Die Arschlm

Wenn man, wie Pro­Sie­ben, kei­nen Ruf mehr zu ver­lie­ren hat, erhöht das deut­lich die Hand­lungs­op­tio­nen. Und so griff der Sen­der in sei­ner Ver­zweif­lung, dass die Leute sich nicht mas­sen­haft dazu hin­rei­ßen las­sen, die als Som­mer­hit geplante Sen­dung »Die Alm« der sen­der­ei­ge­nen Schrott­pro­duk­ti­ons­firma Red Seven zu gucken, am spä­ten Mitt­woch­nach­mit­tag zu einem erstaun­li­chen Mittel.

Er gab eine Pres­se­mit­tei­lung her­aus, die man beim flüch­ti­gen Hin­se­hen für eine Nach­richt, sogar eine drin­gende Nach­richt hal­ten konnte. Sie lau­tete:

(Eil) Gina-Lisa, Rolfe und der Che­cker ver­las­sen »Die Alm«

Unter­föh­ring (ots) — Gina-Lisa Loh­fink, Rolf Schei­der und Tho­mas »Der Che­cker« Karaoglan haben »Die Alm« ver­las­sen. Wie es wei­ter­geht: Heute Abend um 22.15 Uhr live auf ProSieben.

(Voll­stän­di­ges Zitat.)

Die Pres­se­mit­tei­lung ist eine Unver­schämt­heit. Die drei Unbe­kann­ten hat­ten die Alm schon am Diens­tag­mor­gen ver­las­sen. Und waren bereits am Diens­tag­abend zurück­ge­kehrt. Wenn über­haupt, hat­ten die Kan­di­da­ten vor­über­ge­hend die Alm ver­las­sen, aber nicht »Die Alm«.

Nun ist es für einen Sen­der wie Pro­Sie­ben ver­mut­lich bloß Aus­druck von Rea­li­täts­sinn, bei sei­nen Pres­se­mit­tei­lun­gen nicht mehr auf Qua­li­tät Wert zu legen als bei der Pro­duk­tion sei­ner Fern­seh­pro­gramme. Und wie viel Glaub­wür­dig­keit bei Pro­Sie­ben zählt, bewies der Sen­der schon vor zwei Jah­ren, als er Wer­bung für eine neue Mystery-Serie so aus­se­hen ließ, als han­delte es sich um echte Brea­king News. Trotz­dem musste man bis­lang nicht unbe­dingt davon aus­ge­hen, dass Pro­Sie­ben über den übli­chen Pres­se­ver­tei­ler und unter dem Namen der tat­säch­li­chen Pres­se­spre­che­rin eine sol­che Lügen­ge­schichte ver­brei­ten würde.

Ande­rer­seits: Eine Ein-Satz-Mitteilung inklu­sive Schalten-Sie-ein-Teaser — kann das ernst­haft die Grund­lage sein, auf der Jour­na­lis­ten Berichte verfassen?

Es kann.

Der Bran­chen­dienst DWDL ver­lieh der Ente zusätz­li­che Glaub­wür­dig­keit, indem er behaup­tete, sowas schon vor­her gehört zu haben:

Gina-Lisa, Rolfe und der Che­cker ver­las­sen »Die Alm«

Schon seit Mitt­woch­mor­gen ging das Gerücht um, der ProSieben-Realityshow »Die Alm« wür­den die Pro­mis weg­lau­fen. Tags­über demen­tierte der Sen­der noch. Am frü­hen Abend dann aber die Bestä­ti­gung per Eil­mel­dung über die übli­chen Presseverteiler.

Eine Stunde spä­ter kor­ri­gierte DWDL sich und ent­schul­digte sich für die »kurz­fris­tige Verwirrung«.

Auf Bild.de steht immer noch fol­gen­des Nach­rich­ten­frag­ment:

Gina-Lisa, Rolfe und der Che­cker ver­las­sen »Die Alm«

Unter­föh­ring (Bay­ern) — Gina-Lisa Loh­fink, Rolf Schei­der und Tho­mas »Der Che­cker« Karaoglan haben »Die Alm« ver­las­sen. Die Sen­dung wird auf Pro­Sie­ben ausgestrahlt.

