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Warum die „Millionärswahl“ blöd war. Und warum es blöd ist, dass sie blöd war.

13 Jan 14
13. Januar 2014


Fotos: Sat.1/ProSieben/Willi Weber

War ja klar. Wenn ich schon mal vorab groß über eine neue Show schreibe, weil ich das Konzept faszinierend finde und mich über den Mut freue, es auszuprobieren, wird es ein Desaster. Mitte Dezember war ich in Köln, um mit Karsten Dusse, dem Erfinder der „Millionärswahl“, zu sprechen. Geredet hat aber vor allem Jörg Grabosch, der Chef der Produktionsfirma Brainpool. Fast zwei Stunden lang sprudelte es aus ihm heraus. Er war so begeistert von dem simplen Konzept, einen Millionär vom Publikum wählen zu lassen, und aufgeregt, wie man daraus eine gute Show machen kann, wenn nicht Redakteure die Teilnehmer und Inhalte bestimmen, sondern eine Community im Internet.

Die beiden haben mir die Tafel gezeigt, auf der sie versucht haben, aus den 49 sehr unterschiedlichen Kandidaten sieben abwechslungsreiche Shows zu komponieren. Sie haben mir die ersten Vorstellungs-Einspielfilme gezeigt, die versuchten, aus den Internet-Videos der Leute professionell wirkende Fernseh-Trailer zu machen. Sie haben mir von der „Convention“ erzählt, zu der sie alle 49 nach Köln eingeladen haben, damit sie dort gefilmt, fotografiert und interviewt werden, weil die Zeit gar nicht ausgereicht hätte, die alle zuhause zu besuchen. Über Weihnachten und Silvester haben die besten Leute bei Brainpool an dieser Show gearbeitet.

Es war leider trotzdem keine gute Show.

Ich glaube, der Hauptfehler war, aus dem Konzept der Millionärswahl eine große Show zu machen, in der Leute live auf der großen Bühne etwas vorführen. Die meisten Kandidaten, die ins Fernsehen gewählt wurden, hatten irgendwelche Talente und konnten etwas ganz gut. Da war eine Frau, die ganz gut mit einem Ball umgehen kann, eine Gruppe junger Männer, die ganz gut turnen kann, ein Motocross-Fahrer, der ganz gut Freestyle-Sprünge kann, ein Sänger und Musiker, der, naja.

Viele dieser Leute waren nicht schlecht. Aber keiner war so gut, dass man sagte: Wow, für die Leistung hätte er eine Million Euro verdient.

Vielleicht hätte man anders geurteilt, wenn man die Leute gekannt hätte. Wenn man mehr über ihre Geschichte und Geschichten erfahren hätte. Wenn man das Besondere an den Persönlichkeiten kennengelernt hätte.

„Wem gönnst du die Million“, lautete die Frage, die die Show stellen wollte und die ich nach wie vor für faszinierend halte. Tatsächlich war sie aber so sehr auf die Performance auf der Bühne ausgelegt, dass es in der Sendung mehr klang nach: „Was muss jemand können oder machen, dass er dafür eine Million verdient hätte.“ Die Antwort lautet dann in den meisten Fällen schnell: Keine Ahnung, aber mehr als das.

Es hätte, anders gesagt, eine Gesprächssendung sein müssen, mit dafür geeigneten Moderatoren und einem passenden Rahmen, ohne das LED-Ufo-Getöse mitten im Raum. Aber das wäre dann vermutlich keine mehrstündige 20-Uhr-15-Show für ProSiebenSat.1 geworden. (Gut, so war sie es, wie sich dann herausstellte, auch nicht.)

