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Stefan Niggemeier | ProSieben

Tag Archive for: ProSieben

„Lebt er noch?“

12 Nov 09
12. November 2009

Mittwochabend, 18 Uhr. Die ProSieben-Nachrichtensendung „Newstime“ macht mit dem Tod von Nationaltorwart Robert Enke auf. Stefan Landgraf berichtet.

„Der 32-Jährige hatte sich am Abend vor einen Zug geworfen, ganz in der Nähe seines Wohnortes. Enkes Ehefrau Teresa eilt sofort zum Ort der Tragödie.“

Wir sehen den Zug auf den Gleisen, das hellerleuchtete Führerhaus, Feuerwehrleute, die unter die Lok sehen. Dann die Straße, die Gleise, den Bahnübergang. Und eine junge Frau, die aufgeregt mit einer Gruppe von Helfern spricht. Sie dreht sich einem Polizisten zu. Wir hören, was sie sagt, aber weil ihre Stimme schrill und panisch ist, hat ProSieben es sicherheitshalber dazugeschrieben:

"Sagen Sie bitte, was mit meinem Mann ist."
(Screenshot: Pro Sieben. Unkenntlichmachung von mir.)

Von links läuft ein weitere Helfer ins Bild. Wir hören, wie der Polizist antwortet: „Das kann ich Ihnen jetzt nicht sagen.“ Die Stimme der Frau überschlägt sich jetzt:

"Lebt er noch?"
(Screenshot: Pro Sieben. Unkenntlichmachung von mir.)

Der Polizist sagt noch einmal: „Das kann ich Ihnen jetzt nicht sagen.“ Dann geht der Beitrag weiter mit Bildern derselben Frau Enke auf dem Weg zur Pressekonferenz. „Eine tapfere Frau“, nennt sie der Sprecher.

Als ich bei N24 anrufe, den Sender, von dem ProSieben seine Nachrichten bezieht, versteht man erst meine Frage nach irgendwelchen Reaktionen auf die Ausstrahlung dieser Szene nicht. (Ich wollte nicht gleich fragen, ob der verantwortliche Chefredakteur noch im Amt ist.) Außerdem sei das überall gelaufen, heißt es aus der Sendergruppe, teilweise allerdings verpixelt.

ProSieben-Sprecher Christoph Körfer sagt: „Aus Sicht der Nachrichtenredaktion war es angemessen, die Bilder zu zeigen.“

Nachtrag, 13. November. Mehr dazu hier.

Schlag den Raab: Wie man eine halbe Million er- und alle Sympathien verspielt

13 Sep 09
13. September 2009

Selten hat das Publikum einem Kandidaten seinen Gewinn so sehr missgönnt wie diesem. Hans-Martin Schulze, ein 24-jähriger Pharmazie-Praktikant aus Oldenburg, ist seit dieser Nacht um eine halbe Million Euro reicher. Er musste dafür nicht nur den Raab, sondern auch das Publikum schlagen. Am Ende, als er mit verzerrtem Gesicht und einem Triumphschrei den Geldkoffer in die Höhe streckte, buhten sie ihn hemmungslos aus.

Das ist nicht die übliche Rollenverteilung bei „Schlag den Raab“, und es war nicht so, dass dieser Hans-Martin in irgendeiner Weise gefoult hätte. Er hat nur alles getan, um die Sympathien zu verspielen.

Es begann schon, als er und eine Kandidatin auf das Ergebnis warteten, wer von ihnen beiden die meisten Zuschauerstimmen erhalten hatten und überhaupt gegen Raab um die 500.000 Euro spielen durfte. Das ist so ein Moment, in dem man schon einmal angespannt sein darf, aber die Art, wie Hans-Martin sich verkrampfte und wirkte, als wollte er mit seinem ganzen Körper seine Teilnahme erpressen, wirkte merkwürdig abstoßend und brachte den Moderator Matthias Opdenhövel zum ersten höhnischen Witz, fürs Beten sei es nun zu spät.