Und in Rekord­zeit inter­pre­tierte der über die dra­ma­ti­schen Vor­gänge in der Sen­dung offen­bar bes­tens infor­mierte Online-Ableger der »Rhei­ni­schen Post« die Brea­king News:

Gina-Lisa, Rolf und der Che­cker
Pro­mis ver­las­sen die Alm von Prosieben

Düs­sel­dorf (RPO). Die Pro­mis hat­ten offen­bar genug vom Land­le­ben: Gina-Lisa Loh­fink, Rolf Schei­der und Tho­mas »Der Che­cker« Karaoglan haben »Die Alm« ver­las­sen. Das teilt Pro­sie­ben am Mitt­woch­abend mit.

Es war nicht immer alles son­nig bei der Promi-Trash-Show »Die Alm« — aber das ist ja auch das Kon­zept. Nun haben laut Sen­der aber gleich drei Bewoh­ner ihre Ruck­sä­cke gepackt und sind abge­rauscht. Und das zeich­nete sich bereits ab.

Rolf(e) Schei­der drohte bereits mit Aus­stieg. Denn die Bedin­gun­gen auf der Alm sind ein­fach zu hart für den sen­si­blen Cas­ting­di­rek­tor, meint Prosieben. (…)

Mode­ra­to­rin Char­lotte und Ex-Topmodel-Anwärterin Tessa haben erst Tho­mas »Che­cker«  Karaoglan die Schlaf­de­cke ver­steckt, dann haben sie Gina-Lisa auf dem Kieker (…).

Sollte es damit jetzt vor­bei sein, mit allen die­sen Läs­te­reien und Bos­haf­tig­kei­ten? Oder geht es ohne Rolf, den Che­cker und Gina-Lisa wei­ter? Pro­sie­ben hüllt sich in Schwei­gen — und ver­weist auf die Sen­dung um 22.15 Uhr. Viel­leicht las­sen sich die drei ja über­re­den, zurück­zu­kom­men.  Viel Lärm um nichts, würde man das dann wohl nennen.

Joa. Obwohl mir da noch andere For­mu­lie­run­gen ein­fie­len, wie man das »wohl nen­nen« würde. »Dep­pen unter sich«, viel­leicht. Oder: »Wenn PR-Simulation auf Journalismus-Simulation trifft«. Oder irgend­was mit Fäkalien.

Ich notorischer Urheberrechtsverletzer

YouTube hat mei­nen Account gelöscht. Damit sind all die schö­nen Videos, die ich für das Fern­seh­lexi­kon hoch­ge­la­den habe, ver­schwun­den. Das kam nicht ganz über­ra­schend: Kurz zuvor hatte das Por­tal zum zwei­ten Mal ein von mir hoch­ge­la­de­nes Video gelöscht, weil ich damit angeb­lich mög­li­cher­weise gegen das Urhe­ber­recht eines Fern­seh­un­ter­neh­mens ver­sto­ßen hätte. Wenn das pas­siert, schickt YouTube eine Mail, in der es unmiss­ver­ständ­lich heißt:

Dies ist die zweite Urhe­ber­rechts­be­schwerde zulas­ten dei­nes Kon­tos. Eine ein­zige wei­tere Beschwerde führt zur Kün­di­gung dei­nes Kon­tos. Wenn du dies ver­mei­den möch­test, lösche sämt­li­che Videos, an denen du keine Rechte besitzt, und lade in Zukunft keine Videos mehr hoch, die die Urhe­ber­rechte ande­rer ver­let­zen. Wei­tere Infor­ma­tio­nen zu den Urhe­ber­rechts­richt­li­nien von YouTube fin­dest du in den Tipps zum Urhe­ber­recht.

Ich war also gewarnt. Ich hatte nur nicht damit gerech­net, dass der Sen­der Pro­Sie­ben (oder genauer: sein Ver­mark­ter Seven One) kurz dar­auf nach über einem Jahr daran Anstoß neh­men würde, dass ich Ende 2008 einen 24-sekündigen Aus­schnitt aus dem dama­li­gen Jah­res­rück­blick von »Switch Reloa­ded« bei YouTube hoch­ge­la­den hatte. Es han­delte sich um eine kurze Szene mit der Par­odie, in der Elke Hei­den­reich Mar­cel Reich-Ranicki von der Bühne schlägt — mit einem leicht ver­än­der­ten Exem­plar des »Fern­seh­lexi­kon«, das ich mit Michael Reuf­steck geschrie­ben habe.