Die Nähe in der Inszenierung zu den vielen bekannten Casting– und Dinge-um-die-Wette-Mach-Shows schadete der „Millionärswahl“. Es hätte sehr geholfen, wenn es mehr Kandidaten in die Sendung geschafft hätten, die nicht mit ihrem Talent oder ihrer Persönlichkeit, sondern eine tollen Idee zur Verwendung des Geldes angetreten wären. Die eine genaue Vorstellung hätten, was sie mit dem Gewinn anstellen wollen: Filmstudenten oder Erfinder, zum Beispiel, so dass alle etwas davon haben, wenn einer von ihnen die Million bekommt. Aber die haben sich kaum beworben. Und wenn sie es getan hätten, weiß man auch nicht, ob die Show-Firma Brainpool es geschafft hätte, sie und ihre Ideen in diesem Rahmen ansprechend in Szene zu setzen.

Womöglich wären auch die Reaktionen auf den Überraschungssieger der ersten Sendung nicht so heftig ausgefallen, wenn man mehr ihn über sein Projekt — eine Tanzschule für Kinder — erfahren hätte. Vielleicht hätte sich dadurch erklären lassen, warum die anderen Kandidaten, die ihn kannten, ihm so viele Punkte gaben, dass er gewann, obwohl das Publikum nicht für ihn gestimmt hatte. Die Zuschauer hatten vor allem seine Performance auf der Bühne gesehen, und die war jetzt nicht so spektakulär.

Ach, und das Voting. Es war kein Versehen, dass die Kandidaten in der ersten Show mit ihrem Voting das Feld noch komplett durcheinander würfeln konnten. Dass die Punkte, die sie vergaben, die Entscheidung brachten und dass die im Angesicht der Punkte gefällt wurde, die vorher schon abgegeben worden waren. Grabosch hat mir mehrmals stolz vorgerechnet, wie diese 28 Punkte der Teilnehmer untereinander am Schluss alles noch drehen können.

Das Publikum fand das aber offenkundig nicht aufregend und fasznierend, sondern empörend — angesichts des speziellen zufälligen Verlaufs der Punktevergabe war das sehr nachvollziehbar und führte vermutlich zu der Regeländerung in der zweiten Sendung.

Solche Dinge passieren, wenn man kein fertiges und im Ausland vielfach getestetes Format einkauft, sondern eine eigene Idee hat und daraus eine Show bastelt. Fernsehkritiker fordern die ganze Zeit, dass das deutsche Fernsehen nicht immer auf Nummer sicher gehen und auch einmal etwas wagen soll. Wer viel wagt, kann so richtig spektakulär scheitern.

Die „Millionärswahl“ war keine gute Show, und insofern ist es natürlich in Ordnung, dass das Publikum sie nicht eingeschaltet hat, und konsequent, dass ProSieben und Sat.1 nun mit drastischen Schritten Schadensbegrenzung versuchen. Blöd ist das aber nicht nur für die Möchtegernmillionäre, die sich auf einen großen Auftritt gefreut hatten, der sich für viele auch ohne den Gewinn gelohnt hätte. Blöd ist es auch für das deutsche Fernsehen. Zu fürchten ist nämlich, dass die Sender, und insbesondere die renditefixierte Gruppe ProSiebenSat.1, in Zukunft noch mehr auf Nummer sicher gehen und das Risiko des Neuen, Kreativen, Unerprobten meiden.

Die Arschlm

25 Aug 11
25. August 2011

Wenn man, wie ProSieben, keinen Ruf mehr zu verlieren hat, erhöht das deutlich die Handlungsoptionen. Und so griff der Sender in seiner Verzweiflung, dass die Leute sich nicht massenhaft dazu hinreißen lassen, die als Sommerhit geplante Sendung „Die Alm“ der sendereigenen Schrottproduktionsfirma Red Seven zu gucken, am späten Mittwochnachmittag zu einem erstaunlichen Mittel.

Er gab eine Pressemitteilung heraus, die man beim flüchtigen Hinsehen für eine Nachricht, sogar eine dringende Nachricht halten konnte. Sie lautete:

(Eil) Gina-Lisa, Rolfe und der Checker verlassen „Die Alm“

Unterföhring (ots) — Gina-Lisa Lohfink, Rolf Scheider und Thomas „Der Checker“ Karaoglan haben „Die Alm“ verlassen. Wie es weitergeht: Heute Abend um 22.15 Uhr live auf ProSieben.