Der psychologisch vermutlich entscheidende Moment war aber ein anderer: Als er beim Diskuswerfen gegen einen sich ziemlich ungeschickt anstellenden Raab weit vorne lag, bot er gönnerhaft-ironisch an, die letzten Würfe gar nicht mehr zu machen. Das ist schon grundsätzlich keine so gute Idee, aber bei einem Gegner wie Raab erst recht nicht, bei dem genau eine solche Situation die Ausschüttung irgendeines Ehrgeiz-Hormones auslöst, das ihn dann im letzten Wurf das Spiel doch noch unerwartet gewinnen lässt. Und der, noch wichtiger, damit sofort alle Sympathien des Publikums auf seiner Seite hat (das es ihm in anderen Fällen, bei anderen Gegnern, auch gerne gönnt, wenn seine Verbissenheit keine Früchte trägt). Aber spätestens von diesem Moment beim Diskuswurf im Stadion an war das Saalpublikum fast geschlossen auf Seiten Raabs und machte keinen Hehl daraus.

Man weiß ja nicht, was man selbst für eine Figur abgeben würde unter den Bedingungen einer solchen Show, aber man kann zukünftigen Kandidaten den Auftritt von Hans-Martin als reichhaltiges Anschauungsmaterial geben für all das, was sie vermeiden sollten. Er freute sich immer viel zu sehr und oft zu früh über die Fehler seines Gegners, duschte sich in Schadenfreude. Als läppisch verlachte er die Frage, ob es stimmt, dass die Insel Lummerland drei Berge hat. „Klar, das Lied: ‚Eine Insel mit drei Bergen'“, eine Kindergartenaufgabe. Blöd nur, dass das Lied geht: „Eine Insel mit zwei Bergen…“ Seine aggressiven Siegesgesten kamen so wenig an wie sein beunruhigender Hang, sich im Selbstgespräch anzufeuern: „Komm schon“ / „Du schaffst das“ / „Geht doch“.

Er hatte sie bald alle gegen sich: das Publikum, die Moderatoren, den Kommentator. Auch Raab selbst sagte einmal bösartig (und für Hans-Martin vermutlich unerklärlich), er verliere ja immer ungern, in diesem Fall aber besonders. Es tat der Spannung der Sendung keinen Abbruch, gegen den Kandidaten zu fiebern statt mit ihm, aber je deutlicher und einmütiger die Ablehung wurde, desto grausamer wurde die Situation. Opdenhövel sagte zu einer Begleiterin Hans-Martins, dass es ja besser sei, viel Geld zu gewinnen als viele Freunde, und als sie freundlich in die Falle tappte und widersprach, viele Freunde seien ja auch ganz schön, forderte er das Publikum auf, per Applaus zu demonstrieren, für wen sie sind. Sie waren für Raab.

Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter formierte sich unterdessen eine wachsende Horde von Leuten, die sich in immer gröberem Spott über den jungen Mann überboten, für den sie früh und konsequent den Spitz- und Erkennungsnamen #hassmartin erfunden hatten. (Unklar blieb dabei allerdings, welchen Grund nun ausgerechnet diese Leute haben sollten, sich mit ihrer begeistert zur Schau gestellten Asozialität dem sozial ungeschickten Kandidaten überlegen zu fühlen.)

Doch dem Urteil, dass hier jemand sensationell unsymphatisch auftrat, kann man nur schwer widersprechen. Der Abend war eine faszinierende und etwas beunruhigende Lektion, wie schnell und vollständig man sich ins Aus katapultieren kann. Dabei wird die Pose des übertrieben selbstbewussten Herausforderers eigentlich schon vom Format und dem Casting vorgegeben. Und viele der Eigenschaften, die bei Hans-Martin so abstoßend wirkten, gehören auch zum Repertoire Raabs, der aber als langjähriger Profi natürlich viel geschickter darin ist, sie in den Spitzen auf ein Maß herunterzuregeln, das im Fernsehen nicht zu peinlich aussieht.

Das war der Hauptfehler des Kandidaten an diesem Abend: Dass er nicht erkannt hat, was seine Rolle ist in diesem Spiel. Relativ früh, bevor sie beim 2000-Meter-Bahnradfahren gegeneinander antraten und nicht nur die Kondition gegen Raab sprach, sagte er, da würde er sich aber sehr schämen, wenn er das nicht gewinnen würde, und tätschelte dabei tatsächlich Raabs Bäuchlein. Es war einer dieser Fremdschäm-Augenblicke, die man schwer mit ansehen kann, und Raab hat danach fast instinktiv die Arme vor dieser vermeintlichen Schwachstelle verschränkt. Aber interessanterweise hätte die Szene umgekehrt funktioniert: Raab hätte sich über eine Schwäche des Gegners auf diese Weise lustig machen können, ohne dass es so peinlich gewesen wäre: Er hätte es professionell augenzwinkernd abfedern können, und wenn er durch so eine Form von Arroganz das Publikum gegen sich aufbringt, verschafft er dem Kandidaten nur zusätzliche Sympathien, was sehr in Ordnung geht.

