»Auch der Tod hat ein Recht auf Leben«

Die Kol­le­gen fanden’s fast alle schreck­lich. Hans Hoff meint, der Film sei »dem Tod geweiht. In jeder Hin­sicht«. David Denk schreibt, er sei »irgend­wie egal, irgend­wie deutsch«. Daniela Zin­ser fin­det, das Dreh­buch sei »bru­tal auf Roman­tik­kitsch getrimmt«.


Fotos: Sat.1

»Und weg bist du« ist eine Tra­gi­ko­mö­die über die letz­ten Wochen im Leben von Schuh­ver­käu­fe­rin Jela Becker. Ihr Kör­per ist vol­ler Meta­sta­sen. »Mit ein biss­chen Pech über­nimmt der Krebs mein Gehirn«, sagt sie, »mit ein biss­chen Glück bin ich vor­her tot.« Der Tod erwar­tet sie schon an der Fahr­stuhl­tür im Kran­ken­haus, aber sie schafft es, ihm zu impo­nie­ren – und zu ent­wi­schen. Bis zum ach­ten Geburts­tag ihrer Toch­ter in vier Wochen will sie unbe­dingt durchhalten.

Sie ver­sucht, noch ein biss­chen zu leben und sucht nach dem rich­ti­gen Weg, ihre Fami­lie auf das Leben nach ihrem Tod vor­zu­be­rei­ten. Der Tod ver­sucht der­weil, an ihrer Stelle ihre alte, ver­bit­terte Nach­ba­rin (Ruth Maria Kubit­schek) ins Jen­seits zu beför­dern, die wirk­lich nicht am Leben zu hän­gen scheint.

Aus der Kon­stel­la­tion mit Chris­toph Maria Herbst als lang­haa­ri­gem Tod, der sich in die Frau ver­liebt, die er ster­ben las­sen soll, hätte eine schreck­li­che Kla­motte wer­den kön­nen. Und der Film lässt die nahe­lie­gen­den Poin­ten und Kalauer nicht aus. Mit Stra­ßen­schu­hen in ihre gute Stube? »Nur über meine Lei­che«, sagt die alte Frau zum Tod. Und der recht­fer­tigt seine Romanze mit den Wor­ten: »Auch der Tod hat ein Recht auf Leben.«

Aber »Und weg bist du« mon­tiert die erwart­ba­ren Ver­satz­stü­cke sol­cher Filme zu einer dann doch immer wie­der unbe­re­chen­ba­ren, ori­gi­nel­len, leich­ten Geschichte über das Ster­ben Leben.

Mir hat der Film sehr gefal­len, er hat mich zum Lachen gebracht und bewegt, er hatte genau das rich­tige Maß Kitsch für mich und eine wun­der­bare Annette Frier in der Haupt­rolle. Und weil man ja nicht so oft die Gele­gen­heit hat, für einen Sat.1-FilmFilm zu schwär­men, möchte ich die­sen Sat.1-Filmfilm empfehlen.

Er ist übri­gens so etwas wie der Abschieds­film von Sat.1-Geschäftsführer Joa­chim Kosack. Bei der Pre­miere am Kur­fürs­ten­damm sagte er vor dem ver­sam­mel­ten Publi­kum aus Künst­lern, Jour­na­lis­ten und Gäs­ten: »Ich freue mich, dass mein Onko­loge da ist«, und das war kein Witz. Sein Abschied ist dann aber zum Glück doch nur von Sat.1.

Bussi-Bussi, Bling-Bling, Balla-Balla

»Die Grund­la­gen des dua­len Fern­seh­sys­tems ver­pflich­ten auch pri­vate Rund­funk­sta­tio­nen zu einer umfas­sen­den poli­ti­schen Bericht­er­stat­tung. Die­sem Infor­ma­ti­ons­auf­trag kön­nen wir durch Ihre heu­tige Ent­schei­dung nicht gerecht werden.«

(Aus dem Pro­test­schrei­ben von RTL, ProSiebenSat.1 und N24 an den Bun­des­prä­si­den­ten.)

Tja. Wie soll man über ein Gespräch berich­ten, bei dem man nicht sel­ber dabei war? Das man nur voll­stän­dig zur Ver­fü­gung gestellt bekommt?