Das ist ein inter­es­san­ter Fall. Natür­lich besitze ich keine Rechte an die­ser Szene und darf sie des­halb eigent­lich nicht bei irgend­wel­chen Video­por­ta­len hoch­la­den. Ande­rer­seits hatte ich das Video in einen Blog­ein­trag ein­ge­bet­tet, der sich mit dem Gezeig­ten beschäf­tigt, wodurch der Gebrauch durch das Zitat­recht gedeckt wäre. Wie­derum ande­rer­seits sieht man das aber dem Video selbst nicht an, das ja aus­schließ­lich aus dem Inhalt von Pro­Sie­ben besteht. (Ob es den Sen­dern wirk­lich hilft, wenn sie jeden ver­meint­lich ille­ga­len 24-Sekunden-Mitschnitt ihrer Pro­gramme auf YouTube sper­ren las­sen, ist eine andere Frage, aber die Sen­der sind gerade so sen­sa­tio­nell unent­spannt, was ihr Leben in der ver­än­der­ten digi­ta­len Welt angeht, dass Prin­zip im Zwei­fel immer vor Prag­ma­tis­mus geht.)

Die bei­den ers­ten Videos hatte RTL sper­ren las­sen. Das erste war die Szene aus dem RTL-Mittagsmischmagazin »Punkt 12″, in der eine Repor­te­rin live vom Amok­lauf in Win­nen­den berich­tete (»hier blin­ken die Lich­ter«, »Chaos vom Feins­ten«). Anfang Januar ließ RTL dann das auch das ebenso typi­sche wie unwür­dige Ende der letz­ten »Oli­ver Geißen«-Talkshow löschen. Mag sein, dass der Aus­schnitt mit über drei­ein­halb Minu­ten Länge nicht mehr wirk­lich als Zitat durch­geht. Aber für mich war das auch ein fern­seh­his­to­ri­sches Doku­ment — und ich würde wet­ten, dass RTL auch einen Aus­schnitt von drei­ein­halb Sekun­den Länge nicht hin­ge­nom­men hätte.

Komisch, davon hört man gar nichts, bei all dem Gejam­mer der Sen­der über den mas­sen­haf­ten »Dieb­stahl« ihrer Inhalte: dass sie längst sehr effek­tiv und rück­sichts­los jeden frem­den Gebrauch ihres Mate­ri­als auf den Video­platt­for­men ver­hin­dern, auch den legalen.

Für das Fern­seh­blog der FAZ habe ich vor ein paar Wochen ein Video ange­fer­tigt und (auf einem ande­ren YouTube-Account) hoch­ge­la­den, das demons­triert, um wel­chen win­zi­gen Aus­schnitt RTL eine Folge von »Deutsch­land sucht den Super­star« für die Nach­mit­tags­wie­der­ho­lung gekürzt hatte. Der Sen­der hatte behaup­tet, von den Jugend­schüt­zern der Lan­des­me­di­en­an­stal­ten für eine Szene kri­ti­siert wor­den zu sein, die am Nach­mit­tag gar nicht zu sehen war — eine Lüge. In dem ein­mi­nü­ti­gen Aus­schnitt war zu sehen, dass all das, was die KJM gerügt hatte, auch in der kür­ze­ren Ver­sion vorkam.

Nun ist es gar nicht leicht, Videos, die in irgend­ei­ner Form Inhalte von »DSDS« ent­hal­ten, über­haupt bei YouTube hoch­zu­la­den. Durch eine cle­vere Tech­nik wer­den sie sofort als RTL-Inhalte iden­ti­fi­ziert. Ich musste aus­drück­lich bestä­ti­gen, dass und warum ich der Mei­nung bin, sie trotz­dem ver­öf­fent­li­chen zu dür­fen, und eine »Erklä­rung in gutem Glau­ben« unter­zeich­nen. Das tat ich — und trotz­dem blieb das Video nicht lange online. YouTube teilte mir nach ein paar Stun­den mit, RTL habe mein Video »geprüft« und seine »Ansprü­che auf den gesam­ten Con­tent oder Teile davon erneut bestä­tigt«. Mein Video sei »folg­lich welt­weit gesperrt«.