Trotzdem war das Maß, in dem Raabs Erfolge von den Zuschauern im Studio gefeiert wurden, und Punkte von Hans-Martin Schulze fast schweigend quittiert wurden, fast schockierend, und bei den Buhrufen ganz am Ende musste sogar Raab selbst eingreifen. Wie geht man als Mensch eigentlich mit der Erfahrung um, dass die eigene Art auf andere anscheinend derart abstoßend wirkt?

Insofern erinnerte der Abend ein wenig an die erste Staffel von „Big Brother“: Als die Bewohnerin Kerstin Manuela irgendwann schockiert feststellen musste, dass dass sie im Laufe der Wochen im Container für die Zuschauer zuhause zu einer Hassfigur geworden war, und viele ihr das auch zeigten. Hans-Martin verspielte die Sympathien in nur einem Abend. Das hätte er auch nicht geahnt: Dass der Preis für die 500.000 Euro so hoch sein könnte.

Rube-Goldberg-Fernsehen

06 Jun 09
6. Juni 2009

Wenn Ihnen das hier gefällt:

Sollten Sie sich heute Abend unbedingt das hier ansehen:

Mehr über „Das große Kipp-Roll-Fall-Spektakel“ im Fernsehlexikon.

Wallfahrt zum Recycling-Tempel

09 Dez 08
9. Dezember 2008

Vielleicht bringt der neue Vorstandsvorsitzende von Pro Sieben Sat.1, wenn er im März sein Amt antritt, auch neue Euphemismen nach Unterföhring mit. Bis dahin behält sicher noch „Optimierte Ausnutzung des Programmvermögens“ als Umschreibung für die systematische Verslumung des Programms Gültigkeit. Die Sendergruppe ist zu einem gigantischen Recycling-Unternehmen geworden. Was als „Galileo“-Beitrag auf Pro Sieben beginnt, taucht mit großer Wahrscheinlichkeit in „Abenteuer Alltag“ auf Kabel 1 wieder auf, um schließlich, am Ende der NahrungsVerwertungskette, stolz von Dieter Kronzucker auf N24 präsentiert zu werden – und umgekehrt.

Das tägliche Mittagsmagazin „Sam“ ist im internen Wettkampf um den Titel als bester Programmvermögen-Ausnutzungs-Optimierer ganz vorne dabei. „Eine tagesaktuelle Sendung zu machen, ist eine Herausforderung, der wir uns jeden Morgen wieder gerne stellen“, hat Silvia Laubenbacher vor ein paar Jahren über „Sam“ gesagt. Aber wahrscheinlich haben sie damals schon intern darüber gelacht. In dieser Woche füllt die zweistündige Sendung jeweils eine Stunde täglich damit, fünf „Prominente“ beim Pilgern auf dem Jakobsweg zu begleiten. Moderatorin Silvia Laubenbacher gibt sich Mühe, den Eindruck zu erwecken, dass die Leute – passend zur Adventszeit – in diesen Tagen für ProSieben unterwegs sind, obwohl es sich dann, nach den Bildern zu urteilen, um einen wirklich außerordentlich heißen Spätherbst in Nordspanien handeln müsste.


Screenshot: Pro Sieben

In Wahrheit liegt die Pilgerreise schon über ein Jahr zurück. Pro Sieben zeigte sie im vergangenen Herbst als „Das große Promi-Pilgern“ in der Primetime unter mäßiger Anteilnahme des Publikums. Zur Wiederverwertung hat Pro Sieben die Sendung nicht einmal neu verpackt: „Sam“ zeigt einfach täglich je eine unbearbeitete Folge „Promi-Pilgern“ als Teil von „Sam“. Und das anspruchslose Mittags-Publikum guckt gerne zu: Über 400.000 Zuschauer waren es gestern — das sind immerhin fast halb so viele, wie die Sendung in der Originalausstrahlung am Sonntagabend hatte.

