetischen Empfinden unterordnen muss. Er muss Conchita Wurst oder andere Menschen, die seinem „Rollenverständnis“ nicht entsprechen, nicht gut finden. Aber er muss akzeptieren, dass es sie gibt und dass sie sich nicht verstecken und Respekt fordern. Und sogar Preise gewinnen und Sympathien der Massen.

Nach dem überraschenden Erfolg von Conchita Wurst machte schnell der Begriff vom „Sieg der Toleranz“ die Runde. Der ist problematisch. „Toleranz“, das Hinnehmen von etwas, das man eigentlich nicht mag, trifft es eigentlich gar nicht, denn die Menschen, die abgestimmt haben, haben die Sängerin ja offenkundig gemocht und positiv umarmt. Der Grund dafür ist fast egal: Ob es nun die Musik war, die Show, der Unterhaltungswert des Gesamtpaketes inklusive der schillernden Persönlichkeit des Künstlers. Die Menschen wollten, dass er, dass sie gewinnt. Vermutlich wollten die meisten kein politisches Statement damit abgeben — aber das wurde es auch so, durch das Ergebnis, allein dadurch, dass sie zeigten, dass sie eine solche Erscheinung nicht „eklig“ finden.

Das Wort vom „Sieg der Toleranz“ ist aber auch problematisch, weil es suggeriert, dass jeder andere Platz eine Niederlage für die Toleranz gewesen wäre; dass man also als aufgeklärter Zuschauer für Conchita Wurst stimmen musste. Das ist natürlich Unsinn — auch wenn einige aufgebrachte Fans hinterher die deutsche Jury dafür beschimpften, dass sie Österreich keinen Punkt gegeben hätte. Es wäre auch ein Sieg gewesen, wenn Conchita Wurst hinter den Niederlanden auf dem zweiten Platz gelandet wäre. Oder dem zehnten.

Es war schon ein Sieg, dass sie es ins Finale geschafft hatte und somit ihr Auftritt in ganz Europa ausgestrahlt wurde, auch in Russland und Weißrussland, mitsamt der euphorischen Reaktion in der Halle, mitsamt dem Geplauer in der Pause, als sich die Moderatorin zu ihr setzte und mit ihr scherzte und lachte und zeigte, dass man sie nicht mögen muss, aber kann, weil sie ein Mensch ist, und dass das ganz einfach ist. Und: ein Spaß.

Es wäre keine Niederlage der Toleranz gewesen, wenn Conchita Wurst zweite oder zehnte geworden wäre, aber so ist es natürlich noch schöner. Die ganzen Österreicher, die im Vorfeld öffentlich gewettert hatten, dass man mit diesem Vertreter keinen Blumentopf gewinnen könne und sie das Land blamieren werde, mussten sich nämlich nun eine neue Argumentation suchen. Sie werden auch damit leben müssen, dass Conchita Wurst eine Art Botschafterin Österreichs in der Welt geworden ist, dank eines Wettbewerbs, den man natürlich als Unsinn abtun und ignorieren kann und auch nicht mögen muss.

Auch in der Östereichischen Politik hat Conchita Wurst mit ihrem Sieg etwas möglich gemacht. Nun wird dort über eine Gleichstellung von homosexuellen Partnerschaften mit der Ehe geredet. Das ist natürlich in keiner Weise eine zwingende Konsequenz aus dem Sieg beim ESC; vor allem die Sozialdemokraten nutzen einfach, rechtzeitig vor den Europa-Wahlen, die Gunst der Stunde. Aber genau diese Gunst der Stunde ist eben entstanden durch diesen komischen Wettbewerb und seinen besonderen Sieger.