Beim deut­schen YouTube-Möchtegern-Konkurrenten Seven­load ist alles noch schlim­mer. Hier hatte ich das Video hoch­ge­la­den, nach­dem YouTube es gelöscht hatte. Hier musste RTL nicht ein­mal ein­schrei­ten — Seven­load sperrte es von sich aus. Bei Seven­load bekam ich auch kei­nen Hin­weis per Mail, son­dern musste mich ein­log­gen, um die vage klin­gende und offen­bar has­tig for­mu­lierte Nach­richt zu finden:

Hallo fern­seh­blog,
dein Bild/Video ›Jugend­schutz bei DSDS‹ wurde gesperrt, weil sie gegen unsere Richt­li­nien (Nut­zungs­be­din­gun­gen) ver­stößt. Aus die­sem Grund ist diese Datei nur noch für dich sicht­bar. Falls es sich um ein Miss­ver­ständ­nis han­delt oder du fra­gen hast, kon­tak­tiere bitte unse­ren Sup­port.
%supor­ter­Name [sic!]

Der Sup­port ließ sich nicht über­zeu­gen, dass die Ver­wen­dung der nach­be­ar­bei­te­ten RTL-Inhalte durch das Zitat­recht gedeckt sein könnte. Seven­load hat sich auch bei den Videos, mit denen das Forum call-in-tv.net die frap­pie­ren­den Merk­wür­dig­kei­ten in den Abläu­fen von Call-TV-Sendungen doku­men­tiert, als dafür untaug­li­che Platt­form erwie­sen. Ein bizar­rer Ver­such von Seven­load vor ein­ein­halb Jah­ren, sich unter der Marke »watchblog-tv« als unwahr­schein­li­cher Kämp­fer für kri­ti­schen Medi­en­jour­na­lis­mus zu eta­blie­ren, ver­en­dete nach weni­gen Tagen, sobald das PR-Geklingel vor­bei war.

Video-Portale wie YouTube haben es Unbe­fug­ten viel leich­ter gemacht, das Mate­rial der Sen­der zu ver­brei­ten. Aber sie haben es den Sen­dern auch viel leich­ter gemacht, die Ver­brei­tung ihres Mate­ri­als zu kon­trol­lie­ren und zu unter­bin­den. Und es reicht offen­bar, dass ein Sen­der behaup­tet, dass ein Ver­stoß gegen das Urhe­ber­recht vor­liege, um ein Video sper­ren zu lassen.

Ich ver­su­che schon seit län­ge­rer Zeit, eine all­ge­meine Aus­sage von RTL zu bekom­men, wel­chen Bedin­gun­gen ein Video genü­gen müsste, das sich mit dem RTL-Programm aus­ein­an­der­setzt und den Gegen­stand auch doku­men­tiert, um nach dem Ver­ständ­nis des Sen­ders zuläs­sig zu sein und nicht von den Video­platt­for­men gelöscht zu wer­den. Eine wirk­li­che Ant­wort habe ich nie bekom­men. Ver­mut­lich hat der Sen­der gar kein Inter­esse, sie zu for­mu­lie­ren. Da sit­zen irgendwo ver­mut­lich Stu­den­ten oder Prak­ti­kan­ten, die rou­ti­ne­mä­ßig die Video­platt­for­men abgra­sen und alles löschen las­sen, wo das RTL-Logo in der Ecke klebt. Dass das deut­sches Urhe­ber­recht kei­nes­wegs jede Ver­wen­dung und Wei­ter­ver­ar­bei­tung von RTL-Inhalten aus­schließt, wird dem Sen­der egal sein. Zum Zitat­recht hat er ohne­hin ein gespal­te­nes Verhältnis.

Wer keine Mög­lich­keit hat, ein Video auf einem eige­nen Ser­ver zu ver­öf­fent­li­chen, dem bleibt mit etwas Glück ein Trick: Bei ihren eige­nen Platt­for­men »Clip­fish« (RTL) und »MyVi­deo« (Pro­Sie­ben) neh­men es die Sen­der nicht so genau mit ihrem Urhe­ber­recht. Es ist natür­lich ein biss­chen gewöh­nungs­be­dürf­tig, sich aus­ge­rech­net in die bunte Trash­hölle eines Ange­bo­tes wie »Clip­fish« zu bege­ben. Aber das Video von dem RTL-Debakel in Win­nen­den, das der Sen­der ver­ges­sen machen wollte und über­all sonst löschen ließ, lebt dort schon seit einem Drei­vier­tel­jahr unbe­hel­ligt vor sich hin.