(Vollständiges Zitat.)

Die Pressemitteilung ist eine Unverschämtheit. Die drei Unbekannten hatten die Alm schon am Dienstagmorgen verlassen. Und waren bereits am Dienstagabend zurückgekehrt. Wenn überhaupt, hatten die Kandidaten vorübergehend die Alm verlassen, aber nicht „Die Alm“.

Nun ist es für einen Sender wie ProSieben vermutlich bloß Ausdruck von Realitätssinn, bei seinen Pressemitteilungen nicht mehr auf Qualität Wert zu legen als bei der Produktion seiner Fernsehprogramme. Und wie viel Glaubwürdigkeit bei ProSieben zählt, bewies der Sender schon vor zwei Jahren, als er Werbung für eine neue Mystery-Serie so aussehen ließ, als handelte es sich um echte Breaking News. Trotzdem musste man bislang nicht unbedingt davon ausgehen, dass ProSieben über den üblichen Presseverteiler und unter dem Namen der tatsächlichen Pressesprecherin eine solche Lügengeschichte verbreiten würde.

Andererseits: Eine Ein-Satz-Mitteilung inklusive Schalten-Sie-ein-Teaser — kann das ernsthaft die Grundlage sein, auf der Journalisten Berichte verfassen?

Es kann.

Der Branchendienst DWDL verlieh der Ente zusätzliche Glaubwürdigkeit, indem er behauptete, sowas schon vorher gehört zu haben:

Gina-Lisa, Rolfe und der Checker verlassen „Die Alm“

Schon seit Mittwochmorgen ging das Gerücht um, der ProSieben-Realityshow „Die Alm“ würden die Promis weglaufen. Tagsüber dementierte der Sender noch. Am frühen Abend dann aber die Bestätigung per Eilmeldung über die üblichen Presseverteiler.

Eine Stunde später korrigierte DWDL sich und entschuldigte sich für die „kurzfristige Verwirrung“.

Auf Bild.de steht immer noch folgendes Nachrichtenfragment:

Gina-Lisa, Rolfe und der Checker verlassen „Die Alm“

Unterföhring (Bayern) — Gina-Lisa Lohfink, Rolf Scheider und Thomas „Der Checker“ Karaoglan haben „Die Alm“ verlassen. Die Sendung wird auf ProSieben ausgestrahlt.

Und in Rekordzeit interpretierte der über die dramatischen Vorgänge in der Sendung offenbar bestens informierte Online-Ableger der „Rheinischen Post“ die Breaking News:

Gina-Lisa, Rolf und der Checker
Promis verlassen die Alm von Prosieben

Düsseldorf (RPO). Die Promis hatten offenbar genug vom Landleben: Gina-Lisa Lohfink, Rolf Scheider und Thomas „Der Checker“ Karaoglan haben „Die Alm“ verlassen. Das teilt Prosieben am Mittwochabend mit.

Es war nicht immer alles sonnig bei der Promi-Trash-Show „Die Alm“ — aber das ist ja auch das Konzept. Nun haben laut Sender aber gleich drei Bewohner ihre Rucksäcke gepackt und sind abgerauscht. Und das zeichnete sich bereits ab.

Rolf(e) Scheider drohte bereits mit Ausstieg. Denn die Bedingungen auf der Alm sind einfach zu hart für den sensiblen Castingdirektor, meint Prosieben. (…)

Moderatorin Charlotte und Ex-Topmodel-Anwärterin Tessa haben erst Thomas „Checker“  Karaoglan die Schlafdecke versteckt, dann haben sie Gina-Lisa auf dem Kieker (…).

Sollte es damit jetzt vorbei sein, mit allen diesen Lästereien und Boshaftigkeiten? Oder geht es ohne Rolf, den Checker und Gina-Lisa weiter? Prosieben hüllt sich in Schweigen — und verweist auf die Sendung um 22.15 Uhr. Vielleicht lassen sich die drei ja überreden, zurückzukommen.  Viel Lärm um nichts, würde man das dann wohl nennen.