Zum Glück ist dem Münch­ner Pri­vat­sen­der Sat.1 dann doch noch ein Weg ein­ge­fal­len, sei­nem Infor­ma­ti­ons­auf­trag trotz die­ser erschwer­ten Bedin­gun­gen in vol­lem Umfang gerecht zu wer­den. Er hat sich an eine Frau gewandt, die es gewohnt ist, Dinge zu ana­ly­sie­ren, die sie gar nicht wis­sen kann. Eine Frau, die weiß, wie die Dinge lau­fen in der Welt, und sich nicht scheut, sie auf den Punkt, vor­zugs­weise aber noch auf das Komma und das Aus­ru­fe­zei­chen zu brin­gen. Eine Frau, die als Möbel­stück und Mas­kott­chen im sen­der­ei­ge­nen Früh­stücks­fern­se­hen lebt.

Sibylle Wei­schen­berg.

Sibylle Wei­schen­berg weiß nicht nur zuver­läs­sig, was die Trend­farbe des nächs­ten Som­mers ist, wer schön singt bei »The Voice«, wie ehr­lich ein Lie­bes­be­kennt­nis eines belie­bi­gen Pro­mi­nen­ten ist und mit wie­viel Make-Up und wel­cher Fri­sur man gerade noch nicht irgendwo ein­ge­wie­sen wird, wenn man nach der Arbeit das Sat.1-Studio ver­lässt. Sie weiß auch, was Pres­se­frei­heit und Zen­sur ist.

Zen­sur ist zum Bei­spiel, weiß Sibylle Wei­schen­berg, wenn Mil­lio­nen von Men­schen, die sonst eigent­lich nur Bar­bara Salesch und Inka Bause gucken, gezwun­gen wer­den, auf der Fern­be­die­nung das erste oder zweite Pro­gramm zu fin­den, um ein zwan­zig­mi­nü­ti­ges Gespräch mit dem Bun­des­prä­si­den­ten sehen zu können:

»Wulff hat ein­fach mal eine Mil­lio­nen­schar von Men­schen damit aus­ge­klam­mert, die näm­lich bei den pri­va­ten Sen­dern vor­zugs­weise schauen. Das ist eine Unver­schämt­heit, auch das ist wie­der eine Art von Zensur.«

Ein »Ein­griff in die Pres­se­frei­heit« ist das, weiß Sibylle Wei­schen­berg, ein »Skan­dal ohnegleichen«.

Aber sehen Sie selbst die wich­tigs­ten Aus­schnitte aus der gest­ri­gen Ana­lyse des Inter­views des Bun­des­prä­si­den­ten. Es ges­ti­ku­liert: Sibylle Wei­schen­berg vom Sat.1-Frühstücksfernsehen. ((Hin­weis für Men­schen, die nur sel­ten deut­sches Pri­vat­fern­se­hen gucken: Es han­delt sich nicht um eine Par­odie.))
 

Sie sahen: Sat.1 beim Erfül­len sei­nes Infor­ma­ti­ons­auf­tra­ges. Oder um es mit Sibylle Wei­schen­berg zu sagen: »Hallo?«

Ein Abschiedsgericht für Barbara Salesch

Das war eine der erstaun­lichs­ten Erfah­run­gen, als Michael Reuf­steck und ich damals ver­such­ten, für unser »Fern­seh­lexi­kon« her­aus­zu­fin­den, was eigent­lich die letz­ten zehn, drei­ßig, fünf­zig Jahre im Fern­se­hen gelau­fen ist: Die Sen­der selbst wis­sen es auch nicht.

Beim NDR hat mich ein Kol­lege in weit abge­le­gene Räume geführt, wo Unmen­gen bes­ten­falls vier­tel­sor­tier­ter Pro­gramm­ab­lauf­pläne und Pres­se­aus­schnitte vor sich hin­rot­te­ten. Bei RTL sagte man uns, dass man in den Anfangs­jah­ren voll und ganz damit aus­ge­füllt war, Fern­se­hen zu machen, und sich nicht auch noch darum küm­mern konnte, für die Nach­welt fest­zu­hal­ten, was man da tat. Und bei Sat.1 bestand das his­to­ri­sche Archiv, soweit die Kol­le­gen sich erin­nern konn­ten, im Wesent­li­chen aus einer Samm­lung von Aus­ga­ben der Fern­seh­zeit­schrift »TV Movie« ab 1991 oder so. (Und ver­mut­lich hat auch die jemand nach der Zwangs­um­sie­de­lung zu Pro­Sie­ben nach Mün­chen kur­zer­hand entsorgt.)