In der Debatte, in Österreich, in Deutschland, in Europa, verständigen sich die Gesellschaften, was für sie akzeptabel ist und was nicht. Es sieht so aus, als ob es schwer wird für die Homophoben, eine bärtige Frau als inakzeptabel zu verdammen. Andererseits kann es sich der Rapper Sido, Mitglied der offiziellen deutschen Jury beim Eurovision Song Contest, noch leisten, dass auf seiner Facebook-Seite eine Vielzahl von Kommentatoren wüste Beschimpfungen inklusive Todeswünschen gegen Conchita Wurst ausspricht.

Die sich für normal haltenden Kämpfer gegen Toleranz und Vielfalt, sie sind in der Defensive. Sie sehen sich nicht nur überwältigt von Menschen und Medien, die ihre Ressentiments nicht teilen. Sie glauben auch, dass, wer „normal“ ist wie sie, diskriminiert wird. Als ob es überraschend wäre, dass ein Paradiesvogel, ein Hingucker, mit einer großen bunten Show und Geschichte, bessere Chancen hat auf der großen, bunten, skurillen Bühne des ESC. Als wäre es irgendwie Schiebung, wenn ein Mann als Frau mit einem Bart in ein Rennen um die besten drei Minuten Unterhaltung geht.

Umgekehrt bedeutete das natürlich auch, dass es falsch wäre, aus dem Votum zu weitreichende Schlussfolgerungen über die tatsächliche Toleranz gegen andersartigen Menschen im Alltag zu ziehen.

Tom Neuhaus wird unterstellt, dass seine Conchita Wurst nur ein Marketinggag ist. Das ist ohnehin ein merkwürdiger Vorwurf. Aber die Überzeugungskraft dieser Figur kommt auch daher, dass sie eben nicht nur eine Kunstfigur ist, sondern Teil der Persönlichkeit des Künstlers. Und eine Reaktion darauf, als schwuler, sich gerne weiblich kleidender Mann diskriminiert worden zu sein. Neuhause hat auf die Anfeindungen nicht defensiv reagiert, sondern ist mit Conchita Wurst in die größtmögliche Offensive gegangen.

Der Sieg von Conchita Wurst hat etwas bewirkt: Sie hat es für alle, die anders sind als die anderen, ein kleines bisschen leichter gemacht, das zu sein, was sie sind oder gerne wären. Man muss sie nicht mögen. Aber man kann sich schon freuen über die Niederlage der Menschen, die diese Freiheit und Vielfalt ablehnen.

Grand Prix Eurovision de la Manipulation: ESC zu kaufen?

23 Mai 13
23. Mai 2013

Sagen wir so: Wenn in den nächsten Tagen Mitglieder der diesjährigen aserbaidschanischen Eurovisions-Jury leblos ans Ufer des kaspischen Meeres angespült würden, wäre es keine große Überraschung. Die sind nämlich offenkundig verantwortlich für das schändliche Null-Punkte-Votum Aserbaidschans für den russischen Beitrag. Der aserbaischanische Außenminister musste sich dafür vom russischen Außenminister öffentlich heftige Vorwürfe anhören.

Das Regime sieht die Schuld allerdings anscheinend bislang noch beim Ausrichter des Grand-Prix, der EBU. Die habe Russland um die Stimmen Aserbaidschans betrogen.

Die Politiker haben sogar etwas, das wie ein Beweis aussieht: Die aserbaidschanische Regierung hat sich bei den Telefongesellschaften des Landes die Abstimmungsergebnisse besorgt, und danach lag der russische Beitrag in der aserbaidschanischen Publikumsgunst auf dem zweiten Platz. Dass das Land trotzdem keinen einzigen Punkt an Russland vergab, ließe sich nur durch eine skandalöse Verschwörung oder wenigstens einen Fehler bei den westlichen Verantwortlichen erklären.

Die Nachrichtenagentur AFP (blind übernommen von „Spiegel Online“ und anderen) macht sich die aserbaidschanisch-russische Regierungspropaganda gleich zu eigen, spricht vom abweichenden „tatsächlichen“ Abstimmungsergebnis der Aserbaidschaner und einer „jetzt publik gewordene[n] Panne“, als handele es sich tatsächlich um eine solche.