Joa. Obwohl mir da noch andere Formulierungen einfielen, wie man das „wohl nennen“ würde. „Deppen unter sich“, vielleicht. Oder: „Wenn PR-Simulation auf Journalismus-Simulation trifft“. Oder irgendwas mit Fäkalien.

Ich notorischer Urheberrechtsverletzer

12 Feb 10
12. Februar 2010

YouTube hat meinen Account gelöscht. Damit sind all die schönen Videos, die ich für das Fernsehlexikon hochgeladen habe, verschwunden. Das kam nicht ganz überraschend: Kurz zuvor hatte das Portal zum zweiten Mal ein von mir hochgeladenes Video gelöscht, weil ich damit angeblich möglicherweise gegen das Urheberrecht eines Fernsehunternehmens verstoßen hätte. Wenn das passiert, schickt YouTube eine Mail, in der es unmissverständlich heißt:

Dies ist die zweite Urheberrechtsbeschwerde zulasten deines Kontos. Eine einzige weitere Beschwerde führt zur Kündigung deines Kontos. Wenn du dies vermeiden möchtest, lösche sämtliche Videos, an denen du keine Rechte besitzt, und lade in Zukunft keine Videos mehr hoch, die die Urheberrechte anderer verletzen. Weitere Informationen zu den Urheberrechtsrichtlinien von YouTube findest du in den Tipps zum Urheberrecht.

Ich war also gewarnt. Ich hatte nur nicht damit gerechnet, dass der Sender ProSieben (oder genauer: sein Vermarkter Seven One) kurz darauf nach über einem Jahr daran Anstoß nehmen würde, dass ich Ende 2008 einen 24-sekündigen Ausschnitt aus dem damaligen Jahresrückblick von „Switch Reloaded“ bei YouTube hochgeladen hatte. Es handelte sich um eine kurze Szene mit der Parodie, in der Elke Heidenreich Marcel Reich-Ranicki von der Bühne schlägt — mit einem leicht veränderten Exemplar des „Fernsehlexikon“, das ich mit Michael Reufsteck geschrieben habe.

Das ist ein interessanter Fall. Natürlich besitze ich keine Rechte an dieser Szene und darf sie deshalb eigentlich nicht bei irgendwelchen Videoportalen hochladen. Andererseits hatte ich das Video in einen Blogeintrag eingebettet, der sich mit dem Gezeigten beschäftigt, wodurch der Gebrauch durch das Zitatrecht gedeckt wäre. Wiederum andererseits sieht man das aber dem Video selbst nicht an, das ja ausschließlich aus dem Inhalt von ProSieben besteht. (Ob es den Sendern wirklich hilft, wenn sie jeden vermeintlich illegalen 24-Sekunden-Mitschnitt ihrer Programme auf YouTube sperren lassen, ist eine andere Frage, aber die Sender sind gerade so sensationell unentspannt, was ihr Leben in der veränderten digitalen Welt angeht, dass Prinzip im Zweifel immer vor Pragmatismus geht.)

Die beiden ersten Videos hatte RTL sperren lassen. Das erste war die Szene aus dem RTL-Mittagsmischmagazin „Punkt 12″, in der eine Reporterin live vom Amoklauf in Winnenden berichtete („hier blinken die Lichter“, „Chaos vom Feinsten“). Anfang Januar ließ RTL dann das auch das ebenso typische wie unwürdige Ende der letzten „Oliver Geißen“-Talkshow löschen. Mag sein, dass der Ausschnitt mit über dreieinhalb Minuten Länge nicht mehr wirklich als Zitat durchgeht. Aber für mich war das auch ein fernsehhistorisches Dokument — und ich würde wetten, dass RTL auch einen Ausschnitt von dreieinhalb Sekunden Länge nicht hingenommen hätte.