Das Geschäft mit den Bildern

Die Firma, die die Ber­gungs­ar­bei­ten am Bahn­über­gang gefilmt hat, an dem sich Robert Enke das Leben genom­men hat, und die das Glück hatte, auch Teresa Enke in dem Moment gefilmt zu haben, als sie an die Unglücks­stelle kommt und ver­zwei­felt die Poli­zis­ten fragt, was mit ihrem Mann ist, diese Firma heißt Non­stop­News.

Sie ist nach eige­nen Anga­ben der zweit­größte »unab­hän­gige Nach­rich­ten­dienst« Deutsch­lands, und Auf­nah­men von Unfäl­len und Ber­gungs­ar­bei­ten, ein­ge­klemm­ten Ver­letz­ten und weg­ge­tra­ge­nen Lei­chen sind ihr Geschäft.

Am Diens­tag ver­schickte sie um kurz vor Mit­ter­nacht das Ange­bot per E-Mail an die Redaktionen.

Bil­der­an­ge­bot: Schock für ganz Fußball-Deutschland: Natio­nal­tor­wart Robert Enke von Zug erfasst und töd­lich verletzt

NewsNr. 10007
Stand: 2009-11-10 20:54:30
Länge: 6+6:00 Min.
Ver­füg­bar: 23.55 Uhr (…)

Datum: Diens­tag , 10. Novem­ber 2009, 18:30 Uhr
Ort: Eil­vese, Region Han­no­ver, Nie­der­sach­sen
(…)

Die aktu­el­len NonstopNews-Bilder und die O-Töne :

  • Totale der Ein­satz­stelle, Groß­auf­ge­bot Feu­er­wehr und Poli­zei vor Ort

  • Regio­nal­bahn auf den Gleisen,
  • Feu­er­wehr­leute ste­hen rund um den Regionalzug
  • Auto von Robert Enke unweite des Bahnübergangs,
  • Exklu­siv: Abfahrt Ret­tungs­wa­gen
  • Exklu­siv: Mer­ce­des M-Klasse von Robert Enke wird auf Abschlep­per sicher­ge­stellt
  • Not­fall­seel­sor­ger vor Ort Poli­zei bei Unfallaufnahme
  • Bahn­hof Eilvese
  • Seel­sor­ger mit Feu­er­wehr­leu­ten im Gespräch
  • Frau von Robert Enke, Teresa: »Jetzt sagen sie mir end­lich was mit mei­nem Mann ist»
  • Abfahrt Lei­chen­wa­gen
  • Zahl­rei­che Fans an der Ein­satz­stelle, Regio­nal­zug fährt an ste­hen­den Zug vor­bei
  • Fans mit Han­no­ver 96 Tri­kots und Schals legen Ker­zen nie­der
  • O-Töne mit meh­re­ren Fans an der Ein­satz­stelle: …kann gar nicht sein dass Robert Enke tot ist…können uns nicht vor­stel­len das er das ist…haben aus dem Fern­se­hen davon erfah­ren und sind zur Ein­satz­stelle gefahren…trifft uns wie ein Schlag…kann nicht glau­ben das er das getan hat…können uns aber nicht vor­stel­len das er sich umge­bracht hat weil Jogi Löw ihn nicht in der Natio­nal­elf spie­len lässt…kenne ihn per­sön­lich aus dem Dorf und ist als super­lie­ber net­ter Typ bekannt, hat ihm aus dem Dorf kei­ner zugetraut…
  • O-Ton Poli­zei Han­no­ver (Name auf Band): …Lok­füh­rer mel­dete Per­son auf den Glei­sen… voll­be­setzte Regionalbahn…als wir gemerkt haben wer das ist waren wir alle sehr erschüttert…haben Auto gefunden…
  • O-Ton Ste­fan Wittke, Spre­cher von Robert Enke:…sind alle sehr betroffen…habe ihn am Mon­tag das letzte Mal gese­hen, gab keine Anzei­chen das was nicht in Ord­nung ist…war ein gro­ßer Mann der uns ver­lo­ren gehr…man kann noch nicht abschät­zen was das für den Ver­ein für Kon­se­quen­zen hat…
  • Schnitt­bil­der