Die EBU bestreitet das aber vehement und glaubwürdig. Denn das Votum des Publikums macht nur die Hälfte der zu vergebenen Punkte eines Landes aus. Die andere Hälfte wird von fünf Juroren bestimmt. Denen muss der russische Beitrag so wenig gefallen haben, dass sie ihn weit nach unten platzierten. In der Addition von Jury– und Zuschauer-Votum sei Russland nicht unter die Top-Ten Aserbaidschans gekommen, sagt die EBU. Das Votum der Juroren sei notariell beglaubigt.

Das ist natürlich undenkbar in einem Land wie Aserbaidschan: dass Juroren bei einem solchen internationalen Wettbewerb ihrem eigenen Urteil folgen und nicht der Staatsraison. Genau so erwartet die EBU das zwar von den Beteiligten. Aber sie könnte die Betroffenen nun, nachdem sich der Staat die Televoting-Ergebnisse besorgt hat und daraus das Jury-Urteil rekonstruieren kann, auch nicht vor Repressionen schützen. Dass die Leute in ihrem Land nie wieder in irgendeiner offiziellen Jury sitzen werden, darf man als sicher annehmen — es ist aber auch die harmloseste mögliche Folge.

So politisch ist der Grand-Prix in machen Ländern, so wichtig. Ich komme gleich nochmal drauf zurück.

Vorher aber ein Ausflug in die Statistik. Dass ein Beitrag, der beim Publikum weit vorne landet, trotzdem ohne Punkte ausgehen kann, ist nämlich Folge einer im Vorfeld kaum beachteten Regeländerung. Bislang wurden für jedes Land die Jury– und Televoting-Ergebnisse einzeln in die üblichen ESC-Punkte 12, 10, 8, 7, 6, 5, 4, 3, 2, 1 umgerechnet und dann addiert, um die Gesamtreihenfolge zu bestimmen. Dadurch wurden beim Mitteln jeweils nur die zehn Favoriten von Jury bzw. Publikum berücksichtigt.

In diesem Jahr wurden erstmals alle 26 Länder in die Reihenfolge ihres jeweiligen Abschneidens bei Jury und Publikum gebracht, bevor sie addiert wurden. Das klingt nach einer marginalen Änderung, aber die Wirkung ist erheblich, wenn Jury– und Publikums-Votum sich deutlich unterscheiden.

Ein Titel, der bei der Jury komplett durchfiel, lag früher rechnerisch vor der internen Addition nicht schlechter als auf Platz 11. Dadurch hatte er, wenn das Publikum ihn liebte, immer noch gute Chancen, insgesamt unter den Top Ten und also im Punktebereich zu landen. Das ist nach der neuen Rechenmethode nicht mehr unbedingt der Fall. Setzt die Jury den Publikumsliebling zum Beispiel auf Platz 18 oder 26, hat er trotz einer Höchstwertung von den Zuschauern kaum eine Chance, insgesamt in den Bereich der Punkte eines Landes zu kommen.

Genau das ist offenkundig in Aserbaidschan passiert: Ein Platz sehr weit hinten in der Jury-Rangliste sorgte dafür, dass Russland trotz eines zweiten Platzes im Publikumsvoting keine Punkte aus Aserbaidschan bekam — so unwahrscheinlich das klingen mag.

In Italien ist etwas ähnliches passiert. Die RAI hat freundlicherweise die Televoting-Ergebnisse veröffentlicht. Danach haben im Finale sagenhafte 23,2 Prozent der Anrufer in Italien für Rumänien gestimmt. Trotzdem bekam der rumänische Beitrag nur einen Punkt. Bei den Juroren muss er auf einem der letzten Plätze gelandet sein.