Der zukünftige Chef von ProSiebenSat.1, Thomas Ebeling, hat übrigens Psychologie studiert und kommt von dem Pharma-Unternehmen Novartis. Sagt ein Sendermitarbeiter: „Der Mann ist Psychologe und hat Ahnung von Drogen. Beides können wir gerade gut gebrauchen.“

„Subway“-Journalismus für alle

09 Sep 08
9. September 2008

Wenn man ein bisschen in den Innereien der Homepage der Ulmer PR-Agentur foleys wühlt, die unter anderem für die umstrittene Fast-Food-Kette „Subway“ arbeitet, findet man noch weitere erstaunliche Dinge. Zum Beispiel eine Fallstudie, die auf der bunten Seite mit der Selbstdarstellung zwar nicht (mehr?) zu lesen ist, aber aus dem Quelltext [xml] nicht gelöscht wurde und deshalb zum Beispiel von Google gefunden wird. Darin heißt es unter der Überschrift „SUBWAY® Sandwiches im redaktionellen TV-Teil“:

Hintergrund:

Das TV-Interesse am Thema Fastfood hat in Deutschland Hochkonjunktur. SUBWAY® Sandwiches rückt als ausgewogene, frische Fastfood-Alternative zunehmend in den Fokus der TV-Kameras.

foleys PR Aufgabe:

Lancieren Sie TV-Beiträge, die die SUBWAY® Sandwiches Positionierung (frisch und individuell vor den Augen zubereitet) in Szene setzt und/oder neue Franchise-Interessenten generiert.

Maßnahmen:

Lancierung, Begleitung und Abstimmung der nachfolgenden TV-Beiträge:

  • „Wissenshunger“ (VOX, Ausstrahlungstermin 30.10.06, Einschaltquote 1.030.000)
  • „Galileo" und „3 Bewerber – 1 Job“ (Pro7, Ausstrahlungstermine 15./16.10.07, Einschaltquote 1.920.000)
  • „3 Bewerber – 1 Job“ (Pro7, Ausstrahlungstermin 22.11.07, Einschaltquote 810.000)
  • „Auf der Suche nach dem perfekten Fastfood“ (Kabel1, Ausstrahlungstermin 25.11.07, Einschaltqote 600.000)
  • „Galileo – Existenzgründung“ (Pro7, Ausstrahlungstermin 01/08)
  • „Franchising“ (franchiseportal TV, Ausstrahlungstermin 01/08)
  • „Galileo Job Spezial“ (Pro7, Ausstrahlungstermin 01/08)

Ergebnisse:

Transport der Kernbotschaften an eine breite Zielgruppe durch das Medium TV, spürbar steigende Gästezahlen und Leadanfragen nach Ausstrahlung verschiedener Beiträge.

Bis gestern hatte foleys, wie berichtet, auf seiner Homepage auch noch damit geprahlt, werbliche Beiträge für „Subway“ in Sendungen von ProSieben und Kabel 1 „initiiert“ und kontrolliert zu haben. Hinterher entschuldigte sich foleys für „evtl. missverständlich formulierte Aussagen“ und bedauerte, „wenn diese evtl. zu Irritationen geführt haben“. Ganz bestimmt ist auch die oben zitierte Fallstudie deshalb nur versteckt online, weil man sie als zutreffende Beschreibung über die Entstehung dieser werblichen Beiträge im redaktionellen Rahmen missverstehen könnte.

ProSieben dementiert die Darstellung der PR-Agentur. Als ich gestern für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ nachfragte, sagte mir die Unternehmenssprecherin Petra Fink: „Niemand plaziert in irgendeiner Weise Beiträge in irgendwelchen Formaten von uns. (…) Die Einzigen, die bei uns Geschichten ‚initiieren‘, sind Redakteure.“

Ja. Und als weitere Pointe, dachte ich, taugt dieser Screenshot von der foleys-Homepage (Hervorhebung von mir):

[mit Dank an C.J.!]

Nachtrag, 14:40 Uhr. Die Agentur foleys hat ihre Homepage jetzt vom Netz genommen. In den Kommentaren nimmt Geschäftsführer Roggmann noch einmal Stellung und erklärt über die oben zitierten Sätze:

(…) es ist weder richtig was dort steht, noch wurde es bewusst veröffentlicht noch hätte es jemals veröffentlicht werden sollen.