Bestel­len Sie das TV-Material unter (…) — Stand­ort: Han­no­ver (…)

(Alle For­ma­tie­run­gen im Original)

Und die Fern­seh­sen­der nah­men das Ange­bot an und kauf­ten die Auf­nah­men. Min­des­tens das ZDF, RTL und Kabel 1 zeig­ten auch die Szene, in der wir erfah­ren, wie es aus­sieht, wenn eine Frau an den Ort kommt, an dem sich ihr Mann gerade das Leben genom­men hat — Pro­Sie­ben sogar unver­pi­xelt, mit Ton und, für alle Fälle, Unter­ti­teln.

»Lebt er noch?«

Mitt­woch­abend, 18 Uhr. Die ProSieben-Nachrichtensendung »New­stime« macht mit dem Tod von Natio­nal­tor­wart Robert Enke auf. Ste­fan Land­graf berichtet.

»Der 32-Jährige hatte sich am Abend vor einen Zug gewor­fen, ganz in der Nähe sei­nes Wohn­or­tes. Enkes Ehe­frau Teresa eilt sofort zum Ort der Tragödie.«

Wir sehen den Zug auf den Glei­sen, das hel­ler­leuch­tete Füh­rer­haus, Feu­er­wehr­leute, die unter die Lok sehen. Dann die Straße, die Gleise, den Bahn­über­gang. Und eine junge Frau, die auf­ge­regt mit einer Gruppe von Hel­fern spricht. Sie dreht sich einem Poli­zis­ten zu. Wir hören, was sie sagt, aber weil ihre Stimme schrill und panisch ist, hat Pro­Sie­ben es sicher­heits­hal­ber dazugeschrieben:

"Sagen Sie bitte, was mit meinem Mann ist."
(Screen­shot: Pro Sie­ben. Unkennt­lich­ma­chung von mir.)

Von links läuft ein wei­tere Hel­fer ins Bild. Wir hören, wie der Poli­zist ant­wor­tet: »Das kann ich Ihnen jetzt nicht sagen.« Die Stimme der Frau über­schlägt sich jetzt:

"Lebt er noch?"
(Screen­shot: Pro Sie­ben. Unkennt­lich­ma­chung von mir.)

Der Poli­zist sagt noch ein­mal: »Das kann ich Ihnen jetzt nicht sagen.« Dann geht der Bei­trag wei­ter mit Bil­dern der­sel­ben Frau Enke auf dem Weg zur Pres­se­kon­fe­renz. »Eine tap­fere Frau«, nennt sie der Sprecher.

Als ich bei N24 anrufe, den Sen­der, von dem Pro­Sie­ben seine Nach­rich­ten bezieht, ver­steht man erst meine Frage nach irgend­wel­chen Reak­tio­nen auf die Aus­strah­lung die­ser Szene nicht. (Ich wollte nicht gleich fra­gen, ob der ver­ant­wort­li­che Chef­re­dak­teur noch im Amt ist.) Außer­dem sei das über­all gelau­fen, heißt es aus der Sen­der­gruppe, teil­weise aller­dings verpixelt.

ProSieben-Sprecher Chris­toph Kör­fer sagt: »Aus Sicht der Nach­rich­ten­re­dak­tion war es ange­mes­sen, die Bil­der zu zeigen.«

Nach­trag, 13. Novem­ber. Mehr dazu hier.

Schlag den Raab: Wie man eine halbe Million er– und alle Sympathien verspielt

Sel­ten hat das Publi­kum einem Kan­di­da­ten sei­nen Gewinn so sehr miss­gönnt wie die­sem. Hans-Martin Schulze, ein 24-jähriger Pharmazie-Praktikant aus Olden­burg, ist seit die­ser Nacht um eine halbe Mil­lion Euro rei­cher. Er musste dafür nicht nur den Raab, son­dern auch das Publi­kum schla­gen. Am Ende, als er mit ver­zerr­tem Gesicht und einem Tri­umph­schrei den Geld­kof­fer in die Höhe streckte, buh­ten sie ihn hem­mungs­los aus.