Dieses Maß an Relativierung ist von der EBU gewollt: Extrem populäre Geschmacksausreißer wie Lordi 2006 sollen keine Chance mehr haben. Die neue Additionsweise der Jury– und Zuschauer-Stimmen pro Land begünstigt Konsenskandidaten — aber eben auch Verschwörungstheorien wie die in Aserbaidschan und ein zumindest gefühltes Gerechtigkeitsproblem: Soll ein Beitrag, der in einem Land auf so breite Unterstützung bei den Anrufern stößt wie Rumänien jetzt in Italien wirklich von fünf Einzelpersonen in der Jury so heruntergestuft werden können?

Helfen würde es, wenn die EBU die nationalen Einzelergebnisse von Jurys und TED getrennt veröffentlichen würde, damit man das Gesamtvotum wenigstens nachvollziehen kann. Andererseits wäre dann der Druck auf die Jurys in undemokratischen Ländern wie Aserbaidschan, sich für ein politisch unabhängiges Votum rechtfertigen zu müssen, noch größer.

Die Eurovisions-Verantwortlichen haben noch andere Gründe, solche Transparenz abzulehnen. Sie würde auch andere Unzulänglichkeiten im Abstimmungsprozess gnadenlos öffentlich machen. Zum Beispiel, wenn die Teilnahme am Televoting in einem Land so niedrig war, dass die Zuschauerstimmen nicht in die Wertung eingingen. Die EBU gibt weder die Höhe des notwendigen Quorums bekannt noch die Länder, die daran jeweils gescheitert sind. Es ist aber angeblich kein seltener Fall, dass aus diesem Grund nur das Jury-Ergebnis eines Landes gewertet wurde.

Wären die Fälle mit so niedriger Abstimmungs-Teilnahme konkret bekannt, so die Argumentation der EBU, würde man es potentiellen Betrügern zu leicht machen. Sie könnten sich diese Länder herauspicken, um zu versuchen, mit relativ wenigen zusätzlichen, gekauften Stimmen das Ergebnis zu beeinflussen.

Ein mit versteckter Kamera gefilmtes Video soll zeigen, wie Aserbaidschan das in Litauen versucht hat. Auffällige (und nicht allein durch Nachbarschaft oder kulturelle Ähnlichkeiten erklärbare) Abstimmungsergebnisse gibt es einige. So gibt Malta seit vier Jahren plötzlich Aserbaidschan im Finale konsequent zwölf Punkte.

Die Kölner Firma digame, die für die Abwicklung des Votings zuständig ist, hat Mechanismen eingebaut, die Manipulationen erschweren sollen. Das System registriert ungewöhnliche Zusammenballungen, wenn, sagen wir, in einem kleinen Ort in Irland plötzlich abweichend vom Trend Hunderte Anrufe für Aserbaidschan abgegeben werden. Solche Stimmen werden aussortiert. EBU-Verantwortliche räumen allerdings ein, dass das System bei einem gut und geschickt organisierten Stimmenkauf machtlos ist — und in kleineren Ländern ist der Aufwand dafür für jemanden, der daran interessiert wäre, durchaus überschaubar.

Es sind wohl weniger die Fernsehsender oder Staaten selbst, die hinter solchen Manipulationsversuchen stehen. Ein Interesse daran, ein Land mit allen Mitteln zum Sieg zu bringen, könnten vor allem regierungsnahe Organisationen oder Wirtschaftsverbände haben, die sich davon Vorteile von der Aufmerksamkeit und dem möglichen Imagegewinn versprechen. Länder mit schlechtem Image oder EU-Anwärter sind besondere Kandidaten dafür.

Unabhängig davon, ob sich die Berichte aus Litauen als zutreffend herausstellen, scheint die EBU ein echtes Problem darin zu sehen, diese Form der Manipulation des Ergebnisses zuverlässig zu verhindern.