Komisch, davon hört man gar nichts, bei all dem Gejammer der Sender über den massenhaften „Diebstahl“ ihrer Inhalte: dass sie längst sehr effektiv und rücksichtslos jeden fremden Gebrauch ihres Materials auf den Videoplattformen verhindern, auch den legalen.

Für das Fernsehblog der FAZ habe ich vor ein paar Wochen ein Video angefertigt und (auf einem anderen YouTube-Account) hochgeladen, das demonstriert, um welchen winzigen Ausschnitt RTL eine Folge von „Deutschland sucht den Superstar“ für die Nachmittagswiederholung gekürzt hatte. Der Sender hatte behauptet, von den Jugendschützern der Landesmedienanstalten für eine Szene kritisiert worden zu sein, die am Nachmittag gar nicht zu sehen war — eine Lüge. In dem einminütigen Ausschnitt war zu sehen, dass all das, was die KJM gerügt hatte, auch in der kürzeren Version vorkam.

Nun ist es gar nicht leicht, Videos, die in irgendeiner Form Inhalte von „DSDS“ enthalten, überhaupt bei YouTube hochzuladen. Durch eine clevere Technik werden sie sofort als RTL-Inhalte identifiziert. Ich musste ausdrücklich bestätigen, dass und warum ich der Meinung bin, sie trotzdem veröffentlichen zu dürfen, und eine „Erklärung in gutem Glauben“ unterzeichnen. Das tat ich — und trotzdem blieb das Video nicht lange online. YouTube teilte mir nach ein paar Stunden mit, RTL habe mein Video „geprüft“ und seine „Ansprüche auf den gesamten Content oder Teile davon erneut bestätigt“. Mein Video sei „folglich weltweit gesperrt“.

Beim deutschen YouTube-Möchtegern-Konkurrenten Sevenload ist alles noch schlimmer. Hier hatte ich das Video hochgeladen, nachdem YouTube es gelöscht hatte. Hier musste RTL nicht einmal einschreiten — Sevenload sperrte es von sich aus. Bei Sevenload bekam ich auch keinen Hinweis per Mail, sondern musste mich einloggen, um die vage klingende und offenbar hastig formulierte Nachricht zu finden:

Hallo fernsehblog,
dein Bild/Video ‚Jugendschutz bei DSDS‘ wurde gesperrt, weil sie gegen unsere Richtlinien (Nutzungsbedingungen) verstößt. Aus diesem Grund ist diese Datei nur noch für dich sichtbar. Falls es sich um ein Missverständnis handelt oder du fragen hast, kontaktiere bitte unseren Support.
%suporterName [sic!]

Der Support ließ sich nicht überzeugen, dass die Verwendung der nachbearbeiteten RTL-Inhalte durch das Zitatrecht gedeckt sein könnte. Sevenload hat sich auch bei den Videos, mit denen das Forum call-in-tv.net die frappierenden Merkwürdigkeiten in den Abläufen von Call-TV-Sendungen dokumentiert, als dafür untaugliche Plattform erwiesen. Ein bizarrer Versuch von Sevenload vor eineinhalb Jahren, sich unter der Marke „watchblog-tv“ als unwahrscheinlicher Kämpfer für kritischen Medienjournalismus zu etablieren, verendete nach wenigen Tagen, sobald das PR-Geklingel vorbei war.

Video-Portale wie YouTube haben es Unbefugten viel leichter gemacht, das Material der Sender zu verbreiten. Aber sie haben es den Sendern auch viel leichter gemacht, die Verbreitung ihres Materials zu kontrollieren und zu unterbinden. Und es reicht offenbar, dass ein Sender behauptet, dass ein Verstoß gegen das Urheberrecht vorliege, um ein Video sperren zu lassen.