Das ist nicht die übli­che Rol­len­ver­tei­lung bei »Schlag den Raab«, und es war nicht so, dass die­ser Hans-Martin in irgend­ei­ner Weise gefoult hätte. Er hat nur alles getan, um die Sym­pa­thien zu verspielen.

Es begann schon, als er und eine Kan­di­da­tin auf das Ergeb­nis war­te­ten, wer von ihnen bei­den die meis­ten Zuschau­er­stim­men erhal­ten hat­ten und über­haupt gegen Raab um die 500.000 Euro spie­len durfte. Das ist so ein Moment, in dem man schon ein­mal ange­spannt sein darf, aber die Art, wie Hans-Martin sich ver­krampfte und wirkte, als wollte er mit sei­nem gan­zen Kör­per seine Teil­nahme erpres­sen, wirkte merk­wür­dig absto­ßend und brachte den Mode­ra­tor Mat­thias Opden­hö­vel zum ers­ten höh­ni­schen Witz, fürs Beten sei es nun zu spät.

Der psy­cho­lo­gisch ver­mut­lich ent­schei­dende Moment war aber ein ande­rer: Als er beim Dis­kus­wer­fen gegen einen sich ziem­lich unge­schickt anstel­len­den Raab weit vorne lag, bot er gönnerhaft-ironisch an, die letz­ten Würfe gar nicht mehr zu machen. Das ist schon grund­sätz­lich keine so gute Idee, aber bei einem Geg­ner wie Raab erst recht nicht, bei dem genau eine sol­che Situa­tion die Aus­schüt­tung irgend­ei­nes Ehrgeiz-Hormones aus­löst, das ihn dann im letz­ten Wurf das Spiel doch noch uner­war­tet gewin­nen lässt. Und der, noch wich­ti­ger, damit sofort alle Sym­pa­thien des Publi­kums auf sei­ner Seite hat (das es ihm in ande­ren Fäl­len, bei ande­ren Geg­nern, auch gerne gönnt, wenn seine Ver­bis­sen­heit keine Früchte trägt). Aber spä­tes­tens von die­sem Moment beim Dis­kus­wurf im Sta­dion an war das Saal­pu­bli­kum fast geschlos­sen auf Sei­ten Raabs und machte kei­nen Hehl daraus.

Man weiß ja nicht, was man selbst für eine Figur abge­ben würde unter den Bedin­gun­gen einer sol­chen Show, aber man kann zukünf­ti­gen Kan­di­da­ten den Auf­tritt von Hans-Martin als reich­hal­ti­ges Anschau­ungs­ma­te­rial geben für all das, was sie ver­mei­den soll­ten. Er freute sich immer viel zu sehr und oft zu früh über die Feh­ler sei­nes Geg­ners, duschte sich in Scha­den­freude. Als läp­pisch ver­lachte er die Frage, ob es stimmt, dass die Insel Lum­mer­land drei Berge hat. »Klar, das Lied: ›Eine Insel mit drei Ber­gen‹«, eine Kin­der­gar­ten­auf­gabe. Blöd nur, dass das Lied geht: »Eine Insel mit zwei Ber­gen…« Seine aggres­si­ven Sie­ges­ges­ten kamen so wenig an wie sein beun­ru­hi­gen­der Hang, sich im Selbst­ge­spräch anzu­feu­ern: »Komm schon« / »Du schaffst das« / »Geht doch«.

Er hatte sie bald alle gegen sich: das Publi­kum, die Mode­ra­to­ren, den Kom­men­ta­tor. Auch Raab selbst sagte ein­mal bös­ar­tig (und für Hans-Martin ver­mut­lich uner­klär­lich), er ver­liere ja immer ungern, in die­sem Fall aber beson­ders. Es tat der Span­nung der Sen­dung kei­nen Abbruch, gegen den Kan­di­da­ten zu fie­bern statt mit ihm, aber je deut­li­cher und ein­mü­ti­ger die Able­hung wurde, desto grau­sa­mer wurde die Situa­tion. Opden­hö­vel sagte zu einer Beglei­te­rin Hans-Martins, dass es ja bes­ser sei, viel Geld zu gewin­nen als viele Freunde, und als sie freund­lich in die Falle tappte und wider­sprach, viele Freunde seien ja auch ganz schön, for­derte er das Publi­kum auf, per Applaus zu demons­trie­ren, für wen sie sind. Sie waren für Raab.