Anstatt Zuschauerstimmen zu kaufen, bietet sich natürlich auch der Versuch an, die Jurys zu beeinflussen. Wenn es da Verdachtsfälle gibt, schickt die EBU nach eigenen Angaben unangekündigt einen Wirtschaftsprüfer bei der Jury-Sitzung vorbei. Bei begründeten Zweifeln soll es auch möglich sein, dass das Jury-Votum eines Landes nicht gewertet wird. Ob das schon einmal vorgekommen ist, wollte man mir nicht sagen.

Nach der Aufmerksamkeit, die die verschiedenen Vorwürfe in diesem Jahr bekommen haben, bis hin zur Außenministerebene, will die EBU in den nächsten Wochen über die notwendigen Konsequenzen diskutieren. Dass sie in der Folge auf größere Transparenz setzt, gilt allerdings als unwahrscheinlich. Immerhin will sie das Gesamtergebnis in der Aufteilung nach Jury und Televoting in diesem Jahr nicht erst nach Wochen veröffentlichen, sondern schon in diesen Tagen.

RTL sucht die Supershoweröffnung — und findet sie beim ESC

12 Mai 13
12. Mai 2013

Es ist für eine so strunzunkreative Produktionsfirma wie die Grundy Light Entertainment vermutlich nicht leicht, sich für das groß gemeinte Finale von „Deutschland sucht den Superstar“ einen halbwegs orginell wirkenden Sendungsauftakt einfallen zu lassen. Und natürlich lässt sich jeder Macher bei der Arbeit von bereits Dagewesenem beeinflussen. Ich war dann aber trotzdem überrascht, als ich gestern gesehen habe, was die RTL-Leute sich bei der Show gestern zum Vorbild genommen haben — und in welchem Maße sie sich davon haben inspirieren lassen.

Wenn Sie bitte mal schauen und staunen mögen:

(Natürlich ist der DSDS-Beginn auch und erst recht 13 Jahre später nicht halb so cool wie das Opening des Eurovision Song Contest 2000 in Stockholm. Ich wär aber auch gern beim DSDS-Autorenbriefing dabei gewesen… „Und dann sollte der Off-Sprecher irgendetwas sagen, dass die Leute wissen, dass die Show jetzt beginnt.“ — „Da fällt mir schon was ein.“ — „Hauptsache, das Saalpublikum weiß, dass es dann sofort ausrasten muss.“ — „Läuft.“)

Euer Song für Malmö

15 Feb 13
15. Februar 2013

Das Lustige ist ja, dass das Rennen bei „Unser Star für Malmö“ am Ende genauso ausgegangen wäre, wenn es nicht das neue Stimmverfahren gegeben hätte. Wenn nicht Radiohörer und eine Jury jeweils ein Drittel zum Ergebnis beigetragen hätten, sondern es — wie früher — bloß auf das Votum des Fernsehpublikums angekommen wäre.

Cascada hätte trotzdem gewonnen. Weggefallen wäre nur die spannende Dramaturgie, bei der die Bayernbläser LaBrassBanda, die anfangs wie die sicheren Sieger aussahen, scheinbar von fünf erratischen Juroren um den Titel gebracht wurden.

Bemerkenswert ist, dass der Jury nun nicht nur vorgeworfen wird, undemokratisch zu sein — was ein bisschen albern ist, denn genau dafür ist sie ja da. Vor allem wird ihr vorgeworfen, nicht undemokratisch genug gewesen zu sein, indem sie den überaus massentauglichen Stampfer „Glorious“ mit immerhin acht von zwölf Punkten bedachte.

Jurymitglied Peter Urban erklärte hinterher, warum „Nackert“ von LaBrassBanda bei seinen vier Kollegen und ihm durchgefallen ist: Sie fanden einfach die Qualität des Songs nicht überzeugend. Dass es ein tolles und mitreißendes Spektakel ist, wenn die ungewöhnliche Blascombo live auf der Bühne Party feiert, ändere daran nichts.