Ich versuche schon seit längerer Zeit, eine allgemeine Aussage von RTL zu bekommen, welchen Bedingungen ein Video genügen müsste, das sich mit dem RTL-Programm auseinandersetzt und den Gegenstand auch dokumentiert, um nach dem Verständnis des Senders zulässig zu sein und nicht von den Videoplattformen gelöscht zu werden. Eine wirkliche Antwort habe ich nie bekommen. Vermutlich hat der Sender gar kein Interesse, sie zu formulieren. Da sitzen irgendwo vermutlich Studenten oder Praktikanten, die routinemäßig die Videoplattformen abgrasen und alles löschen lassen, wo das RTL-Logo in der Ecke klebt. Dass das deutsches Urheberrecht keineswegs jede Verwendung und Weiterverarbeitung von RTL-Inhalten ausschließt, wird dem Sender egal sein. Zum Zitatrecht hat er ohnehin ein gespaltenes Verhältnis.

Wer keine Möglichkeit hat, ein Video auf einem eigenen Server zu veröffentlichen, dem bleibt mit etwas Glück ein Trick: Bei ihren eigenen Plattformen „Clipfish“ (RTL) und „MyVideo“ (ProSieben) nehmen es die Sender nicht so genau mit ihrem Urheberrecht. Es ist natürlich ein bisschen gewöhnungsbedürftig, sich ausgerechnet in die bunte Trashhölle eines Angebotes wie „Clipfish“ zu begeben. Aber das Video von dem RTL-Debakel in Winnenden, das der Sender vergessen machen wollte und überall sonst löschen ließ, lebt dort schon seit einem Dreivierteljahr unbehelligt vor sich hin.

Das Geschäft mit den Bildern

13 Nov 09
13. November 2009

Die Firma, die die Bergungsarbeiten am Bahnübergang gefilmt hat, an dem sich Robert Enke das Leben genommen hat, und die das Glück hatte, auch Teresa Enke in dem Moment gefilmt zu haben, als sie an die Unglücksstelle kommt und verzweifelt die Polizisten fragt, was mit ihrem Mann ist, diese Firma heißt NonstopNews.

Sie ist nach eigenen Angaben der zweitgrößte „unabhängige Nachrichtendienst“ Deutschlands, und Aufnahmen von Unfällen und Bergungsarbeiten, eingeklemmten Verletzten und weggetragenen Leichen sind ihr Geschäft.

Am Dienstag verschickte sie um kurz vor Mitternacht das Angebot per E-Mail an die Redaktionen.

Bilderangebot: Schock für ganz Fußball-Deutschland: Nationaltorwart Robert Enke von Zug erfasst und tödlich verletzt

NewsNr. 10007
Stand: 2009-11-10 20:54:30
Länge: 6+6:00 Min.
Verfügbar: 23.55 Uhr (…)

Datum: Dienstag , 10. November 2009, 18:30 Uhr
Ort: Eilvese, Region Hannover, Niedersachsen
(…)

Die aktuellen NonstopNews-Bilder und die O-Töne :

  • Totale der Einsatzstelle, Großaufgebot Feuerwehr und Polizei vor Ort

  • Regionalbahn auf den Gleisen,
  • Feuerwehrleute stehen rund um den Regionalzug
  • Auto von Robert Enke unweite des Bahnübergangs,
  • Exklusiv: Abfahrt Rettungswagen
  • Exklusiv: Mercedes M-Klasse von Robert Enke wird auf Abschlepper sichergestellt
  • Notfallseelsorger vor Ort Polizei bei Unfallaufnahme
  • Bahnhof Eilvese
  • Seelsorger mit Feuerwehrleuten im Gespräch
  • Frau von Robert Enke, Teresa: „Jetzt sagen sie mir endlich was mit meinem Mann ist„
  • Abfahrt Leichenwagen
  • Zahlreiche Fans an der Einsatzstelle, Regionalzug fährt an stehenden Zug vorbei
  • Fans mit Hannover 96 Trikots und Schals legen Kerzen nieder
  • O-Töne mit mehreren Fans an der Einsatzstelle: …kann gar nicht sein dass Robert Enke tot ist…können uns nicht vorstellen das er das ist…haben aus dem Fernsehen davon erfahren und sind zur Einsatzstelle gefahren…trifft uns wie ein Schlag…kann nicht glauben das er das getan hat…können uns aber nicht vorstellen das er sich umgebracht hat weil Jogi Löw ihn nicht in der Nationalelf spielen lässt…kenne ihn persönlich aus dem Dorf und ist als superlieber netter Typ bekannt, hat ihm aus dem Dorf keiner zugetraut…
  • O-Ton Polizei Hannover (Name auf Band): …Lokführer meldete Person auf den Gleisen… vollbesetzte Regionalbahn…als wir gemerkt haben wer das ist waren wir alle sehr erschüttert…haben Auto gefunden…
  • O-Ton Stefan Wittke, Sprecher von Robert Enke:…sind alle sehr betroffen…habe ihn am Montag das letzte Mal gesehen, gab keine Anzeichen das was nicht in Ordnung ist…war ein großer Mann der uns verloren gehr…man kann noch nicht abschätzen was das für den Verein für Konsequenzen hat…
  • Schnittbilder