So gese­hen ist es kein Wun­der, dass heute fast über­all steht, Bar­bara Salesch — die zum Ende des Jah­res ihre Gerichts­show auf­ge­ben will — hätte ihre Fern­seh­kar­riere in einer Sen­dung namens »Schieds­ge­richt« begon­nen. Ver­brei­tet wird das unter ande­rem von der Nach­rich­ten­agen­tur dapd:

Salesch ist den Anga­ben [von Sat.1] zufolge Deutsch­lands dienst­äl­teste TV-Richterin. Ihre Fern­seh­kar­riere star­tete die Juris­tin am 27. Sep­tem­ber 1999 in der Sat.1-Sendung »Schieds­ge­richt«, in der echte zivil­recht­li­che Fälle ver­han­delt und rechts­kräf­tige Urteile gespro­chen wur­den. (…) Seit Okto­ber 2000 wer­den in dem For­mat »Rich­te­rin Bar­bara Salesch« aus­schließ­lich fik­tive straf­recht­li­che Fälle verhandelt.

Es gab aber nie eine Sen­dung namens »Schieds­ge­richt«. »Rich­te­rin Bar­bara Salesch« hieß vom ers­ten Tag an »Rich­te­rin Bar­bara Salesch«. Der Feh­ler stammt aber nicht von den dapd-Leuten (denen das unbe­dingt zuzu­trauen wäre), son­dern von Sat.1 selbst, wo mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit außer Frau Salesch und dem Comedy– und Show-Redakteur Josef Bal­ler­stal­ler nie­mand mehr arbei­tet, der dort auch schon 1999 gear­bei­tet hat.

Und weil offen­bar die Neuen nichts mehr haben, wo sie es nach­gu­cken könn­ten (außer, natür­lich, hof­fent­lich, ein Exem­plar des unver­zicht­ba­ren »Fern­seh­lexi­kons«), beginnt die heu­tige Pres­se­mit­tei­lung mit den Worten:

Unter­föh­ring, 1. Juli 2011. Eine TV-Ära geht zu Ende: Am 27. Sep­tem­ber 1999 star­tete »Rich­te­rin Bar­bara Salesch« in SAT.1 als »Schiedsgericht«.

Die For­mu­lie­rung fin­det sich seit 2004 in den Pres­se­mit­tei­lun­gen des Sen­ders (zur 1000. Sen­dung »Rich­te­rin Bar­bara Salesch«, zur 1500. Sen­dung »Rich­te­rin Bar­bara Salesch«, zur 2000. Sen­dung »Rich­te­rin Bar­bara Salesch«). Und das Lus­tige ist, dass sie stim­men würde, wenn man die Anfüh­rungs­zei­chen um »Schieds­ge­richt« weg­ließe, denn es han­delte sich um ein solches.

Aber spä­tes­tens mit dem heu­ti­gen Tag ist die Sen­dung »Schieds­ge­richt«, die es nie gege­ben hat, nach­träg­lich Bestand­teil der Geschichte des deut­schen Fern­se­hens geworden.

Michael Wendler


Foto: Sat.1

Für Ade­line, die sie­ben­jäh­rige Toch­ter des Schla­ger­sän­gers Michael Wend­ler, ist so eine Doku-Soap über ihre Fami­lie eine feine Sache. Sie wird sich in zwan­zig Jah­ren viele Ana­ly­se­stun­den spa­ren kön­nen, indem sie ihrem The­ra­peu­ten ein­fach die Videos zeigt. Die Szene zum Bei­spiel, in der sie in der eher zum Put­zen als zum Kochen genutz­ten Küche einen Becher Kakao ver­schüt­tet, und ihre Mut­ter rea­giert, als seien dem Kind auf dem Weg zur Schule drei Uran­brenn­stäbe aus dem Tor­nis­ter gefal­len. Dann kommt die Groß­mut­ter hinzu, mar­kiert mit spit­zen Fin­gern alle drei klei­nen Kakao-Pfützen und ruft eine ganze »Wie konnte DAS denn passieren?«-Frage der Mut­ter lang »Iiiieh«. Dass die Mut­ter sogar noch ein zwei­tes Küchen­tuch zum Weg­wi­schen braucht, ver­an­lasst Oma zu der Bemer­kung, dass sie, solange sie ein Kind habe, nie zur Ruhe kom­men werde. Ade­line stellt nun die durch­aus ange­mes­sen erschei­nende Frage, warum ihre Mama sie über­haupt zur Welt gebracht habe, wenn sie sie gar nicht wolle, und Oma gibt sich ein biss­chen zu viel Mühe, ihr beim Über-die-Haare-Streicheln zu erklä­ren, sie sei doch ein »Wunsch­kind« gewesen.