Ich kann das gut nachvollziehen, jedenfalls bin ich auch bis zum Schluss nicht warmgeworden mit dieser Komposition. Der Unterhaltungswert, diese Jungs nach Malmö zu schicken und zu gucken, wie sie auf die Grand-Prix-Welt reagieren und die Grand-Prix-Welt auf sie, wäre vermutlich erheblich gewesen. Aber das war offenkundig nicht das Kriterium, das die Jury bei ihrer Entscheidung anlegte, und das ist womöglich genau richtig so.

Nun also, nach dem Wunsch des Publikums und mit dem Wohlwollen der Jury, die Danceflooristen von Cascada. Das Ergebnis macht den Bruch mit der Casting-Show-Phase im Auswahlverfahren komplett. Es wird ein sehr anderes Eurovisions-Erlebnis werden als in den vergangenen Jahren: mit einer erfahrenen, professionellen und international erfolgreichen Interpretin und ohne das Gefühl, ein Nachwuchstalent auf einem Karriereweg ins Ungewisse zu begleiten.

Man kann Cascada schlecht ihre Professionalität vorwerfen, und dass ein Titel gewinnt, der einem breiten Massengeschmack entspricht, ist kein Versehen, sondern Prinzip eines Wettbewerbs, dessen Reiz zu einem Großteil darin besteht, dass Zuschauer nach ihren ganz subjektiven Kriterien über Musik abstimmen und nicht irgendwelche vermeintlichen oder tatsächlichen Fachleute.

Aber jenseits der Frage, ob es Natalie Horler gelingen wird, für Malmö ein noch nuttigeres Kleid zu finden, gibt es wenig Anlass, ihrem Auftritt im Finale entgegenzufiebern. Es bleiben als Spannungselement natürlich die Unwägbarkeiten des Wettbewerbs: Wie weit ihre internationalen Fans Cascada nach vorne tragen werden, und ob die platte Kommerzialität des Beitrags sich als Fluch oder Segen herausstellen wird. Aber das Mitfiebern mit einem noch nicht fertigen Nachwuchskünstler oder auch der Reiz einer Konfrontation deutscher (oder bayerischer) Exzentrizitäten mit dem internationalen Geschmack, wird fehlen.

Wirklich ärgerlich am Sieg Cascadas ist, wie sehr er sich bei „Euphoria“ bedient hat, Loreens Siegertitel aus dem vergangenen Jahr — dem „Vorbild“ des Songs, wie es Peter Urban halbdiplomatisch nannte. Das schien auch eine größere Sorge zu sein bei den (halb)professionellen Grand-Prix-Beobachtern gestern in Hannover: Dass man sich nicht blicken lassen könne in Malmö mit etwas, das von den internationalen Freunden und Kollegen als kalkulierte Kopie wahrgenommen werden dürfte.

Man kann den Gedanken, wie „wir“ nun dastehen in der Welt mit diesem Beitrag, natürlich mit gutem Grund für völlig bekloppt halten. Aber der Eurovision Song Contest funktioniert als Nationenwettbewerb, und Cascada tritt in dieser Logik nicht nur für sich, sondern „für Deutschland“ an. Genau diese leicht neurotische Komponente — die Frage, wie wir uns der Welt präsentieren wollen, und die mit Spannung erwartete Antwort, wie die Welt das und uns findet — macht einen wesentlichen Reiz dieses merkwürdigen Wettbewerbs aus.

Der ist natürlich, wenn man ihn nicht wichtig nimmt, ohnehin egal. Ich fürchte nur, mir ist er in diesem Jahr nun auch egaler als sonst.

Vom Vorentscheid in Hannover aber bleibt die Erinnerung an eine Show mit erstaunlicher dramaturgischer Wendung. Und daran, was Anke Engelke spontan zu Peter Urban sagte, als der ihr erzählte: „Ich hab auch schon mal im Fettnäpfchen gesessen.“ — „Kenn ich gut. Komm rein.“