Auf dem Kurz­nach­rich­ten­dienst Twit­ter for­mierte sich unter­des­sen eine wach­sende Horde von Leu­ten, die sich in immer grö­be­rem Spott über den jun­gen Mann über­bo­ten, für den sie früh und kon­se­quent den Spitz– und Erken­nungs­na­men #hass­mar­tin erfun­den hat­ten. (Unklar blieb dabei aller­dings, wel­chen Grund nun aus­ge­rech­net diese Leute haben soll­ten, sich mit ihrer begeis­tert zur Schau gestell­ten Aso­zia­li­tät dem sozial unge­schick­ten Kan­di­da­ten über­le­gen zu fühlen.)

Doch dem Urteil, dass hier jemand sen­sa­tio­nell unsym­pha­tisch auf­trat, kann man nur schwer wider­spre­chen. Der Abend war eine fas­zi­nie­rende und etwas beun­ru­hi­gende Lek­tion, wie schnell und voll­stän­dig man sich ins Aus kata­pul­tie­ren kann. Dabei wird die Pose des über­trie­ben selbst­be­wuss­ten Her­aus­for­de­rers eigent­lich schon vom For­mat und dem Cas­ting vor­ge­ge­ben. Und viele der Eigen­schaf­ten, die bei Hans-Martin so absto­ßend wirk­ten, gehö­ren auch zum Reper­toire Raabs, der aber als lang­jäh­ri­ger Profi natür­lich viel geschick­ter darin ist, sie in den Spit­zen auf ein Maß her­un­ter­zu­re­geln, das im Fern­se­hen nicht zu pein­lich aussieht.

Das war der Haupt­feh­ler des Kan­di­da­ten an die­sem Abend: Dass er nicht erkannt hat, was seine Rolle ist in die­sem Spiel. Rela­tiv früh, bevor sie beim 2000-Meter-Bahnradfahren gegen­ein­an­der antra­ten und nicht nur die Kon­di­tion gegen Raab sprach, sagte er, da würde er sich aber sehr schä­men, wenn er das nicht gewin­nen würde, und tät­schelte dabei tat­säch­lich Raabs Bäuch­lein. Es war einer die­ser Fremdschäm-Augenblicke, die man schwer mit anse­hen kann, und Raab hat danach fast instink­tiv die Arme vor die­ser ver­meint­li­chen Schwach­stelle ver­schränkt. Aber inter­es­san­ter­weise hätte die Szene umge­kehrt funk­tio­niert: Raab hätte sich über eine Schwä­che des Geg­ners auf diese Weise lus­tig machen kön­nen, ohne dass es so pein­lich gewe­sen wäre: Er hätte es pro­fes­sio­nell augen­zwin­kernd abfe­dern kön­nen, und wenn er durch so eine Form von Arro­ganz das Publi­kum gegen sich auf­bringt, ver­schafft er dem Kan­di­da­ten nur zusätz­li­che Sym­pa­thien, was sehr in Ord­nung geht.

Trotz­dem war das Maß, in dem Raabs Erfolge von den Zuschau­ern im Stu­dio gefei­ert wur­den, und Punkte von Hans-Martin Schulze fast schwei­gend quit­tiert wur­den, fast scho­ckie­rend, und bei den Buh­ru­fen ganz am Ende musste sogar Raab selbst ein­grei­fen. Wie geht man als Mensch eigent­lich mit der Erfah­rung um, dass die eigene Art auf andere anschei­nend der­art absto­ßend wirkt?

Inso­fern erin­nerte der Abend ein wenig an die erste Staf­fel von »Big Bro­ther«: Als die Bewoh­ne­rin Kers­tin Manuela irgend­wann scho­ckiert fest­stel­len musste, dass dass sie im Laufe der Wochen im Con­tai­ner für die Zuschauer zuhause zu einer Hass­fi­gur gewor­den war, und viele ihr das auch zeig­ten. Hans-Martin ver­spielte die Sym­pa­thien in nur einem Abend. Das hätte er auch nicht geahnt: Dass der Preis für die 500.000 Euro so hoch sein könnte.

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