Das ist das Auf­re­gendste, das in den ers­ten 45 Minu­ten der sechs­tei­li­gen Serie »Der Wendler-Clan« pas­siert, die Sat.1 ab heute sonn­tags um 19 Uhr zeigt. Das Zweit­auf­re­gendste ist, wie sich Wend­ler dar­über ärgert, dass ein Kol­lege ihn auf offe­ner Bühne in Bot­trop gefragt hat, ob er mit dem Hub­schrau­ber, dem Lam­bor­ghini oder dem 600er Mer­ce­des ange­reist sei — aus blo­ßem Neid, wie Wend­ler meint. (Könnte natür­lich auch etwas damit zu tun haben, dass das eine, das Wend­ler noch mehr mag als den Disco-Fox und sich selbst, das Rum­prot­zen mit Reich­tü­mern ist. In Ober­loh­berg, dem unsym­pa­thi­schen Teil Dins­la­kens, steht ein Bau­stel­len­schild: »Hier baut Michael Wend­ler, der König des Pop­schla­gers, sein Märchenschloss.«)

Er ist ein Phä­no­men, vor allem in sei­ner unge­bro­che­nen Begeis­te­rung für sich selbst, die gleich­zei­tig so befremd­lich und benei­dens­wert ist, dass man sie ihm nicht ein­mal rich­tig übel neh­men kann (solange er nicht singt). Als nied­li­che Figur aus einem Gru­sel­ka­bi­nett hat er dem Fern­se­hen sogar schon uner­war­tete (und teils unfrei­wil­lige) Glanz­mi­nu­ten beschert, im »per­fek­ten Promi-Dinner« etwa und bei Ina Mül­ler. Aber von die­ser bie­de­ren und sehr gespielt wir­ken­den Doku-Soap bleibt bes­ten­falls eine Redens­art: In Dins­la­ken ist ein Becher Kakao umgefallen.

© Frank­fur­ter All­ge­meine Sonntagszeitung

Was würde Umberto Eco über Kerner sagen?

Ich wollte mich ja erst reflex­ar­tig echauf­fie­ren über die sagen­haft irre­füh­rende Über­schrift, die der Online-Auftritt der »Rhei­ni­schen Post« sei­ner Pre­mie­ren­kri­tik von »Ker­ner« auf Sat.1 gege­ben hat:

Dann habe ich aber ver­se­hent­lich den Arti­kel selbst gele­sen, und konnte es nicht glau­ben, wie tref­fend und ver­nich­tend der Autor Ulli Tück­man­tel das Wesen des Fern­seh­mo­de­ra­tors Johan­nes B. Ker­ners dekon­stru­iert hat — nicht allein aller­dings, son­dern mit Hilfe eines fast 50 Jahre alten Auf­sat­zes von Umberto Eco über den ita­lie­ni­schen Quiz­mas­ter Mike Bongiorno.

Tück­man­tel schreibt:

(…) wie kann man nicht an Ker­ner den­ken, wenn man so wun­der­volle Sätze liest, wie: »Er ach­tet sorg­fäl­tig dar­auf, den Zuschauer nicht zu beein­dru­cken, indem er sich nicht nur unwis­send zeigt, son­dern auch ent­schlos­sen, nichts dazuzulernen.«

(…) Ker­ner hat keine Ahnung von den Dimen­sio­nen der Komik, die er erschließt, wenn er einen 29-Jährigen Geis­ter­se­her ohne jeden Anflug von Iro­nie fragt, ob Tote im Stu­dio anwe­send sind, und dann in sei­ner buch­hal­te­ri­schen Manier nach­hakt, wie viele Tote es wohl gemes­sen an der Publi­kums­zahl sein könnten.

Und sel­ten habe ich einen Satz gele­sen, der mein manch­mal dif­fu­ses Unbe­ha­gen gegen­über Ker­ner so auf den Punkt bringt wie dieser:

Wie Bon­giorno akzep­tiert er vom Main­stream abwei­chende Mei­nun­gen sei­ner Gäste nicht aus libe­ra­ler Über­zeu­gung, son­dern aus Desinteresse.

(Schön ist aber auch, dass ich nicht der ein­zige bin, der einen sol­chen Arti­kel nicht in die­sem Medium erwar­tet hat. Ein Leser kom­men­tiert: »Sie müs­sen neu im Team der RPO sein. Bitte machen Sie nach Ihrem Prak­ti­kum doch bitte dort wei­ter so!« Nun: Tück­man­tel lei­tet bereits das »Report«-Ressort der Gesamt­aus­gabe der »Rhei­ni­schen Post« und schreibt in die­ser Funk­tion auch Kom­men­tare, die mir gar nicht beha­gen.)

(Meine eigene Kri­tik steht in der »taz«.)

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