Bestellen Sie das TV-Material unter (…) — Standort: Hannover (…)

(Alle Formatierungen im Original)

Und die Fernsehsender nahmen das Angebot an und kauften die Aufnahmen. Mindestens das ZDF, RTL und Kabel 1 zeigten auch die Szene, in der wir erfahren, wie es aussieht, wenn eine Frau an den Ort kommt, an dem sich ihr Mann gerade das Leben genommen hat — ProSieben sogar unverpixelt, mit Ton und, für alle Fälle, Untertiteln.

„Lebt er noch?“

12 Nov 09
12. November 2009

Mittwochabend, 18 Uhr. Die ProSieben-Nachrichtensendung „Newstime“ macht mit dem Tod von Nationaltorwart Robert Enke auf. Stefan Landgraf berichtet.

„Der 32-Jährige hatte sich am Abend vor einen Zug geworfen, ganz in der Nähe seines Wohnortes. Enkes Ehefrau Teresa eilt sofort zum Ort der Tragödie.“

Wir sehen den Zug auf den Gleisen, das hellerleuchtete Führerhaus, Feuerwehrleute, die unter die Lok sehen. Dann die Straße, die Gleise, den Bahnübergang. Und eine junge Frau, die aufgeregt mit einer Gruppe von Helfern spricht. Sie dreht sich einem Polizisten zu. Wir hören, was sie sagt, aber weil ihre Stimme schrill und panisch ist, hat ProSieben es sicherheitshalber dazugeschrieben:

"Sagen Sie bitte, was mit meinem Mann ist."
(Screenshot: Pro Sieben. Unkenntlichmachung von mir.)

Von links läuft ein weitere Helfer ins Bild. Wir hören, wie der Polizist antwortet: „Das kann ich Ihnen jetzt nicht sagen.“ Die Stimme der Frau überschlägt sich jetzt:

"Lebt er noch?"
(Screenshot: Pro Sieben. Unkenntlichmachung von mir.)

Der Polizist sagt noch einmal: „Das kann ich Ihnen jetzt nicht sagen.“ Dann geht der Beitrag weiter mit Bildern derselben Frau Enke auf dem Weg zur Pressekonferenz. „Eine tapfere Frau“, nennt sie der Sprecher.

Als ich bei N24 anrufe, den Sender, von dem ProSieben seine Nachrichten bezieht, versteht man erst meine Frage nach irgendwelchen Reaktionen auf die Ausstrahlung dieser Szene nicht. (Ich wollte nicht gleich fragen, ob der verantwortliche Chefredakteur noch im Amt ist.) Außerdem sei das überall gelaufen, heißt es aus der Sendergruppe, teilweise allerdings verpixelt.

ProSieben-Sprecher Christoph Körfer sagt: „Aus Sicht der Nachrichtenredaktion war es angemessen, die Bilder zu zeigen.“

Nachtrag, 13. November. Mehr dazu hier.